Freitag, 1. Februar 2008

Alles Spastis oder was?

Als Eltern im 21. Jahrhundert hat man oft das Gefühl, unter Erfolgsdruck zu stehen. Und unsere Kinder? Dank Heilpädagogen, den Medien und konkurrenzierenden Eltern stehen auch sie unter dem Druck, der Theorie zu entsprechen. (Artikel erstmals online August 2007)



Habt ihr im ersten Baby-Jahr auch diese Briefe von Pro Juventute erhalten? Ich wollte immer genau wissen, welcher der nächste Entwicklungsschritt sein würde oder sollte. Und obwohl man den Texten ungefähr entnehmen konnte was von einem beispielsweise neunmonatigen Kind zu erwarten wäre, wurde im Anschluss immer betont, dass jedes Kind anders ist und riesige Unterschiede in der Entwicklung völlig normal sind. Ich kann es nicht leugnen, ich war sehr stolz auf meine Tochter als sie dann 3 Tage vor Ihrem ersten Geburtstag anfing zu gehen…..als ob sie den ersten Platz in der Normalitätsskala gewonnen hätte. Irgendwie war es einfach auch beruhigend, dass sie so normal war, als hätte ich eine Hürde geschafft.

Beim zweiten Kind bin ich nicht mehr so erpicht auf diese Informationen, schließlich weiß ich jetzt auch was das selbstständige Gehen alles so mit sich bringt.

Von drollig zu unterentwickelt

So lange die Kleinen noch niedlich sind, sagen wir bis etwa zwei Jahre, werden ihre Eigenarten noch nicht so kritisch unter die Lupe genommen, es ist ja auch alles immer noch irgendwie drollig.

Plötzlich fangen sie aber an zu trotzen, (ganz normal, versichern uns die Fachleute) und ganz verschiedene Facetten ihres Charakters kommen zum Vorschein, und zwar nicht die angenehmen und schon gar nicht drollige.

Es gibt ganz klar Kinder die wirklich Entwicklungsstörungen haben und wir alle sind froh um die Fachpersonen, die uns und unsere Kinder unterstützen können. Aber es ist auch eine Tatsache, dass es momentan en-vogue ist, irgendwelche Störungen bei Kindern zu diagnostizieren.

„Ja klein Elias ist motorisch etwas unterentwickelt….“ Klein Elias kann mit viereinhalb Jahren seinen Malstift noch nicht wie Picasso halten und Radfahren (ohne Stützräder versteht sich) klappt auch noch nicht.

Da kommen noch die sprachlichen Probleme hinzu, denn nun ist das entzückende Lispeln nicht mehr gefragt und wenn bei den ersten Schreibversuche das P verkehrt rum geschrieben wird ist der Verdacht auf Dislexie naheliegend.

Wer ist denn hier hyperaktiv?

Nicht zu vergessen sind natürlich auch die hyperaktiven Kinder mit der begleitenden Aufmerksamskeitstörung. Mir ist bewusst, dass es wirklich überdurchschnitlich aktive Kinder gibt. Aber sollten wir nicht ein wenig Vorsicht walten lassen bei hyperaktiv schnellen Diagnosen? Die meisten Kinder wirken zeitweise etwas hyperaktiv, besonders für Bekannte, die selbst keine Kinder haben. An gewissen Tagen ist meine Älteste besonders überdreht, und ich find es dann auch ziemlich anstrengend und befremdend. Tatsache ist jedoch, dass diese kleinen Energiebündel viel unternehmungslustiger sind als die meisten von uns Erwachsenen. Der Gedanke, sich in einen bequemen Sessel zu flezen und stundenlang ein Buch zu lesen ist für sie schlichtweg unbegreiflich, genauso wie im Kreis rennen und kreischen für uns.

Diesen August kommt meine Grosse in den Kindergarten und freut sich auch riesig. Ich hingegen sehe das Ganze mit einem gewissen Vorbehalt. Als wir Eltern uns an einem Orientierungsabend der Gemeinde versammelten, wurde nicht nur, aber oft, von einer Heilpädagogin gesprochen. Zwei mal pro Schuljahr kommen diese Heilpädagogen vorbei und untersuchen jedes Kind auf eine Vielzahl von möglichen Schwächen und Störungen. Da sträuben sich bei mir die Nackenhaare! Und nun kommt mein Clinch: Einerseits will ich nicht, dass ein wirkliches Problem unentdeckt bleibt und meine Tochter dadurch Schwierigkeiten kriegt sich dann später auch in der Schule zu recht zu finden. Aber noch weniger möchte ich, dass ihre Eigenarten voreilig kritisiert werden. Die Gefahr, dass sie diese mitleidbeladene Kritik zu spüren kriegt und dann genau deswegen einen „Knopf“ hat, ist gross. Sicherlich haben die Eltern das letzte Wort in den meisten Fällen, aber dieses Gefühl, „etwas stimmt bei mir nicht“ will ich meinem Kind weitmöglichst ersparen.

Lasst Kinder Kinder sein!

Der Rat meiner Kinderärztin war kurz und bündig, „Ach ehrlich, lassen sie doch mal diese Kinder Kinder sein!“ Und falls Ihr euch literarisch schlau machen wollt, empfiehlt es sich die „Baby Jahre“ und „Kinder Jahre“ von Remo Largo zu lesen. Er erzählt anhand von Beispielen und vertritt keine fest gefahrenen Meinungen.

Es gibt viele Ansichten, was ein Kind wann und wie können sollte. Viele dieser Meinungen sind wahrscheinlich auf dem Spielplatz entstanden, wo sich konkurrierende Mütter durch die Leistungen ihrer Kinder vergleichen. „Ja, mein Jonny konnte schon als Fötus das ABC und kam dann auch Rad fahrend und stubenrein auf die Welt.“ Und das erzählt sie, während ein anderes Kind im Dreck sitzt und versucht, sich einen Kieselstein in die Nasenlöcher zu drücken, und selbst dies gelingt ihm nicht auf Anhieb.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie reagiert euer Umfeld? Habt ihr eventuell sogar etwas unternommen? Schreibt uns!




1 Kommentar:

Brigitte hat gesagt…

Ich stimme euch voll und ganz zu, vor allem, wenn ihr sagt, die anderen Mütter beeinflussen diesen "Konkurrenzkampf". Grausam was gewisse Mütter und Grossmütter (die sind besonders schlimm) so von sich geben, wenn es um die Fähigkeiten ihrer Sprösslinge geht. Gäbe es wirklich so viele überdurchschnittlich intelligente Kinder, hätten wir doch ein Problem. Aber die meisten Kinder sind eben ganz normal und entwickeln sich nach und nach und nicht alle gleich. Gottseidank!

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