Freitag, 3. Februar 2012

Wie viele sollen's denn sein?





Eins, zwei oder doch ganz viele? Über die Entscheidung, ein Einzelkind zu haben. Oder eben nicht.


In letzter Zeit kann ich nirgends mehr hinschauen, ohne dass mir das Thema «Geschwister» um die Ohren fliegt... familienleben.ch schreibt über Grossfamilien, wir eltern Bloggerin Rita Angelone nahm diese Woche Zwillinge ins Visier und das deutsche Magazin «Nido» setzt sich mit Geschwister und deren Bedeutung auseinander. Alles ganz interessant, aber irgend etwas fehlt doch da, oder nicht? 

Jene Kinder, die heute fast stigmatisiert werden, als hätten sie ein solch hartes Los gezogen, dass ihnen einfach nicht mehr zu helfen ist. Einzelkinder. Und ja, ich bin ein solches Einzelkind. Ein verwöhntes dazu. Ich hatte Eltern, die mich vollkommen uneingeschränkt liebten – es heute noch tun – mir wurde jeder Wunsch von den Augen abgelesen und ich musste nichts und niemanden teilen. Hat das aus mir eine verwöhnte Prinzessin auf der Erbse gemacht? Das müsste man vielleicht mein Umfeld fragen, aber darum geht es heute eigentlich gar nicht. Oder nicht nur. 

Denn seit es Einzelkinder gibt, gibt es auch dieses «Gerücht», es tue einem Menschen nicht gut, keine Geschwister zu haben. Ein Kind lerne ohne nervige kleine Schwester oder beschützerischen grossen Bruder nicht, sich in der Welt zurechtzufinden. Einzelkinder könnten nicht teilen, sich nicht wehren und sähen dauernd ihre königliche Position bedroht. Zu den wenigen positiven Aspekten dieser ach so traurigen Kindheit ist die vielzitierte Kommunikationsfreudigkeit. Schliesslich muss sich ein Einzelkind seine Gspänli hart erarbeiten.
Das ist überhaupt so ein Thema: Freunde. Das Praktische an Geschwistern ist ja für Eltern angeblich, dass mehr Kinder sich auch mehr miteinander beschäftigen und Mami in Ruhe käfelen kann. Ein Einzelkind muss dauernd in’s Pekip, Muki oder sonstwohin geschleppt werden, damit es Kontakt zu anderen Kindern hat. Also nichts mit käfelen. 

Persönlich finde ich das alles totalen Blödsinn! Wenn ich eine Beschäftigung für mein Kind suche, kaufe ich ihm ein Haustier (nicht als Spielzeug natürlich, ich will doch keine Beschwerden vom Tierschutzverein), da mache ich ihm doch kein Brüderchen oder Schwesterchen! Meine Mutter wäre doch mit mir nie und nimmer an irgendwelche Kurse – hätte es sie denn gegeben – gegangen, nur um mich zu ermuntern, mit anderen Kindern zu sozialisieren. Zweijährige spielen sowieso nicht wirklich «miteinander», sondern nebeneinander. Und keine Mutter lebt auf einer totalen Insel, irgendwelche Kontakte werden sich wohl ergeben. Spätestens im Kindergarten löst sich das Problem von alleine. 
 
Eine Freundin von mir fragte mich vor Kurzem, ob ich ihr empfehlen würde, ein zweites Kind zu haben, damit das Erste nicht alleine ist. Meine Antwort? Verläuft die Kindheit unproblematisch, sprich, alle gesund, Eltern bleiben zusammen und alle haben sich lieb, ist eine Kindheit als Einzelkind wunderbar, es kennt es ja nicht anders. Sobald jedoch Hürden auftauchen, wünscht sich wahrscheinlich jedes Kind früher oder später ein Geschwister. Mit dem man eben nicht das Spielzeug, sonder vor allem die Sorgen und Ängste teilen kann, die beispielweise eine Scheidung mit sich bringen. Das hätte ich mir damals zumindest gewünscht. Damals und heute. Denn wenn Eltern älter werden und irgendwann mal nicht mehr da sind, ist man ohne Geschwister ganz allein. 
 
Eltern, die nicht wissen, ob sie bei einem Kind bleiben sollen oder lieber noch eins mehr in die Welt setzen, sollten sich also überlegen, wie sie die eigene Kindheit erlebt haben. Und dann aus dem Bauch entscheiden. Einmal mehr.

Donnerstag, 2. Februar 2012

Von persönlichen Freiheiten und staatlichem Hütedienst





Alleinerziehend wird immer «normaler». Das sei zwar traurig, aber kein Grund für eine Erweiterung der Tagesstrukturen an Schulen. So zumindest sieht es eine SVP-Kantonsrätin.


«Ich finde es traurig, dass es fast schon normal ist, alleinerziehend zu sein.»

Mit diesem Satz lehnte die Geschäftsfrau und SVP-Kantonsrätin Theresia Weber-Gachnang diese Woche im Tages Anzeiger das im Dezember angedachte FDP-Projekt für mehr Tagesschulen in Zürich und Winterthur ab. Oder besser gesagt, die staatlich Übernahme des «Hütedienstes» von Schweizer Kindern, wenn Eltern «die Arbeit als persönliche Freiheit ausleben wollen». Und wenn die Arbeit mit Freiheit gar nichts zu tun hat? Was fängt eine alleinerziehende Mutter mit dieser Aussage an?

Die Geschäftsfrau, die übrigens selber drei Kinder hat und deren Geschäft das Sekretariat ihres Bauernbetriebs darstellt, behauptet auf Ihrer Homepage, dass für sie die «traditionelle Familie in der Eigenverantwortung, Gleichberechtigung, Mitbestimmung und Förderung aller Fähigkeiten nicht nur leere Worthülsen sind» einsteht.
Was bedeuten diese Worte, die keine Hülsen sein wollen, nun wirklich? Ein Erklärungsversuch:

Eigenverantwortung: Eltern sollen ihre Kinder gefälligst selber «hüten»?

Gleichberechtigung: Zwischen wem und wem? Mann und Frau? Arm und reich? Verheiratet und alleinerziehend (wohl eher nicht)?

Mitbestimmung: Aber nur, wenn es mit dem Parteiprogramm übereinstimmt?

Förderung aller Fähigkeiten: Was, wenn die grösste Fähigkeit einer Mutter die Ernährung der Familie ist?

Die 53-jährige erklärt weiter, bei ihr wären für die Betreuung der Kinder Familie, Nachbarn und Freunde eingesprungen. Nun stellt sich doch die Frage: Wieso soll es nun eher Aufgabe der Familie, Nachbarn und Freunde sein, ihre Kinder zu «hüten», als die des Staates, für den sie später einmal Steuern zahlen werden (um in der gewohnten Wortwahl der SVP zu bleiben)?

Im erwähnten Artikel des Tages Anzeigers gesteht Theresia Weber-Gachnang dennoch grosszügig die Zwickmühle ein, in der sozial schwächere Familien stehen. Tagesschulen nennt sie in diesen Fällen einen «Lösungsansatz». Eine Lösung bringt sie indes selber nicht. Auch für Alleinerziehende nicht.

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