Montag, 23. August 2010

Nein, wir wissen nicht, wie das ist, Bänz!

Meine verehrte, von mir viel zitierte Putzsusi Bänz Friedli hat mich heute auf die Palme gebracht: Nein Bänz, wir wissen nicht, wie du dich fühlst. Denn wir sind normal! Ein offener Brief.

Lieber Bänz

Du liest mit deinem bespuckten Finger Stäubchen und Brösmeli vom Boden auf. Und schämst dich bei Besuch, wenn es nicht picco bello sauber ist im Haus. Doch damit nicht genug, es kommt sogar noch schlimmer: Du kriechst auf dem Boden rum, um den Abfall deiner Kinder beim Fussballspiel aufzusammeln. Unsereins würde dazu doch einfach finden "Sälber ufläse, Saugoofe!"

Mein lieber Friedli, du machst mich fertig. Liegt es daran, dass du ein Mann bist, oder wieso musst du als Hausfrau immer so perfekt sein und uns Normalsterbliche aussehen lassen wie die letzten Messis?

Ich finde Hausarbeit extrem uninteressant, um es einmal milde auszudrücken. Mutter zu sein bringt viele Freuden mit sich und ich würde nie wieder ohne Kinder sein wollen. Doch was die Bezeichnung Mutter eben mit sich bringt, nennt sich auch Raumpflegerin, Reinemachfrau, Zugehfrau, Haushälterin und all die anderen fiesen Wörter, die uns allzusehr an Heidi in Frankfurt erinnern.

Aber ich weiss von anderen Hausmännern, dass es nicht so sein muss, Bänz. Die lassen ihre Socken an ihrem Papi-Tag trotzdem rumliegen und versuchen nicht, Mami beim Putzen zu übertrumpfen. Wenn sie den Müll rausbringen, ist der Haushalt für sie erledigt!

Was mich am meisten aufregt? Dass ich nicht einfach den Hut ziehen kann vor einem Mann, der denkt wie eine Frau (aus dem letzten Jahrhundert, zugegeben, aber immerhin). Wieso regt mich das auf? Bin ich neidisch? Finde ich dich unsexy mit deinem Fimmel?

Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich dich eigentlich ziemlich cool finde und diese Seite von dir so gar nicht auszuhalten ist. Bitte, bitte, sei wieder ein cooler Papi, Linker und Musikkritiker und erzähl mir nichts mehr von deinen Putzmittelparties! Sonst muss ich mich auch noch anmelden und mit anderen Super-Hausfrauen über iPad-vernichtende Mitteli fachsimpeln, um nicht mehr das Gefühl zu haben, als Hausfrau total versagt zu haben.

Danke und alles Gute

Deine Rabenmutter

Bänz Friedli jeden Montag im Migros Magazin, zum Lesen und Aufregen. Oder auch nicht.

Donnerstag, 19. August 2010

Teilzeit Mutter

Sind berufstätige Mütter immer noch Aliens?
Nach der Babypause wieder zu arbeiten erscheint heutzutage zwar logisch, ist aber für die meisten Frauen noch mit einem schlechten Gewissen verbunden. Warum eigentlich?



Baby. Pause. Zumindest für uns Frauen werden neun Monate Schwangerschaft durch eine mehr oder weniger lange Babypause „belohnt“. Anfangs ist das auch nützlich und wichtig. Die drei B’s müssen berücksichtigt werden: Bonding, Beckenbodentraining und Brustentleerung. Nach ein paar Monaten allerdings sieht frau oft ein, dass die sogenannte Belohnung eher einem vergifteten Geschenk gleicht. Aus den drei B’s wird nämlich zusehends ein ganzes Alphabet, das es abzuhaken gibt. Von A wie „Ach du Scheisse, wie krieg ich die Kilos wieder runter?“ bis Z „Wo Zum Teufel ist mein Still-BH?“ besteht unser Alltag aus lauter nervigen, stressigen, langweiligen Momenten, die uns den geliebten Beruf vermissen lassen.

Mir ging es auf jeden Fall so. Nun ist die Pause vorbei und ich stelle mit enormer Erleichterung fest: „Ich bin keine Hausfrau mehr!“ Denn Mutter bleibe ich ja, also hat sich meine Bezeichnung von „Hausfrau und Mutter“ auf Mutter gekürzt. (Wer sich jetzt darüber aufregt, dass ich solch altbackene Ausdrücke statt „Familienfrau“ gebrauche, dem sei gesagt, dass ich keine Frau kenne, die durchaus gerne für ihre Familie da ist, jedoch nicht liebend gerne den Hausfrauen-Part sausen lassen würde. Die Bezeichnung Familienfrau verschweigt blumig, dass wir eben auch Putzfrauen sind.) Leider macht sich der Haushalt jetzt nicht von selber, lediglich die Bezeichnung gefällt mir besser.

Ich bin also wieder eine berufstätige Mutter. Klingt gut. Klingt nach Doppelbelastung, aber im positiven Sinn. Positiv, da ich es mir aussuchen kann. Im Gegensatz zu den meisten, die arbeiten müssen, tue ich dies sozusagen zum Spass. Denn ich habe das Glück, einen Beruf zu haben, der mir Spass macht. „Und die Kinder etwa nicht?“ werden jetzt die einen oder anderen entgegnen. Doch natürlich. Spass ist vielleicht nicht das richtige Wort. Ich liebe sie. Über alles. Aber meine grauen Hirnzellen verlangen eben manchmal nach mehr als „Was git’s hüt?“ und „Dä Kevin isch sones A....!“.

Ob ich manchmal ein schlechtes Gewissen habe? Ich gebe zu, ich frage mich schon gelegentlich, ob mich meine kleine Tochter den ganzen Tag vermisst und ob mein Sohn am Mittagstisch auch mag, was er vorgesetzt bekommt. Aber das – egoistische? – Gefühl, endlich wieder arbeiten zu dürfen, mit Leuten über anderes als Schule und Schoppen zu reden, schlägt das schlechte Gewissen mit einem lauten „Attackeeee!“-Schrei in die Flucht.

Denn ich habe es satt, mir von der Gesellschaft immer mehr Vorschriften zum Muttersein machen zu lassen: Länger stillen, gesünder kochen und zu hause bleiben, damit die Kinder nicht traurig sind. Es ist ja nicht so, dass ich zweimal die Woche einen Wellnesstag einlege. Oder shoppen gehe. Auch wenn mir mein Job Spass macht, gratis würde auch ich nicht arbeiten gehen. Also tu ich dies doch genauso für die Familie, wie alles andere auch.

Ehrlich gesagt hätte ich diese Problem nicht, würde ich noch in der Stadt leben. In unserem Dorf ist es jedoch so, dass die meisten Mütter Vollzeitmütter sind (auch eine bescheuerte Bezeichnung, als wäre so etwas wie Teilzeitmutter überhaupt möglich). Und ich mich immer wieder rechtfertigen muss, wieso und wie oft ich arbeiten gehe. Worauf ich mich fühle wie Alf bei den Tanners: Von einem anderen Planeten.

Und schon wieder eine Mutter, die ihre Wahl rechtfertigt.... Sind wir am Ende selber schuld, dass wir nicht selbstbewusster auftreten?

Sonntag, 15. August 2010

You are not alone...

Das beste, ehrlichste, intelligenteste Buch, das ich seit langem gelesen habe: Ayelet Waldmanns "Böse Mütter". Denn sie gibt alles zu. Die Langeweile, die Verblödung, den Zickenterror, den Egoismus, aber auch die zahlreichen Glücksmomente als Mutter. Inspirierend!

Mit ihrer Aussage, sie liebe ihren Mann mehr als ihre Kinder, hat sie Amerika vor ein paar Jahren in einem Essay in der New York Times empört. Die Krimiautorin und ehemalige Strafverteidigerin hat es gewagt, das unaussprechliche zu sagen. Dass ihre Kinder ihren Mann nie ersetzt haben und deshalb keine Pole Position einnehmen. So! Und das reicht eben schon, um aus ihr eine böse Mutter zu machen. Schliesslich sind unsere Kinder ALLES und nichts, nicht einmal deren Vater hat das Recht, ihnen diese Platz streitig zu machen.

Sie erklärt wunderbar ehrlich und ohne Rücksicht auf die "Mütterpolizei" (denn die kritischsten Stimmen kommen leider aus den eigenen Rängen), wieso sie immer noch gerne Sex mit ihrem Mann hat (weil er im Haushalt genau so viel macht, wie sie) und wieso sie nach einer Woche Vollzeit-Mutter fast verrückt wurde.

Dieses Buch zeichnet sich dadurch aus, dass es nicht in die Rubrik "Freche Frauen" gehört, deren Abteil in der Bücherei vor pinken Umschlägen, High-Heels und Cocktailgläsern schon von weitem zu sehen ist. Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Mutter, die es bereut hat, ihre erfolgreiche Karriere aufzugeben, um "für ihre Kinder da zu sein". Denn unsere Kinder brauchen keine anwesenden, aber unglücklichen Eltern. Sondern zufriedene Eltern, die ihr Leben selber definieren, auch wenn sie nicht jedes neue Wort oder kleine Bobo mitkriegen.

Fazit: Es soll eben jeder so, wie er will und kann. Die Mütterpolizei hat ausgedient.

Freitag, 13. August 2010

Kaninchen à l'americaine

Eine etwas zweifelhafte Studie behauptet, 50% der amerikanischen Frauen lieber Sex aufgeben würden, als ein paar Kilos zuzulegen. Wen wundert's?

Die Studie ist aus mehreren Gründen zweifelhaft: Erstens wurde sie vom Gewichtskontroll-Programm "Nutrisystem" aufgegeben. Ha! Wäre der Pharmakonzern Pfizer (Hersteller von Viagra) wohl auf dasselbe Resultat gekommen? Eben!

Zweitens erfährt man erst im Lauftext der Studie, dass es beim Verzicht auf Sex nur um die Zeitspanne des Sommers geht. Nun sagt sich die zweifache Mutter: "Einen Sommer lang keinen Sex, dafür darf ich essen was ich will, ohne zuzunehmen? Ein Klacks!"

Ausserdem ist es doch so: Je fetter, desto unsexier. Das Gefühl meine ich, nicht den Sex Appeal. Also ich fühle mich nach zehn abgespeckten Kilos erfahrungsgemäss attraktiver als wenn ich gerade eine Pizza mit Bier vertilgt habe.

Meine erste Reaktion auf die Studie war jedoch vor allem, dass es mich nicht wundern würde, wenn Amerikanerinnen den Sex gerne aufgeben würden. Und zwar wegen der männlichen Gattung, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bewohnt. Nicht, dass ich wahnsinnig viel Erfahrung mit US-Männern hätte. Ihr Ruf eilt ihnen jedoch voraus: Sie wollen viel Sex, am liebsten jeden Tag und möglichst kurz. Und da sag'ich mir einfach, wenn ich Kaninchen will, dann bitte mit Polenta und nicht im Bett!

Aber der Sommer ist ja bald vorbei und die Bikini-Figur tritt wieder in den Hintergrund. Dann darf die Libido wieder mitreden...

Dienstag, 10. August 2010

Auf ein Gläschen Me Time

Ein paar Strassen vom Strandhaus entfernt, das wir in Amerika zusammen mit Schwestern, Onkeln, Grosseltern, Cousinen, Schwägerinnen und Schwagern gemietet hatten, gab es eine kleine Apéro-Bar, in der man vorzügliche Margaritas geniessen konnte. Die Bar war stets voll und ganz nach meinem Geschmack. Bis auf den Namen: Sie hiess «Me Time».



Von Nicole Althaus für den Mamablog

Nicht, dass ich etwas gegen die Zeit auszusetzen hätte, die man sich für sich selber nimmt. Im Gegenteil. Die Vorzüge der Me-Time sind nicht zu überschätzen. Vorab für Eltern. Doch die Karriere des Wortes verhält sich leider umgekehrt proportional zur Me-Time, die Menschen sich heute auch tatsächlich noch gönnen. Vorab Eltern. Vorab in den USA.

Das Me-Time- Glaubensbekenntnis hat mich die letzten drei Wochen in Amerika auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Werbewelt und vorab die Babyindustrie hat den Terminus vollkommen vereinnahmt und ihn bis zur Sinnlosigkeit entleert:

Ein Stück Me-Time für jeden Tag – verspricht die Werbung für ein Duschgel. Ein Glas Grüntee ist neuerdings nichts weniger als koffein- und kalorienfreie Me-Time. Das Zeitungsabo wird zur Me-Time, die sich jeder leisten sollte. Das richtige Babybett verspricht den Eltern geruhsamere Me-Time in der Nacht. Und nach der Snuggle Time mit Baby darf Mama ihren müden Beinen in einem Bad die wohlverdiente Me-Time angedeihen lassen. Fehlt eigentlich nur noch der ungestörte Gang auf die Toilette! Me-Time par excellence!

Seit wann, fragte ich mich, sind ganz normale Tätigkeiten wie Lesen, Duschen, Teetrinken oder Baden zur Freizeitaktivität geworden? Zu Auszeiten, die man sich bewusst gönnen muss, wenn die Kinder grad bei Oma sind oder bereits schlafen? Ist die tägliche Dusche oder das Lesen einer Tageszeitung wirklich so ungeheuer, dass wir dafür unsere Freizeit oder Me-Time dafür opfern müssen? Hat uns der Nachwuchs so sehr im Griff, dass eine Margarita den fast schon verwegenen Höhepunkt eines Erwachsenenurlaubs darstellt? Haben Eltern irgendwann im letzten Jahrzehnt Aufzucht mit Selbstaufgabe verwechselt?

Offenbar. Am Strand vor dem Haus jedenfalls wurden die Sandburgen von einem metergrossen Alleinherrscher regiert und von mindestens drei erwachsenen Sklaven jeden Alters gebaut. Mütter fütterten ununterbrochen, mahnten, putzten, lobten und rieben ihre Jungschar mit Sunblocker ein. Bücher lesen sah man ausschliesslich Kinder oder Kinderlose. Und mich. Ich gönnte mir doch tatsächlich 455 Seiten Me-Time und fühlte mich kein bisschen asozial.

Ich glaube nämlich nicht, dass meine Töchter verdursten, wenn ich ihnen nicht permanent mit einer Wasserflasche nachspringe. Ich glaube nicht, dass ich den Bau jeder einzelnen Sandburg begleiten und auf Video dokumentieren muss, damit die Kinder sich dereinst an die Ferien erinnern. Ich glaube, dass Ferien auch für Mütter und Väter tatsächlich und wirklich Auszeit bedeuten, und nicht bloss auf ein Gläschen Margarita und ein Bikini-Waxing rationierte Me-Time. Und ich glaube, dass sich Kinder allein beschäftigen können und ab einem gewissen Alter, das doch beträchtlich unter der Volljährigkeit liegt, auch mal aus dem elterlichen Blickfeld verschwinden dürfen.

Das liegt wohl daran, dass ich Europäerin bin, dachte ich. Bis ich gestern abend den Stapel Post öffnete, der sich in unserer Abwesenheit auf dem Tisch angesammelt hatte. Darunter eine Werbebroschüre eines neuen Coiffeurgeschäfts. Am Zürichsee. «Kinderhaarschnitt – Cüpli und ein paar ruhige Minuten fürs Mami inklusive», stand da.

Jetzt macht mal Pause, bitte! Aber keine, die in einem Glas serviert wird.

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