Montag, 26. Mai 2014

Die Anwälte unserer Kinder



Kinder wehren sich immer seltener selber. Und wenn sie es doch tun, werden sie abgemahnt. Gedanken zu unserer Rolle als ihre Anwälte.

Ein 7-Jähriger fasst einer 8-Jährigen ans Fudi. Zweimal. Nicht cool, gar nicht cool. Ich möchte keinen Zweifel daran lassen, dass es für niemanden okay ist, einen anderen Menschen anzufassen, ohne dass dieser das will. Auch in der Primarschule nicht. 

Die Sache fand in den USA statt, aber das ist nicht von Belang. Es hätte auch bei uns passieren können, tut es bestimmt auch ab und zu. 7-jährige Jungs sollten keine Mädels ungefragt anfassen und wenn im Amerikanischen von «Groping» die Rede ist, darf man das getrost mit «Grabschen» übersetzen. Geht nicht, keine Frage.

Die Schule setzt ihn nach dem ersten Mal in eine andere Klasse, doch er tut es wieder. Das Mädchen fühlt sich je länger je unwohler, worauf sich Familie und Schule einigen, das Mädchen wechselt die Schule. Dies alles wissen wir, weil die Mutter des Mädchens zum Fernsehen ging und einen 7-jährigen Jungen öffentlich anprangert, von einem «Angriff» auf ihre Tochter spricht und sich fürchterlich darüber aufregt, dass man ihr nahegelegt hat, sie solle die Schule wechseln. Ausserdem habe man die Frechheit gehabt, sie zu fragen, wieso sie sich nicht gewehrt habe. 

Doch lehren wir unseren Kindern überhaupt noch, sich zu wehren, selber auf eine problematische Situation zu reagieren? Oder sind wir derart zu den Anwälten unserer Kinder mutiert, dass sie selber gar nicht mehr wissen, wie das geht? Wann haben Sie das letzte Mal zu Ihrem Kind gesagt «Und wenn er/sie dich weiter nervt, dann hau ihm/ihr eine runter!». Noch nie? Eben! 

Es geht hier nicht darum, Gewalt zu propagieren, aber wenn mir Gewalt angetan wird – und was Grabschen angeht, ist das klare Gewalt –, dann sollte ich mit Gewalt antworten können. Und wollen. Auch wenn es nur darum geht, ein Zeichen zu setzen, aber wenn mir einer an den Po langt, dann kriegt er eine gelangt!

ABER: Das darf man heute nicht. Kinder dürfen nicht mehr ihre Reflexe walten lassen, wenn sie sauer oder enttäuscht sind oder wenn sie gar – wie das begrabschte Mädchen – Angst haben. Heute wird kommuniziert, geredet, Verträge unterschrieben, dass man das nie wieder tut. Und wenn das nichts nützt, ruft man die Eltern und die sollen schlichten. Was meist viel weniger gut klappt, als wenn das die Kids selber erledigt hätten, von mir aus mit ein paar Ohrfeigen. Doch dann würden die Eltern wohl erst recht gerufen, so viel Gewalt geht ja gar nicht!

Dass die Schule zu allem Übel so ärmlich reagiert und die Schülerin lieber von der Schule schickt, als das Problem wirklich anzugehen, gehört für mich in das Paradoxon der modernen Pädagogik, die ich als zweifache Mutter in den meisten Fällen schlicht nicht verstehe. Oder meinen Sie nicht, ein 7-jähriger Junge würde kein zweites Mal grabschen, wenn er eine gescheuert gekriegt hätte? Kommunikation läuft schliesslich nicht immer verbal!

Freitag, 23. Mai 2014

Der Kleine wird gross!


An meinen Grossen, der seinen 10. Geburtstag feiert...
10 Jahre. Ein Jahrzehnt. Zehn mal 365 Tage. Klingt nach viel, ist es aber nicht. Das war doch gerade erst gestern, als du mich mit deinen damals noch sehr dunklen und nachdenklichen Augen ansahst, als wolltest du erst mal sicher gehen, dass du hier richtig bist. Und dann das erste Lächeln. Jenes Lächeln, das heute noch den Raum erhellt, indem du dich befindest. Dieses Lächeln, von dem alle Frauen im Bekanntenkreis behaupten, du würdest damit eines Tages Frauenherzen brechen. Ich hoffe es nicht! Aber meines hast du damit erobert. Und wie!

Als du dich vor zehn Jahren aus den Tiefen meines Uterus’ gemeldet hast und auf die Welt kommen wolltest, war ich shoppen. Eine Noch-Nicht-Mutter im Glattzentrum. Mit deiner Nonna. Natürlich konnte ich ihr nicht sagen, dass ich offenbar gerade im Begriff war, ihr Enkelkind im Neonlicht zur Welt zu bringen. So schnell bin ich die Strecke bis nach hause gefahren. Und am nächsten Tag war ich schon die Bald-Rabenmutter!

Das heisst, unterwegs musste ich auch noch halten: Hagelsturm. Hysterisch, wie ich langsam war, rief ich deinen Papa an, der darauf nicht minder hysterisch mit seiner Vespa nach hause raste (eigentlich hast du Glück, das deine Eltern jenen Tag überlebt haben...).

Am nächsten Tag warst du da. Die Einzelheiten erspare ich dir, es gibt wenig Schlimmeres als die Mutter, die ihren Kindern dauernd vorhält, wie furchtbar anstrengend ihre Geburt doch war!

Seit jenem Tag füllst du mein Herz mit soviel Freude und Stolz, dass ich sprichwörtlich manchmal zu platzen drohe. Natürlich nervst du auch manchmal, wie alle Kinder. Doch du wohnst seit zehn Jahren in meinem Herzen und da ist wenig Platz für schlechte Gefühle. 

Das kann einem aber auch niemand erklären, bevor man es selber erlebt hat: Diese absolut bedingungslose Liebe, die immer da ist, auch wenn ich dich wiedermal ins Zimmer geschickt habe, weil du mich geärgert hast und du mich von oben anbrüllst, wie unfair das sei. Dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit, wir als Familie gegen den Rest der Welt!

Heute wirst du 10 Jahre alt und ich fürchte mich jetzt schon davor, deinen 20. Geburtstag zu feiern. Werden die nächsten zehn Jahre genauso schnell vorbei gehen? Oder gar noch schneller? Wirst du dann immer noch so viel von dir und deinem Alltag erzählen, um uns an deinem Leben ausserhalb unsere Heims teilhaben zu lassen? Wird dein Lächeln die Sonne immer noch in den Schatten stellen? (Ziemlich sicher schon.)

Deshalb nehme ich mir fest vor, die Zeit mit dir bis dahin einfach nur zu geniessen. Bevor du vielleicht wortkarg oder gar mufflig wirst (mir graut etwas vor der Pubertät, merkt man das?). Und bevor du ein Mann wirst. Denn du bist auf dem besten Weg dazu und ich vermisse meinen kleinen Jungen manchmal jetzt schon. Und bin gleichzeitig stolz darauf, was aus dir werden wird. Egal, was oder wer du sein wirst. Du bist und bleibst mein Kleiner. Ich hab dich lieb.

Deine Mama

Donnerstag, 22. Mai 2014

Unterbezahlte Kindererzieher



Der Kanton Zürich hat zu wenig Kindergärtnerinnen. Wer will den unterbezahlten Job schon, bei dem die Kunden rumschreien und sich die Schuhe nicht selber binden können? 

1000 Kinder werden im Kanton Zürich nach den Sommerferien neu eingeschult. Das gibt in vielen Schulhäusern mindestens eine neue Klasse, wie der «Tages-Anzeiger» letzte Woche schrieb. Nun ist der Lehrermangel bekannt, bei den Kindergärtner und -innen ist die Wüste noch trockener:
Laut Brigitte Fleuti, Präsidentin des Verbandes Kindergarten Zürich, hat sich schon lange abgezeichnet, dass bald mehr Kinder eingeschult und entsprechend mehr Lehrpersonen auf Kindergartenstufe gebraucht werden. Dass es nun doch zu einem Lehrermangel gekommen ist, erklärt sie mit den hohen Anforderungen, die eine Kindergärtnerin erfüllen muss, ohne angemessen entlöhnt zu werden. So gelte es, Kinder mit Sprachschwierigkeiten und speziellen Bedürfnissen zu integrieren und jedes Kind einzeln zu fördern. Die Kinder seien immer jünger, viele hinkten in ihrer Entwicklung hinterher. Viele Kindergärten seien in zu kleinen Räumen mit schlechter Schalldämpfung untergebracht. Der Lärmpegel sei entsprechend hoch, was für die Lehrperson stressig sei.
Oder anders gesagt: Nein, danke! Eine Kindergärtnerin ist voll ausgebildet und erhält dennoch nur 87% ihrer Lohnstufe! Immer noch nicht ganz ernst genommen, verlangen auch wir Eltern viel von den Kindergartenlehrer/innen: Die Kinder sind immer jünger, viele – aus diversen erziehungstechnischen Gründen – dem Schulalltag noch nicht gewachsen und von vielen Eltern werden ganze Erziehungsprogramme verlangt. Wer badet das aus? Die Frauen und Männer, die sich tagaus, tagein mit unseren Kindern beschäftigen, ihnen Tolles beibringen, sie trösten und fördern. Aber weniger Lohn erhalten als Primarschullehrer!
Wieso? Welche Begründung gibt es dafür? Gerade der Kindergarten ist doch der wichtigste Schritt in Richtung Schule. Wenn hier keine motivierten Menschen sind, wird den Kleinen der Einstieg in die Schule doch vermiest, oder nicht? Sind diese – meist sehr kinderliebenden – Lehrer/innen wirklich weniger wichtig und ernst zu nehmen, als die späteren? Ich glaube nicht.
Der Mangel führte jetzt dazu, dass man neue Kindergärtner/innen kurzfristig ausbildet, und zwar in ganzen 3 Tagen! Ich gehe davon aus, dass sowieso nur kinderliebende Menschen diesen Job machen wollen, aber dennoch: Schnellbleiche? Kindergärtnerin light? Der Frust ist bei den bereits Ausgebildeten vorprogrammiert.
Was meinen Sie? Sollte man den Berufsstand aufwerten oder sind Kindergarten-LehrerInnen wirklich nicht so wichtig?

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