Die Anwälte unserer Kinder

Kinder wehren sich immer seltener selber. Und wenn sie es doch tun, werden sie abgemahnt. Gedanken zu unserer Rolle als ihre Anwälte.
Ein 7-Jähriger fasst einer 8-Jährigen ans Fudi. Zweimal. Nicht cool, gar nicht cool. Ich möchte keinen Zweifel daran lassen, dass es für niemanden okay ist, einen anderen Menschen anzufassen, ohne dass dieser das will. Auch in der Primarschule nicht.
Die Sache fand in den USA statt, aber das ist nicht von Belang. Es hätte auch bei uns passieren können, tut es bestimmt auch ab und zu. 7-jährige Jungs sollten keine Mädels ungefragt anfassen und wenn im Amerikanischen von «Groping» die Rede ist, darf man das getrost mit «Grabschen» übersetzen. Geht nicht, keine Frage.
Die Schule setzt ihn nach dem ersten Mal in eine andere Klasse, doch er tut es wieder. Das Mädchen fühlt sich je länger je unwohler, worauf sich Familie und Schule einigen, das Mädchen wechselt die Schule. Dies alles wissen wir, weil die Mutter des Mädchens zum Fernsehen ging und einen 7-jährigen Jungen öffentlich anprangert, von einem «Angriff» auf ihre Tochter spricht und sich fürchterlich darüber aufregt, dass man ihr nahegelegt hat, sie solle die Schule wechseln. Ausserdem habe man die Frechheit gehabt, sie zu fragen, wieso sie sich nicht gewehrt habe.
Doch lehren wir unseren Kindern überhaupt noch, sich zu wehren, selber auf eine problematische Situation zu reagieren? Oder sind wir derart zu den Anwälten unserer Kinder mutiert, dass sie selber gar nicht mehr wissen, wie das geht? Wann haben Sie das letzte Mal zu Ihrem Kind gesagt «Und wenn er/sie dich weiter nervt, dann hau ihm/ihr eine runter!». Noch nie? Eben!
Es geht hier nicht darum, Gewalt zu propagieren, aber wenn mir Gewalt angetan wird – und was Grabschen angeht, ist das klare Gewalt –, dann sollte ich mit Gewalt antworten können. Und wollen. Auch wenn es nur darum geht, ein Zeichen zu setzen, aber wenn mir einer an den Po langt, dann kriegt er eine gelangt!
ABER: Das darf man heute nicht. Kinder dürfen nicht mehr ihre Reflexe walten lassen, wenn sie sauer oder enttäuscht sind oder wenn sie gar – wie das begrabschte Mädchen – Angst haben. Heute wird kommuniziert, geredet, Verträge unterschrieben, dass man das nie wieder tut. Und wenn das nichts nützt, ruft man die Eltern und die sollen schlichten. Was meist viel weniger gut klappt, als wenn das die Kids selber erledigt hätten, von mir aus mit ein paar Ohrfeigen. Doch dann würden die Eltern wohl erst recht gerufen, so viel Gewalt geht ja gar nicht!
Dass die Schule zu allem Übel so ärmlich reagiert und die Schülerin lieber von der Schule schickt, als das Problem wirklich anzugehen, gehört für mich in das Paradoxon der modernen Pädagogik, die ich als zweifache Mutter in den meisten Fällen schlicht nicht verstehe. Oder meinen Sie nicht, ein 7-jähriger Junge würde kein zweites Mal grabschen, wenn er eine gescheuert gekriegt hätte? Kommunikation läuft schliesslich nicht immer verbal!
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