Dienstag, 17. März 2009

Der perfekte Z'Nüni

Noch letzten Sommer regte ich mich darüber auf, dass die Schule in Sachen Ernährung nicht mit gutem Beispiel voran geht. Seit Mitte März jedoch gibt es nichts mehr zu meckern. Das Schul- und Sportdepartement der Stadt Zürich hat neue Richtlinien für die Ernährung vorgestellt: An den Schulen soll kein ungesundes Essen mehr zu Verfügung stehen. Das gilt natürlich auch für Kindergarten, Hort und Sportanlässe. Endlich!


Dachte ich zumindest am Anfang. Doch sind wir ehrlich: Werden unsere Kinder wirklich nur von der Schule in ihrer Ernährung beeinflusst? Sind es nicht viel mehr wir Eltern, die mehr darauf achten müssten, unseren Kindern gesunde Z’Nünis mitzugeben?

Lustigerweise behaupten sämtliche Eltern, mit denen ich bis anhin über das Thema gesprochen habe, sie würden ihren Kindern nur Gesundes zu essen geben. Logisch! Süsses ist schliesslich nichts für den Pausenplatz sondern für zu hause, wenn man den Kindern etwas Gutes tun will, weil sie brav waren. Wie Fernsehen. Woher kommen dann bloss die Chips und Gummibärli auf dem Pausenplatz?

Artischocke versus Schoggikuchen
Eine Freundin von mir erhielt zu Beginn des Schuljahres einen Flyer mit gesunden Z'Nünis, Früchte, Gemüse, nichts Süsses. Mein Favorit darunter ist und bleibt die Artischocke! Das stelle sich mal einer vor, wie wir unseren Kindern lauter distelartige Korbblüten in s’Chindsgitäschli stopfen! Und die Sauerei danach! Schliesslich weiss jeder, dass bei der Artischocke nach dem Essen mehr im Teller liegt als davor.

Und gleichzeitg gibt es beim Kerzenziehen, an der Fasnacht oder am Sporttag nur Kuchen und Süssgetränke. Da muss es doch einen Mittelweg geben.

Obwohl ich es mir vor meinem ersten Kind fest vorgenommen hatte, gehöre ich heute nicht zu den Müttern, die immer einen gesunden Z’Vieri dabeihaben. Fenchel, Kohlräbli und Radiesli sind mir zuwider und die Gemüserüsterei geht mir sowieso auf den Senkel. Bevor mein Grosser in den Kindergarten kam, hatte ich oft Früchte oder ähnliches dabei, Süsses gehörte bestimmt nicht dazu. Aber heute bin ich ehrlich gesagt zu faul, etwas vorzubereiten und verlasse mich auf das Angebot vor Ort. Dieses ist jedoch oft verheerend!

Die Kindermenus in den meisten Restaurants bieten lediglich eine Auswahl an fettigen Würstli oder Nuggets mit noch fettigeren Pommes Frites. Spaghetti Bolo ist noch das Beste auf der Karte. Um dem entgegenzuwirken fragen sie im Fast Food Restaurant, ob man zum Hamburger lieber Pommes oder Rüebli-Stäbli möchte... Sind wir ehrlich, wenn schon Junk Food, dann richtig!

Fazit: Meine Kinder dürfen ab und zu Ungesundes essen. Aber dafür gibt es spezielle Lokale und Gelegenheiten. Überall sonst hätte ich gerne auch etwas Gesundes zu Auswahl und in der Schule erst recht. Ob die Kids das dann essen, ist noch mal eine ganz andere Diskussion...

Peter Schneider zu gesundem Essen: Das Essen ist heute so gefährlich wie früher Sex

Wie ich bitterfotzig wurde

Sie hielt sich für gleichberechtigt ‒ bis sie ein Kind bekam. Maria Sveland schrieb ein Buch über ihr Leben als junge Mutter. Und brachte damit ganz Schweden auf.

Es ist die traurige Wahrheit. Immer noch. Die Gleichberechtigung von Frau und Mann endet, sobald sie Mutter und Vater werden. Mit der Geburt des ersten Kindes ist schlagartig alles beim Alten. Im Kopf wie im Alltag. Ein Sprung zurück in die sortierten Fünfzigerjahre: Kinder sind der Zuständigkeitsbereich der Mutter; sie gluckt, ab sofort, bis zu jenem Tag, an dem es nicht mehr verlangt sein wird.
Natürlich will auch der Vater unbedingt ein guter Vater sein, auf keinen Fall einer wie sein eigener Vater, sondern präsent und beteiligt, aber dann ist da auf einmal dieser Wurm, der schreit und sich offensichtlich nur beruhigt, wenn die Mutterbrust ihm den Mund stopft. Was kann er als Vater schon ausrichten? Ohne milchsatten Busen und ohne diesen angeborenen Instinkt, dem Wurm immer das genau Richtige zu geben?

Es scheint ein naturgegebenes Dilemma, bei dem sich alle in ihre naturgegebenen Rollen zu schicken haben. An das man sich wohl irgendwann irgendwie gewöhnt, und sicher wird es später besser werden, wenn die Kinder erst grösser und handfester sind; aufhören, Rockzipfler zu sein.
Oder man gewöhnt sich nie an die Ungerechtigkeit. Wie Maria Sveland. Vielleicht ist ihr Gedächtnis dafür schlicht zu gut. Vielleicht hat sie nicht vergessen können, was man sie über drei Jahrzehnte glauben gemacht hat: dass sich eine Frau denselben Raum nehmen darf wie ein Mann, und ihn sich so einrichten darf, wie es ihr entspricht.

Als sie vor sechs Jahren ihren Sohn Leo bekam, war ihre Selbstverständlichkeit futsch. Als Naivität entlarvt. Ihr Mann Olof bereitete in Leos ersten Wochen eine Inszenierung an einem Theater, weitab von Stockholm, vor – es war seit Langem abgemacht –, und sie blieb zu Hause mit diesem kleinen Wesen, das sich nicht so ohne Weiteres an die Welt ankoppeln liess, mit einem Busen, der vor Milch barst, schmerzte und ihren ganzen Körper in Fieber versetzte. Und auf einmal fühlte sie sich selber wieder winzig klein, dem Leben ebenso wenig gewachsen wie Leo, und sollte ihm doch den Weg weisen, ohne Ahnung, wohin der ging.

Erst heulte sie, klammerte sich an Olof, flehte, er solle sie nicht allein lassen, dann wurde sie böse, richtig böse, auf ihn, auf alle, die es hinnahmen, sich klein zu fühlen, schlimmer noch, sich klein machen zu lassen von den Umständen. Die Umstände, diese anderen Umstände, die nicht nach neun Monaten Schwangerschaft vorbei waren, wie alle behaupteten – sie konnten nicht unabänderlich sein. Maria Sveland wollte sich nicht arrangieren, nicht anfangen, in den Umständen Bedingungen zu sehen, solche, die zwangsläufig zu einem einzigen faulen Kompromiss führen.

Also traf sie zwei Entscheidungen. Sie entschied sich gegen ihr quälend schlechtes Gewissen und verduftete. Obwohl Leo erst ein gutes Jahr alt war, verzog sie sich für eine Woche auf eine spanische Insel, gönnte sich Alleinsein und den Trost, eine eigene Person zu sein, wie früher. Dort, im sicheren Abstand zu ihrer kräftezehrenden neuen Situation, entschied sie sich, ihr Hadern, ihre inneren und äusseren Kämpfe festzuhalten und ein Buch darüber zu schreiben, einen Roman, kein Pamphlet, trotz der rasenden Wut, die sie antrieb.

Auch ihre Heldin reist zu Beginn auf eine sonnige Insel; den zweijährigen Sigge lässt sie beim Vater. Eine Woche lang beobachtet sie die Hotelgäste, meint jede Menge Verbitterung in den erloschenen Gesichtern der Frauen festzustellen und schwört sich, den Anfängen ihrer eigenen «Bitterfotzigkeit» zu wehren. Jenem schalen Gefühl, ständig zu kurz zu kommen, nur noch Versorgungsmaschine zu sein. Und sie kann nicht umhin, sich verwundert die Augen zu reiben, angesichts dessen, dass sie gerade noch mit ihrem Mann auf gleicher Höhe war, und nun alles an ihr – etwa ihre Sehnsucht nach Einsamkeit oder nach Zeit ohne Kind – unwesentlich zu sein scheint.

Vieles von dem, was Maria Sveland erzählt, hat sie erlebt und empfunden, aber es ist nicht nur ihre Geschichte, nicht nur ihre Enttäuschung. Deshalb kauften es Tausende Schwedinnen und Schweden, aus jeder Generation, jeder Schicht. Mehr als 160 000 Menschen, eine Riesenzahl für ein Land, das neun Millionen Einwohner hat. Maria Sveland, die Bestsellerautorin, wurde in jede Talkshow eingeladen, um ihre ungeheure Wut zu erklären, und mit freundlicher Lüsternheit darüber ausgefragt, wie viel Autobiografisches ihr Buch enthalte. Blöde Frage, hätten es sonst hundertsechzigtausend mit ihrer eigenen Geschichte abgleichen wollen? «Die Interviewer waren geradezu besessen von diesem Gedanken, aber das passiert allen Autorinnen. Ist es bloss deine persönliche Erfahrung, bist du weniger gefährlich. Dann gilt es als privat, nicht als politisch», sagt sie fast zwei Jahre nach dem Erscheinen von «Bitterfittan».

Ja keine Märtyrerin sein
Bitterfittan, Bitterfotze – der Titel ihres Buches ist so radikal wie sein Inhalt. Maria Sveland mochte nicht denen, die Frauen den Mund verbieten wollen, indem sie sie «frigide Zicke» oder «verbitterte Fotze» nennen, das Feld überlassen, und kam ihnen mit «Bitterfotze» zuvor. Sie nannte es so, damit es kein anderer tat. Ein Akt der Selbstverteidigung, sagt die 35-Jährige, weil sie mit Hass und Aggression der Leser fest gerechnet hatte.

«Eine Bitterfotze ist für mich eine Reaktion auf eine kranke Gesellschaft», sagt Maria Sveland, «sie ist das Gegenteil einer Märtyrerin, einer Frau, die Schmerz und Ärger herunterschluckt, während die Bitterfotze die Nase voll hat und auf die Barrikaden geht.» Wehrhaft bleiben, nicht kleinmütig werden, das hat sich Maria Sveland vorgenommen. Deshalb nennt sie die Dinge beim Namen, ob sie damit aneckt oder nicht. Und man ertappt sich dabei, dass man ihre Schonungslosigkeit und Härte, mit der sie das tut, nicht in Deckung bringt mit der Frau, die vor einem steht. Als müsste eine, die nicht aussieht wie die beinharte und beinbehaarte Klischee-Emanze, weniger Kampfgeist besitzen. Als dürfe sie kein so klares, hübsches Gesicht haben, kein warmes Lächeln, keine seebrisenreingewaschene Haut. Als könnte ihre Weiblichkeit vom Eigentlichen ablenken. Es müssen diese verzopften Vorstellungen sein, bei Männern wie bei Frauen, die nach wie vor als Bremsklötze wirken. Dabei ist es letztlich gar keine feministische Haltung, vielmehr eine gesellschaftliche. Und sehr simpel: Es geht alle an.

Das erklärt die Sprengkraft ihres Buches, in ihrer Heimat wie hoffentlich auch hier. Zunächst feierte man Maria Sveland, dann schimpften sie einige schwedische Medien undankbar. Zwar fiel nie der Vorwurf der Nestbeschmutzerin – «wir Schweden denken nicht nationalistisch» –, doch empörte man sich, dass sie sich überhaupt beschwerte, ausgerechnet in Schweden, das in Sachen Emanzipation und Kindererziehung überall für vorbildlich gehalten wird.

Tatsächlich übernimmt in Schweden jeder Mann im ersten Lebensjahr für mindestens zwei Monate die Vollbetreuung seines Kindes, tatsächlich ist beinahe ausnahmslos jedes Baby in der Krippe, welche seine Eltern maximal 100 Euro monatlich kostet. Aber, hebt Maria Sveland, die selbst zur ersten schwedischen Krippengeneration gehört, an, aber, sagt sie, die restlichen zehn Monate der staatlich bezahlten Elternzeit kümmere sich fast immer die Mutter ums Kind, und jeder finde das völlig normal. Aber, sagt Maria Sveland: Statistisch betrachtet, arbeiten Väter nach der Geburt eines Kindes deutlich mehr als weniger. Aber, setzt sie wieder an, holt tief Luft, Untersuchungen haben ergeben, dass sich Kinder erst an fünfter Stelle von ihren Vätern trösten lassen wollen, nach Mutter, Grosi, Grossätti und Lehrer. Und obwohl sie eine der wenigen Mütter ist, die an diesem kalten Mittwochnachmittag in Stockholm ihre Söhne von Krippe und Hort abholt, ansonsten bloss Väter die Schuhe ihrer Ebba oder ihres Rasmus zusammensammeln – werden die Kinder krank, bleiben fraglos die Mütter zu Hause. Von denen sowieso nur eine Handvoll, anders als die Väter, hundert Prozent arbeitet.

Es sind diese vielen Aber, die Maria Sveland nicht aus den Augen verlieren will, «das ist ja der Grund, warum wir es heute besser haben: Frauen haben sich vor hundert Jahren lautstark beschwert». Besonders wütend macht sie, dass man viele Frauen gar nicht zum Schweigen bringen müsse, sie litten ohnehin still vor sich hin. Überzeugt davon, es sei ihr persönliches Versagen, falls sie der Überforderung nicht standhalten. Sie machen es sich in der Opferrolle gemütlich, belügen sich selbst, indem sie sich einreden, dass sie das wollen, was sie kriegen. Und es ist kein Widerspruch, dass Maria Sveland irgendwann mittendrin den Satz fallen lässt: «Es ist das Grösste für mich, Mutter zu sein.»

Manche Freunde von ihr wunderten sich nach der Lektüre von «Bitterfotze»: «Maria, du hast doch so einen Ausnahmemann», ihre Mutter – die sich, sagt ihre Tochter, immer mit allem zufrieden gab – war erschrocken, dass man mit diesem Traummann und -schwiegersohn ernstlich Eheprobleme haben kann. «Das zeigt doch nur die niedrigen Erwartungen, die wir alle haben», entgegnet Maria Sveland, «Olof ist nicht besser und nicht schlechter als andere.»

Von etlichen dagegen wurde ihr Mann als Waschlappen betrachtet, als Pantoffelheld, schon deswegen, weil er so eine Suffragette zur Frau habe. Oft hörte er die erstaunte Frage «Was, ihr seid gar nicht geschieden?». Zum Glück stehe er nicht nur drüber, erzählt Maria Sveland, er sei sogar sehr stolz auf sie, darauf, dass sie es schaffte, eine derartig heftige gesellschaftliche Debatte im Land auszulösen.
Sie will sich scheiden lassen
Die fand zuerst bei ihnen daheim statt. Nachdem Leo geboren wurde, stritten sie sich ein langes Jahr lang bis aufs Blut, Abend für Abend, über all die traditionellen Bilder einer tausendjährigen Geschlechterkultur, die plötzlich aus der Tiefe eines kollektiven Unbewussten emporstiegen. «Mein Mann aber hat sehr feine Sinne und sah ein, dass wir vieles ändern müssen, insbesondere unsere Sicht auf uns als Eltern, damit wir nicht an der Ungleichheit in der Liebe scheitern.» Das Buch habe ihre Ehe gerettet, sagt sie. Trotzdem denke sie nach wie vor gelegentlich an Scheidung. «Die Ehe steht für alles, was ich nicht mag, für Unterdrückung und Unrecht. Es war sehr dumm von mir, mit dreiundzwanzig zu heiraten.» Manchmal würden sie beide überlegen, und das höchstens halb im Scherz, sich scheiden zu lassen und danach eine grosse Party zu machen. An ihrer Liebe würde es nicht kratzen, doch sei es ein Statement.

Ein Statement wie ihre Wortschöpfung «Bitterfotze». Und Statements wie dieses, je drastischer, desto besser, sind mehr denn je gefragt, sowas lässt sich hervorragend verkaufen. Es ist kein Zufall, dass Svelands Debüt auf Deutsch beim Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch herauskam, dem Verlag, der zuvor das unerschrockene Werk einer anderen jungen Autorin abgelehnt hatte. Und das – auch das Verlagsgeschäft ist ein Geschäft – wahrscheinlich bald arg bereute, als es sich über anderthalb Millionen Mal verkaufte.

Charlotte Roches «Feuchtgebiete» wurde von Teilen des Feuilletons als Fanal einer kühnen, aber unverbiesterten Alice-Schwarzer-Nachfolgerin interpretiert. Es fordere dazu auf, sich als Frau dem Schönheits-und-Hygiene-Wahn zu widersetzen. Allerdings wäre es billig, aus Roches «Feuchtgebieten» lediglich den Schlachtruf «Wascht euch nicht mehr und pflegt eure Hämorrhoiden!» herauszulesen, so billig wie aus «Bitterfotze» den Appell «Seid keine Vollblutmütter!». Statt Frauen gegeneinander oder gegen die Männer auszuspielen, geht es darum, den Finger auf die Wunde zu legen: Wo steckt der Fehler im System?

Zum Beispiel in der Tatsache, dass die Arbeitswelt es Männern nicht erlaubt, einen guten, gut bezahlten Job Teilzeit zu machen, damit sie ihre Kinder mit genug Geld und Liebe versorgen können. Oder in dem Irrglauben, als Frau müsse man seine Ansprüche mädchenhaft-verschämt säuseln. Man kann sie nämlich auch breitbeinig herausbrüllen. Bitterfotzig eben.

Mag es auch zuweilen nach perfekter Marketingstrategie riechen und muss sich Kiepenheuer & Witsch in der Branche zu Recht den Spott gefallen lassen, mit «Bitterfotze» nun noch eins draufsetzen zu wollen – den zwei Autorinnen ist es bitterernst.

Sie sind in bester Gesellschaft. In jüngster Zeit wagte sich eine ganze Reihe von «angry young women», zornigen jungen Frauen, an die Öffentlichkeit, mit Büchern, die «Hure» heissen oder «Nackt» oder «Moomlatz oder wie ich versuchte in Asien meine Unschuld zu verlieren». Ob Ragnhild Moe in Norwegen, Diablo Cody in den USA, Helen Walsh in England, Oksana Robski in Russland, Rebecca Martin oder Sarah Kuttner in Deutschland, Melissa P. in Italien, Raquel Pacheco in Brasilien, Iris Bahr in Israel oder Dorota Maslowska in Polen, sie alle scheuen nicht davor zurück, sich in ihren Texten auszuziehen und ihre Lust, die aufs Kommen und die aufs Vorkommen, offen zu zeigen. So wie ihre Unlust, sich zu fügen (Moe tat es buchstäblich und posierte nackt fürs Cover ihres Romans.)
Ihnen ist manches gemein: Sie haben keine Angst, sich zu entblössen. Keine falschen Hemmungen vor einer pornografischen Sprache. Kein primitives Feindbild – um seinen komplizierten Part beneidet den Mann keine von ihnen. Und sie alle sind sexy und bereit, mit ihrer Wirkung zu spielen. Nach ihren Regeln.

Im Schatten junger Mädchenblüte wächst, was seine Wurzeln in den Siebzigerjahren hat. Bei feministischen Schriftstellerinnen wie Erica Jong («Angst vorm Fliegen») oder Märta Tikkanen («Wie vergewaltige ich einen Mann?»). Maria Sveland knüpft in «Bitterfotze» sogar unmittelbar bei Jong an, zitiert ihre Lieblingsstellen aus «Angst vorm Fliegen» und fragt sich nach der Vergleichbarkeit ihrer beider Situation. Wie viel oder wie wenig hat sich seit damals für Frauen und Männer verändert?
Dem ein oder anderen mögen die Forderungen von Maria Sveland überzogen erscheinen, und in gewisser Weise sind es gewaltige, weil sie alles umfassen, das Kleine wie das Grosse. Aber sind sie deshalb falsch?

Die Frauenbewegung war eine der erfolgreichsten politischen Bewegungen, hat in Gang gesetzt, was nicht auf halber Strecke stecken bleiben sollte. Und Wut hat Wucht. «Ich bin auf vieles enorm sauer», sagt Maria Sveland, «man kann ja gar nicht anders als sehr sauer werden, wenn man auf die Welt schaut.» Frauen würden weniger als Männer verdienen, in denselben Berufen, weltweit erführe ein Drittel von ihnen massive Gewalt, und in vielen Ländern seien Frauen kaum durch Gesetze vor Missbrauch geschützt. Nachgewiesen sei auch, dass verheiratete Frauen häufiger psychisch und körperlich krank würden als weibliche Single, wogegen Ehemänner im Durchschnitt gesünder seien als Junggesellen. Die Liste der Benachteiligungen liesse sich endlos fortsetzen, sagt Maria Sveland, am dringlichsten sei ihr aber, dass endlich die alltägliche Ungleichheit in Beziehungen und Familien aufgehoben werde.

«Solange wir die mütterliche Daueranwesenheit und die permanente Abwesenheit des Vaters als Normalfall betrachten, anstatt Elternschaft als gemeinsame Verantwortung zu sehen, solange werden wir keine totale Gleichberechtigung erreichen», glaubt Maria Sveland. Der Mythos von der perfekten, glücklichen Mutter und der Powerfrau, die alles gleichermassen wuppt, Arbeit, Kinder, Liebesbeziehung, der werde vor allem von den Müttern selbst immer wieder neu genährt. Die bekannte schwedische Journalistin Hanne Kjöller etwa arbeitete sich gleich mit einem ganzen Buch an Svelands «Bitterfotze» ab, in welchem sie die heilige Mutterschaft beschwor.

Kotzen vor schlechtem Gewissen
Maria Sveland macht in jedem Augenblick den Eindruck, als sei sie mit vollem Herzen bei der Sache: Sie schlittelt mit ihren Jungs über den zusammengeschmolzenen Restschnee, wieder und wieder. Der Kleine jammert, ist müde vom Krippentag, und sie hält ihn bei Laune, mit den typischen kleinen Muttertricks. Nie käme man auf die Idee, dass es ihr allmählich reicht, nach den zwei Monaten, die sie ihren Mann wegen einer Regiearbeit von Leos und Max’ Betreuung freihalten musste. In letzter Zeit hat sie ihre Schreibstube in dem Bullerbü-Holzhäuschen von 1730, in dem man sich nicht mal nach der Decke strecken muss, um sie zu berühren, gegen drei Uhr nachmittags verlassen, damit sie pünktlich bei Krippe und Hort ist. Jetzt freut sie sich, dass die Premiere naht und ihr Mann die nächsten Monate ausschliesslich ranmuss. Ein schlechtes Gewissen, weil sie ihrer Mutter-Rundum-Verfügbarkeit überdrüssig ist, hat sie kein bisschen.

In «Bitterfotzig» erklärt der Vater, warum sich ihm der Sohn bei der Rückkehr glücklich in die Arme werfe, während er die Mutter mit Nichtbeachtung strafe. Bloss aus dem einen Grund, sagt er: «Ich habe nie ein schlechtes Gewissen, wenn ich weg bin, aber du hast so viele Schuldgefühle, dass du fast kotzen musst. Und Sigge spürt dein schlechtes Gewissen, es bestätigt ihm, dass er im Recht ist, wenn er böse auf dich ist.»

Ach, vielleicht könnte wirklich alles leichter sein, nur dadurch, dass man sich als Mutter zugesteht, was einem zusteht. Und wer weiss, vielleicht würden die anderen dann einfach nachziehen.

Text: Anushka Roshani für Das Magazin

Montag, 9. März 2009

Netter, als man denkt

Mein Grosser ist krank. Kindergarten, Schlagzeugstunde, Freunde treffen, das alles fällt aus. Für mich kein Problem, da ich von zu hause aus arbeite. Wie steht es aber mit Müttern, die geregelten Arbeitszeiten nachgehen? Ist der Gesetzgeber wirklich so gemein, wie allgemein angenommen?

Ich stelle immer wieder fest, dass Mütter in der Arbeitswelt einem Irrtum unterliegen. Es herrscht die allgemeine Meinung, Eltern dürfen lediglich 3 Tage frei nehmen, um ihre Sprösslinge im Krankheitsfall zu pflegen. Also im Idealfall 6 Tage, wenn der Vater sich ebenfalls bequemt, Sitzungen etc. abzusagen. Dies ist aber so nicht ganz richtig. Gemäss Art. 324a der Schweizerischen Obligationenrechts dürfen Eltern bei Bedarf nämlich soviel frei nehmen, wie nötig ist. Seine Kinder zu pflegen gehört nämlich zur Sorgfaltspflicht von Mamma und Papa.

Drei Tage wären ja auch ein Witz! Stellt euch vor, eine Familie mit drei Kindern. Da uns Müttern das Glück ja meist nicht so hold ist, werden die drei Kids nämlich nicht miteinander sondern nacheinander krank. Da reichen drei Tage gerade mal, um die verschwitzten Bettlaken zu wechseln und die Kotze wegzuputzen.

Ihr seht, der Gesetzgeber ist netter, als gedacht. Zumindest in diesem Fall.

Von fiesen Arbeitgebern, die in solchen Situationen zickig reagieren, berichte ich ein andermal...


Donnerstag, 5. März 2009

Baby-Tagebuch: Endspurt

Eine Freundin von mir ist schwanger. Ich freue mich riesig für sie. Nun gehört sie zu denen, die ganz viele Fragen stellen und ehrliche Antworten wollen. So wollte sie wissen, ob ich eigentlich gerne schwanger bin.


Ganz ehrlich? Nicht mehr! Die letzten Wochen machen mich fertig. So problemlos meine Schwangerschaft bis anhin lief und ich mich sehr auf meine kleine Tochter freue, so mühsam empfinde ich jetzt den Endspurt. Denn ich habe das Gefühl, schon seit Wochen die vierzig Wochen überschritten zu haben.

Ich wäre schon bei meiner ersten Schwangerschaft froh gewesen, wenn mir jemand ehrlich gesagt hätte, wie es ist, schwanger zu sein. Also wollte ich nichts verschönern, auch für meine Freundin nicht.

„Geniess die Zeit noch!“ höre ich immer wieder. Wenn man jedoch wie ich in den „Genuss“ von Elefantenfüssen, praktisch totaler Unbeweglichkeit, schmerzenden Beinen und dauernder Lust-, Atem- und Schlaflosigkeit gekommen ist, mutet dieser Rat etwas zynisch an.

Vielleicht bereue ich die nächsten Worte in ein paar Wochen wieder, aber ich werde die Zeit geniessen, wenn die Kleine endlich da ist. Trotz der schlaflosen Nächte und der über 1000 Stunden Windeln wechseln (doch, ich habe es ausgerechnet!). Denn für mich gibt es nichts Schöneres als mein frisch gestilltes Baby, das in meinen Armen einschläft, nachdem es mich noch angelächelt hat.

Also bringe ich die letzten Tage einfach nur hinter mich. Und genau das habe ich meiner Freundin auch ehrlich gesagt. Das Kinderglück kann ich ihr nicht beschreiben. Das muss man selbst erleben.

Erschienen im wir eltern Nr. 3/2009

rabenmutter.ch abonnieren