Samstag, 2. August 2008

Egoismus = Harmonie

Haben wir's doch gewusst: Eine gesunde Portion Egoismus ist eben doch gesünder! Lasst euch nicht unterkriegen und meldet eure Bedürfnisse an. Eure Familie wird schon merken, dass es mehr bringt und ihr zufriedener seid. Lest den Artikel aus dem Migros-Magazin:

Egoisten seien rücksichtslos, sagt man. Doch wer seine Bedürfnisse wahrnimmt, ist zufriedener und davon profitiert das Umfeld. Wie gesunder Egoismus gelebt werden kann, zeigt die Aargauer Familie Weber-Scherrer.

Im Garten des orangen Einfamilienhauses im ländlichen Zufikon AG herrscht Harmonie. Mutter Margrit Weber-Scherrer (50), von Beruf Coach und Mediatorin, Vater Ulrich (56), selbständiger Unternehmens-berater und die beiden Kinder Myriam (16) und Manuel (14) sitzen gemütlich beisammen, legen Bratwürste auf den Grill und erzählen von ihrem Tag. «In einer Familie prallen stets unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander, und diese muss man unter die Lupe nehmen», sagt Margrit Weber-Scherrer. Nur wenn man diese kenne, könne man sich abgrenzen und gleichzeitig mit anderen verbunden sein. Ein wenig Egoismus, hat die Familie herausgefunden, tut deshalb dem Zusammenleben ganz gut.

Alle dürfen ihre Bedürfnisse ausleben
Beide Elternteile setzen sich dafür ein, dass die Sprösslinge ihre Sehnsüchte ausleben können. Die Kantonsschülerin Myriam geht zweimal wöchentlich ins Judo, ihr Bruder Manuel musiziert und spielt Fussball. Vater Ulrich Weber kehrt hin und wieder zu später Stunde nach Hause zurück, die Mutter führt abends oft Kurse durch. Nicht immer fällt es der Familie deshalb leicht, ein gemeinsames Abendessen einzuplanen. «Aber dank gegenseitiger Rücksichtnahme gelingt es uns doch, regelmässig an einem Tisch zu sitzen», sagt Sohn Manuel. Er schätzt diese Abende.

Dass die engagierten Familienmitglieder gelernt haben, trotz unterschiedlicher Bedürfnisse aufeinander einzugehen, führen sie auf ihre Art der Kommunikation zurück. Dazu gehört unter anderem, dass man Wünsche klar formuliert und Konflikte aus dem Weg räumt, indem man offen und einfühlsam darüber spricht.

Auch Wut, Frust und Trauer zulassen
«Es geht auch darum, aufgrund eines konkreten Ereignisses herauszufinden, welches Bedürfnis nicht befriedigt wurde», erklärt Margrit Weber-Scherrer. «Es handelt sich aber nicht um eine Streichelzoosprache», räumt sie ein, «denn Wut, Frust und Trauer sind starke Gefühle, die zum Ausdruck gebracht werden sollen.» Sie haue auch mal mit der Faust auf den Tisch, und es könne vorkommen, dass eines der Kinder die Türe hinter sich zuknalle.

Immer nur das Ego durchsetzen geht natürlich nicht. Das weiss auch Vater Ulrich Weber. Der 56-Jährige fährt gerne Motorrad und war kürzlich während einer Woche allein mit seinem Lieblingsfahrzeug unterwegs. Dafür tauscht er hin und wieder den Anzug gegen die Jogginghose und hält sich gemeinsam mit Tochter Myriam fit, begleitet Sohn Manuel zum Fussballmatch, plant mit seiner Frau eine Walkingrunde ein.

Wichtig ist zu wissen, was man braucht
Die ganze Familie ist sich einig: Seine eigenen Bedürfnisse zu kennen und sich nach ihnen zu orientieren, ist die Basis für ein glückliches Zusammensein. Und Margrit Weber-Scherrer doppelt nach: «Leider ist das in unserer Kultur häufig mit Schuldgefühlen behaftet, was in unserer Familie glücklicherweise kein Thema ist.» Trotzdem läuft auch bei der Zufiker Familie nicht immer alles harmonisch ab. Margrit Weber-Scherrer erzählt: «Meine Tochter ist einmal davongelaufen, ohne mir zu sagen, wohin. Ich habe ihr via SMS mitgeteilt, dass mir Vertrauen wichtig ist und ich sehr enttäuscht bin.» Zunächst rechtfertigte sich Myriam nur, doch schliesslich antwortete sie: «Ich verstehe, dass du traurig bist, aber ich bin auch traurig. Lass uns darüber reden.» Zum Glück, sagt Margrit Weber-Scherrer, greife ihr Mann ihr immer wieder unter die Arme. «Zum Beispiel, wenn ich für meine vielfältigen Arbeiten zugunsten der Familie zu wenig Wertschätzung bekomme.»

Kompromisse müssen erarbeitet werden
Myriam und Manuel sind nicht immer gleicher Meinung wie ihre Eltern – vor allem, wenn es darum geht, wie lange sie am Wochenende abends wegbleiben dürfen. Meist findet sich jedoch ein Kompromiss. Und auch der muss erarbeitet werden. Die Familienfrau erklärt: «Wenn die Emotionen den Zenit erreicht haben, sind die Menschen sehr bedürftig, und in diesem Moment gelingt es ihnen nur schwer, aufeinander einzugehen.» Zu einem späteren Zeitpunkt kann das Gespräch mit folgenden Fragen fortgesetzt werden: «Was ist dir wichtig, und was ist mir wichtig?»

Das Experteninterview (nach unten scrollen)

Literatur zum Thema

Text: Nathalie Zeindler


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