Sonntag, 2. Dezember 2007

Scheidung, Streit & Sorgerecht


Das Scheidungsrecht sieht in Zukunft gemeinsames Sorgerecht als Grundsatz vor. Ist das in der Praxis umsetzbar?

Das neue Scheidungsrecht ist seit Januar 2000 in Kraft und ermöglicht es beiden Elternteilen bei gegenseitigem Einverständnis das gemeinsame Sorgerecht zu beantragen.
Schöne wäre es, wenn dies in der Praxis auch umgesetzt würde, aber leider sind die meisten Scheidungen immer noch Schlammschlachten und enden im Streit.


Laut Statistik kommt das gemeinsame Sorgerecht in nur 30 Prozent der Fälle zustande. Es ist immer noch die Regel, nämlich 65 Prozent, dass das alleinige Sorgerecht der Mutter zugesprochen wird und in nur fünf Prozent den Vätern.

Man denkt bei diesen Zahlen sofort, dass die meisten Väter eventuell das alleinige Sorgerecht auch gar nicht möchten. Tatsache ist aber, dass dies fast drei Viertel der „Besuchsväter“ wollen. Hier hapert es aber bei den Müttern, bei der nur jede zehnte mit diesem Wunsch einverstanden wäre.

Das Familien-Modell
86 Prozent der Familien leben auch heute noch die traditionelle Aufgaben- und Rollenteilung.

Die Mütter sind für die Kinder und den Haushalt zuständig, der Mann ist der Ernährer und arbeitet Vollzeit. Interessant ist, dass diese klassische Rollenteilung in drei Vierteln der Fälle, bei gemeinsamem Sorgerecht, weiterhin bestehen bleibt.

Das grösste Problem ist, dass die Väter, die nur sehr selten einer Teilzeit-Arbeit nachgehen können oder wollen, oftmals das Gefühl haben, dass sie zu wenig Mitspracherecht bei der Erziehung haben. In den Fällen wo die Mutter das Sorgerecht zugesprochen bekommt, ist diese Sorge der „Besuchsväter“ verständlich, aber auch bei geteiltem Sorgerecht haben viele Bedenken, dass sie zunehmend weniger zu sagen haben.

Grundsatz gemeinsames Sorgerecht
Linus Cantieni, Gerichtsschreiber am Zürcher Bezirksgericht und Dozent für Familienrecht an der Uni Zürich, hat, gestützt auf seiner Dissertationsarbeit „ Gemeinsame Elterliche Sorge nach Scheidung, ein Gesetzestext“, miterarbeitet, der das gemeinsame Sorgerecht als Grundsatz vorsieht.

Herr Cantieni sieht, dass der gelebte Alltag und die Rechtslage in den meisten Fällen auseinanderklaffen, und somit nur selten eine, für alle Parteien gleichermassen, befriedigende Situation gelebt werden kann. Väter die sich benachteiligt fühlen, Mütter die entweder über Einmischung oder Vernachlässigung klagen, und Kinder die weiterhin im Mittelpunkt der Streitigkeiten stehen und sich im Loyalitätskonflikt befinden.

Um von Anfang an aus beiden Elternteilen Partner zu machen, soll von Gesetzes wegen zukünftig das Sorgerecht an beide Eltern gehen. So müssten die sich dann gar nicht erst um das Sorgerecht streiten, sondern von Anfang an zusammenarbeiten.

Grosse Fragen die das Wohl des Kindes angehen, wie bspw. einen operativen Eingriff, sollen von beiden Eltern entschieden werden. In Situationen, wo das Kind die meiste Zeit bei einem Elternteil lebt, soll dieser aber wiederum die elterliche Sorge weitgehend alleine ausüben können.

Es soll genau festgelegt werden, wer was im Alltag entscheiden darf, um somit den elterlichen Konflikt zu entschärfen. Das Gericht soll auch zukünftig noch die vereinbarte Unterhalts- und Betreuungssituation in Bezug auf das Kindeswohl überprüfen. Das Kindeswohl soll immer an erster Stelle stehen, den laut Herr Cantieni ist dem Kind am meisten gedient wenn sich die Eltern nicht mehr streiten.

Schwierig in der Umsetzung
Hört sich alles wunderbar an, aber ist es auch praktisch umsetzbar, oder läuft es schliesslich auf dassselbe hinaus? Persönlich denke ich, dass viele Väter zwar das Sorgerecht vordergründig möchten, aber sich selten bewusst sind, was es, im Alltag gelebt, dann wirklich bedeutet. Es ist aber auch klar, dass die Männer bei der heutigen Gesetzeslage meistens das Nachsehen haben. Ich würde mir wünschen, dass ich auch so weitsichtig und vernünftig wäre in einem Scheidungsfall, aber wie es in der Situation ist, weiss man erst im Nachhinein. Und bestimmt spielen die Emotionen verrückt, so dass einem vernünftiges Handeln sehr viel abverlangt.

Das gemeinsame Sorgerecht wäre sicherlich die beste Lösung. Sprich, wenn die Eltern ohne Streit die neue Situation in Angriff nehmen, und nicht sich selbst sondern die Kinder in den Vordergrund stellen.

Es kann aber nicht alles geteilt werden. Ein Kind braucht ein Zuhause, und sollte nicht immer hin und her geschoben werden, nur damit Mami und Papi nicht zu kurz kommen. Ein Elternteil wird einfach weniger präsent sein im Alltag. Es wäre unrealistisch zu erwarten, dass alles so weiter läuft wie früher nach einer Trennung.

Eine perfekte Lösung gibt es meiner Ansicht nach nicht, aber viel Verbesserungspotenzial.

Quelle: Beobachter Nr. 20, 2007.


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