Donnerstag, 23. Mai 2013

Les Misérables

Schwarzer Humor in einer rosa Welt: «Misère-sexuelle.com» heisst ein neues Buch, das treffend beschreibt, wie extrem lustig und gleichzeitig unendlich traurig Online-Dating sein kann.

Er hat sie alle getestet. Die grossen, die intimen, Nischen-Sites. Er hat gechattet, geflirtet, gedatet. Er hat sich sogar zweimal verliebt. Und ist mehrere Male auf die Nase gefallen.

Während zehn Jahren hat Stéphane Rose - 40, Bart, stattliche Postur – die einschlägigen Dating-Sites besucht und genutzt. Der französische Journalist und Autor hat sich in all den Jahren einen ziemlich grossen «Kriegsschatz», wie er es nennt, zusammengedatet. Und – weil Sex immer noch sells – ein Buch darüber geschrieben.

Orthographie-Loser und Gefühlstrampel
Von Stilblüten bis zu ausgesprochenen Peinlichkeiten, hat der die gesamte Bandbreite gesammelt, die User zu bieten haben. Ein paar Dutzend von ihnen haben ihm seine Geschichten erzählt, ein grosser Teil davon negativ und ein paar echte Love Stories.

All diese Erfahrungen und Geschichten erzählt Rose in seinem schwarzen Buch «Misère-Sexuelle.com» (mit dem langweiligsten Cover, das es je gab). Zum ersten Mal liest man hier über die versteckten Fallen, welche die schnulzige Werbung gberne unterlässt zu erwähnen. Endlich sagt einer, dass es online nicht einfacher ist, den Mann (oder die Frau) für’s Leben zu finden als in einer Bar.

Denn schreibwütige Online-Dater outen sich offenbar als totale Orthographie-Loser, wenn es darum geht, sich jemanden zu angeln. Auch sind die Aussagen meist derart durchschaubar, dass man sich kaum vorstellen kann, dass jemand darauf «reinfällt». «Ich würde mich um dich kümmern. Beim ersten Date könnten wir einfach als Freunde ausgehen, nach ein paar Minuten werden wir ja sehen, was die Gefühle sagen werden.» Na, das lässt der Dame ja viel Zeit zum «fühlen», nicht?

So schief man sich beim Lesen über Rechtsschreibe-Neandertaler lachen kann, so traurig ist aber die Kehrseite der Tastatur. Einsamkeit, Lügen, ein wenig Paranoia und schliesslich ziemlich viele Enttäuschungen stehen für den hoffnungsvollen User auf der Liste.

«Wie ein kapitalistisches System für Privliegierte»
Stéphane Rose ist zwar überzeugt, es könne durchaus klappen mit dem Kennenlernen, doch die User mit gesundem Menschenverstand – die mal sehen wollen, was sich aus einem angeklickten Profil ergeben kann – entsprächen leider nicht der Mehrheit. «Doch wenn man im echten Leben nicht verführen kann, klappt es virtuell auch nicht besser.» so Rose. «Es ist ein bisschen wie ein kapitalistische System für Privilegierte: Die Hübschen, die ein gewisses Schreibtalent aufweisen, werden viele Begegnungen machen. Die Hässlichen, die kaum ein paar Sätze aneinander reihen können und nur ihr Single-Dasein zu bieten haben, werden auch online kaum Dating-Erfolge feiern. Wie im echten Leben halt.»

Der Autor von «misère-sexuelle.com» findet die Tatsache, dass man online mit einem Klick jemanden zum Teufel jagen kann besonders brutal. Gerade als Mann. Denn diese sind im Verhältnis zu Frauen zahlenmässig überrepräsentiert. Das hat zur Folge, dass er gewisse Profile auf verschiedenen Plattformen wiederfand. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Ein User verglich sich selbst im Interview mit der Praline, die immer in der Schachtel bleibt, weil keiner sie will.

Lügen, bis sich die Tastatur biegt, ist ein weiteres Phänomen des Online-Datings. Es ist kaum anderswo im Leben so einfach, sich besser zu verkaufen. Jünger, cooler, urbaner, Single. «Das ist überhaupt die grösste Lüge beim Online-daten. Glauben zu machen, dass man verfügbar ist.» Weshalb es jetzt offenbar zum Standard gehört, am Ende des eigenen Profils die Bemerkung «Bettgeschichten ausgeschlossen» zu notieren.

«Den Prinz à la carte, bitte»
Das virtuelle Kennenlernen hat einen Haken, der vordergründig als Mehrwert dargestellt wird: Die Suche gestaltet sich hyperselektiv. Die Profile schränken ein, bis zum Punkt, an dem nach einem ganz spezifischen Menschen gesucht wird, den es so kaum geben kann: «Suche Mann, weder hübsch noch hässlich (braune Haare müssen sein), im kulturellen Bereich tätig, UNBEDINGT links wählend. Wenn er Motorrad fährt, umso besser.» Prince charming à la carte sozusagen.
Die grösste Gefahr sieht Rose jedoch darin, dass sich User nicht mehr von diesen Sites abmelden mögen. Auch nicht, wenn eine Beziehung bereits zustanden gekommen ist. «Als ich mich bei einer grossen Plattform abmelden wollte, musste ich dies telefonisch tun. Auf die Frage hin, wieso ich das Abo annullieren möchte, erklärte ich, ich hätte jemanden gefunden, ich sei verliebt. Darauf bot mir der Call-Center-Agent einen Gratis-Monat an!» Schliesslich wisse man ja nicht, wie lange eine Beziehung dauere und vielleicht gäbe es ja jemanden, der noch besser passt. In unserer Gesellschaft kommt offenbar auch die Liebe nicht drumrum als Konsum- und Wegwerfprodukt betrachtet zu werden.

Und Stéphane Rose selber? Ist wieder allein und flirtet jetzt auf Facebook. «Weniger Loser, weniger Lügner und weniger Geld-und Zeitverschwendung», wie er selber sagt. Es gibt zwar hunderte Online-Dating-Sites. Doch nur wenige haben wirklich Erfolg. Rose ist deshalb überzeugt, dass sich das Phänomen bald selber ausmerzt. Denn es gilt immer noch als peinlich, die Liebe per Internet gefunden zu haben, als wäre sie – trotz Konsumdenken – zu edel, um wie High Heels online geshoppt zu werden. Einige Plattformen sehen den Trend ebenfalls kommen und organisieren deshalb Parties, um «Singles in echt» kennenzulernen. Und das ist die eigentliche Misere.

Dieser Artikel erschien heute auf clack.ch

 

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