Montag, 1. Oktober 2012

Gottes vergessene Töchter





Hierzulande ist die Freude über ein Kind meist gross, egal ob Junge oder Mädchen. Ein neuer Roman zeigt, wie katastrophal sich das falsche Geschlecht in Indien auf eine Geburt auswirken kann.


Für arme indische Familien ist ein weiteres Mäulchen, das gefüttert werden muss, immer schwer zu verkraften. Handelt es sich dabei um eine Tochter, artet das Mäulchen zur untragbaren ökonomischen Belastung aus. 

Die Kanadierin indischer Abstammung Shilpi Somaya Gowdas beschreibt in ihrem Debutroman «Geheime Tochter», der endlich auf deutsch erscheint, die Geschichte der Bäuerin Kavita, deren erstgeborene Tochter genommen und getötet wird. Um ihrem zweiten Kind – wieder ein Mädchen – dieses Schicksal zu ersparen, gibt sie es gleich nach ihrer Geburt schweren Herzens in ein Waisenhaus in Mumbai. 

Gleichzeitig beschliesst in Kalifornien die junge Frauenärztin Somer nach zwei Fehlgeburten ein Kind zu adoptieren. Da ihr Mann indischer Abstammung ist, entscheidet sich das Paar für ein Kind aus Indien. Der Kreis schliesst sich: Dieses Kind wird Kavitas zweite Tochter Asha, deren Name «Hoffnung» bedeutet. 

Die 20 Jahre, die im Roman umschrieben werden, gewähren einen faszinierenden Blick auf die indische Gesellschaft: Vom schweren Leben auf dem Land über das Vegetieren in den Slums von Bombay, von der Existenzangst der ärmeren Mittelschicht bis hin zum Leben im Wohlstand der gehobenen Klassen. 

Die unterschiedlichen Kulturen der beiden Frauen werden dank wechselnder Perspektive spannend dargestellt. Die kühle Mentalität der Amerikaner gegenüber der familienzentrierten Kultur in Indien. Ashas kindliche Perspektive ist ein weiterer Erzählstrang, der gerade in solchen Geschichten oft zu kurz kommt. 

Diese macht sich als junge Frau nämlich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit und stellt damit beide Familien auf eine harte Probe. Dieses Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen macht den klugen und emotional geladenen Roman absolut lesenswert. Wie Gowda im Anhang ausführt, werden in Indien pro Jahr eine halbe Million Mädchen abgetrieben oder getötet . Was man schon oft gehört und gelesen hat, nimmt in Form einer Familiengeschichte noch mal andere Formen an und hinterlässt viele Fragen darüber, wie wir selber handeln würden. 

Shilpi Somaya Gowda: Geheime Tochter, Kiepenheuer & Witsch Verlag

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