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Die Killerfrage


Eine frisch gebackene Mutter fragt man nicht, was sie heute getan hat. Nie.

Der Monsieur und ich pflegten gleich nach der Geburt unserer Kinder die klassische Rollenaufteilung: Er verdiente die Brötchen, ich kümmerte mich um Kind und Küche. Ich hatte mich sehr auf diese Zeit gefreut, alleine zu Hause mit meinem Baby, ein bisschen Haushalt, gemütliche Spaziergänge und g a a a n z viel schmusen ... Worauf ich gar nicht vorbereitet war, ist das Phänomen, dass die Tage mit einem Säugling viel kürzer sind als vorher. In den zwei Stunden, in denen ich früher die gesamte Wohnung gestaubsaugt, die Böden gewischt, Küche und Badezimmer geputzt und sogar zwei Zigarettenpausen eingelegt hatte, schaffte ich als frisch gebackene Mutter gerade mal Folgendes: den Staubsauger aus dem Putzschrank zu holen. Der lag dann den halben Tag da, um mich daran zu erinnern, was ich morgens eigentlich vorgehabt hatte. Irgendwie kam dauernd etwas dazwischen: eine volle Windel, ein hungriges Baby, ein nasser Body oder die Freundin, bei der ich mich rechtfertigen musste, wieso ich so selten anrief.

Was passiert mit der Zeit, wenn man einen Säugling zu Hause hat? Gibt es wie in MOMO graue Männer, die einem die Stunden stehlen? Die Tage gingen vorüber wie im Flug. Kein Putzen, keine Wäsche, keine Spaziergänge, nur wenig Schmusen. Wenn ich wirklich einmal aus dem Haus musste (was ich oft bewusst vermied, weil es mir zu kompliziert war), dann schaffte ich das selten vor Mittag — oder ich verschob den Termin gleich ganz, weil Emma zum geplanten Zeitpunkt schlief und man ein Baby bekanntlich nie wecken sollte. (Ich bin ja nicht blöd!) 


Erschwerend kommt hinzu, dass jeder, der schon ältere Kinder hat, einem nahe- legt, man solle diese Zeit geniessen, sie gehe so schnell vorbei. Ja, wie denn bitte schön? Und was gibt es da denn genau zu geniessen? Das endlose Stillen? (Ein Baby trinkt anfangs alle zwei bis drei Stunden, Dauer: mindestens dreissig Minuten. Schon die Nahrungsaufnahme des neuen Erdenbürgers kostet einen demnach bis zu sechs Stunden pro Tag!) Hinzu kommen rund anderthalb Stunden Wickeln und durchschnittlich eine halbe Stunde Spazierengehen (in meinem Fall nur bei trockenem Wetter und angenehmen Temperaturen). Fazit: Bei der nur rudimentären Säuglingsbetreuung gehen täglich bereits acht Stunden drauf! Ein Arbeitstag, sozusagen.
 

Entsprechend gross war der Frust, wenn der brötchenverdienende, krawattierte und immer noch gut riechende Monsieur abends nach Hause kam und mich (noch im Pyjama, ungewaschen und mit Babykotze auf der Schulter) fragte: „Na, was hast du heute gemacht?“ „Nicht viel, aber in einer Minute werde ich dich erwürgen!“, lag als Antwort nicht drin. Das war auch mir klar. Nach einem langen Tag, an dem ich nichts Offensichtliches geschafft hatte, streute solch eine — wenn auch gut gemeinte — Frage jedoch Salz in die Wunde. Jede Erklärung, wieso der Staubsauger seit zwei Tagen im Korridor liegt und du aussiehst als kämst du gerade aus dem Bett, ist müssig. Sie wird immer nach Rechtfertigung klingen. Und ich hatte die klassische Rollenverteilung nicht gewählt, um mich dann rechtfertigen zu müssen! Also erfand ich lange Spaziergänge, angefangene Artikel oder unerwarteten Besuch, für den ich noch schnell ein Mittagessen gezaubert hatte. 

An dieser Stelle ein Aufruf an alle frischgebackenen Väter: Bitte fragt eure Frauen nicht, was sie den ganzen Tag getan haben. Begnügt euch mit einer Umarmung und einem Kompliment über ihr Aussehen — auch wenn’s im Zweifelsfall ein falsches ist. Vielleicht ist das das Geheimrezept für ein harmonisches Miteinander in den ersten paar Monaten mit einem Säugling: Papa und Mama müssen sich gegenseitig anlügen, damit alle über die Runden kommen.

Dieser Text ist ein Auszug aus meinem Buch. Oder habt ihr es etwa noch nicht gelesen?


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