Donnerstag, 17. November 2011

Grossmutter, na und?

«Was, du bist schon Grossmutter?» Das scheint eine Frage zu sein, die unsere Mütter und Schwiegermütter immer öfter vernehmen, obwohl sie doch so jung aussehen und fit unterwegs sind. Der Fragende scheint ja ziemlich erstaunt zu sein und die Grossmütter scheinen darauf ziemlich stolz zu sein.
Was ich davon halte? Nicht sehr viel, ehrlich gesagt.

Genausowenig wie von  „Ich bin ein Wochentagspapi“ oder «Ich bin Vollzeit-Mutter». Scheint es mir nur so, oder hören sich solche Aussagen in letzter Zeit an wie «Ich bin Astronaut bei der NASA» oder «Ich bin Friedensnobelpreisträger»?

Vor Kurzem sprach mich meine Nachbarin an: Eine sehr belesene, interessierte und interessante 82-jährige Grossmutter. «Frau Sassine, ich habe Ihr Buch gelesen. Schon interessant, was ihr Eltern euch heute alles fragt. Damals haben wir einfach Kinder in die Welt gesetzt und die wuchsen halt nebenbei auf. Ich habe noch nie in meinem Leben einen Ratgeber gelesen.» Was war ich neidisch auf diese kluge Frau! Schon das kleine Wort «nebenbei» im Zusammenhang mit Kindern und Erziehung! Wer würde das heute noch wagen?

Doch leider sind eben nicht alle Grossmütter so «cool», schon gar nicht die jüngeren unter ihnen. So wie Mütter und Väter sich in den letzten Jahren immer eingehender mit ihrer Rolle beschäftigt haben, so scheint dieser Trend jetzt auch auf die Grossmütter übergegangen zu sein. «Die GrossmutterRevolution» nennt sich das Netzwerk, die Plattform, der Thinktank. «Die Grossmütter von heute liegen nicht krank im Bett wie einst bei Rotkäppchen und getrauen sich kaum aus dem Haus. Sie sind gut gebildet, haben sich emanzipiert, sind berufstätig, politisch und kulturell interessiert.» liest man da beispielweise. Also bitte schön, das waren meine Grossmütter auch schon. Und das Argument «berufstätig» ist so ziemlich das arroganteste, was die Revolution zu bieten hat. Die Generation unserer Grossmütter hatte ja meist gar keine andere Wahl, als zu arbeiten, und jetzt soll das ein Attribut der «modernen» Grossmutter sein?

Verstehen Sie mich nicht falsch: Grossmütter sind eine wunderbare Sache. Für die Kinder und für uns Eltern. Den Kindern geben sie ein Verständnis für Generationen, sie verwöhnen sie und schenken ihnen die Zeit, die Mami und Papi weniger erübrigen können. Für uns Eltern sind sie ein Segen, wenn sie die Kinder hüten. Ohne meine Mutter hätte ich den Wiedereinstieg ins Berufsleben nie so rund über die Bühne bringen können, mein Buch wäre nie geschrieben worden. Ich bin ihr sehr dankbar für ihr Grossmutter-Sein.
Doch habe ich meine liebe Mühe damit, wenn man sich dies so wahnsinnig gross auf die Fahne schreiben und sie so grossartig schwenken muss. Das Tückische daran ist, dass dieses «Ich bin die tolle, moderne Grossmutter!» für uns Eltern eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Es ist mehr als einmal vorgekommen, dass ich den Grossmüttern die Kinder «zur Verfügung» gestellt habe, weil sie wieder einmal einen Nachmittag Super-Granny spielen wollten. Obwohl ich vielleicht selber gerne mit den Kindern in den Zoo gegangen wäre. Es ging schon so weit, dass mich das Hüten-Lassen meiner Kinder mehr Aufwand gekostet hat, als dass es mir etwas brachte. Gleichzeitig wird aber natürlich grosse Dankbarkeit und wenn man die Kinder abholt, viele «Aaaah»’s und «Ooooh»’s erwartet ab den wunderbaren Bastelarbeiten, die einem vorgeführt werden. Bei mir hinterlässt das ganze einen faden Beigeschmack, wenn etwas so Normales wie Grossmutter-Sein immer ein «Bin ich nicht ein tolles, modernes Grosi?» mit sich bringt. Von den Grossvätern spricht ja auch keiner und auch sie sind toll und modern und «gut gebildet, haben sich emanzipiert, sind berufstätig, politisch und kulturell interessiert.» Oder etwa nicht?

1 Kommentar:

kashia hat gesagt…

"Von den Grossvätern spricht ja auch keiner und auch sie sind toll und modern und «gut gebildet, haben sich emanzipiert, sind berufstätig, politisch und kulturell interessiert.» Oder etwa nicht?"

nein, weil wir einfach noch nicht emanzipiert genug sind um männliche personen an die kinderbetreuung zu lassen ;) das ist ja schließlich frauensache...

rabenmutter.ch abonnieren