Donnerstag, 17. Juli 2008

Kinder brauchen keine Alpha-Eltern

Mit Staunen durften wir vor ein paar Wochen feststellen, dass unser Vierjähriger die Buchstaben kennt. Seither lernt er fleissig zu zählen und die Ziffern zu erkennen. Ob ich zur Alpha-Mutter mutiert bin, die ihr Kind in die Klavier-Stunde schickt, um einen Virtuosen aus ihm zu machen? Ich kann euch beruhigen. Der Kleine hat sich die Buchstaben und Zahlen ganz alleine beigebracht. Und mit Hilfe von Winnie Pooh.

Als wir vor einem Jahr unseren ersten Langstreckenflug nach Thailand planten, kamen wir beim Gedanken an einen quengelnden Dreijährigen und 140 missbilligenden Augenpaaren ins Schwitzen. Wie sollten wir ihn während fast 15 Stunden beschäftigen?

Die Lösung präsentierte sich in Form eines Kindercomputers, der Lernspiele und Musik für die Kleinsten auf Lager hat. Im Flugzeug stellten wir zwar fest, dass jeder im Sitz vor sich einen Bildschirm besass, der unter anderem ein Kinderprogramm sendete (was zur Folge hatte, dass unser Sohn sich 10 Stunden "Dora" reinzog). Dennoch erfreute sich Luc an seinem Computer und er spielte auch während den Ferien oft damit. Während der Mittagspause war es einfach zu heiss für den Strand, also machte er Musik mit Winnie Pooh.

Ein Jahr später lernt er also mit demselben Gadget Buchstaben und Zahlen. Ohne unser Zutun. Wie er das mit allen seinen Spielsachen über die Jahre gemacht hat, hat er den Compi während Monaten nicht angeschaut und auf einmal ist er wieder extrem in. Und die Fortschritte, die er damit macht, sind umwerfend!

Als pädagogisch überinformierte Eltern fragen wir uns natürlich, ob das gut sein kann. Er kommt im Herbst in den Kindergarten und weiss Sachen, die er eigentlich erst in der Primarschule lernen wird. Wird er dann unterfordert sein, nicht aufpassen, die Klasse stören und letzten Endes in einer Sonderklasse landen? Oder sind andere Kinder auch soweit, schliesslich sind wir nicht die einzigen mit einem Kindercomputer zuhause?

Andererseits wird er im Kindergarten natürlich enorm viel neues lernen, wie Schuhe binden, Scherenschnitte schneiden und natürlich Hochdeutsch sprechen. (O.k., der war jetzt sarkastisch, aber dazu "Überzeugt überzogen".)

Entsprechend interessant fand ich dann natürlich die Studienergebnisse, die besagen, dass Kinder, die sich schulische Wissen selber angeeignet haben, eher Erfolg in der Schule haben werden, als solche, denen das Einmaleins und das ABC von den Eltern antrainiert wurde. Ätsch!

Aber lest selber:
wireltern.ch: Druck der Eltern bringt nichts Interview mit der Erziehungswissenschaftlerin Dr. Margrit Stamm.

Jetzt bleibt mir nur noch zu hoffen, dass die musikalische Vorliebe meines Sohnes für Bruce Springsteen seine Virtusität auf der Gitarre fördert. Und sonst spielt er halt Blockflöte...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Einen Computer für einen Dreijährigen??? Und dann wundern wir uns, wenn unsere Kinder fett werden! Es gibt doch auch andere Möglichkeiten, einem Kleinkind was beizubringen als per Elektronik, meint ihr nicht? Sorry, aber mich regt diese Digitalisierung der Gesellschaft mächtig auf! Ausserdem sollte ein Kindergartenkind noch spielen und toben und nicht buchstabieren!

anna hat gesagt…

wir haben auch einen solchen computer und ich war anfangs auch sehr skeptisch. aber meine tochter hat sich ebenfalls vieles selber beigebracht. in der schule war ihr nie langweilig, denn da gab es andere kinder mit demselben vorsprung. und bloss weil die kids heute auch mal einen bildschirm sehen, gehen sie deswegen trotzdem raus zum spielen. es gibt wie immer nicht nur schwarz und weiss!

Minerva5 hat gesagt…

Unser kleiner Sohn hat mit 3,5 Jahren angefangen wie ein Besessener ein Buchstabenmemory zu spielen. Seither kennt er alle Buchstaben, kann sie jedoch nicht anwenden. Sein grosser Bruder (knapp 5) hingegen kann sie inzwischen zusammenlauten sprich lesen, er muss sich aber vom Kleinen sagen lassen, wie die Buchstaben tönen, da ihn das Memory zu wenig interessiert hat! Diese Entwicklung beweist mir, dass Kinder nur aus eigenem Antrieb wirklich gut lernen. Wissen kann man in dem Altern nur anbieten, aber auf keinen Fall eintrichtern! Lasst jedes Kind seine Talente entdecken und unterstützt sie dabei. Das kann musikalisch, sportlich oder eben intellektuell sein...

Anonym hat gesagt…

Aus dem ersten Kommentar: "Sorry, aber mich regt diese Digitalisierung der Gesellschaft mächtig auf!". Meine Frage: Warum surfst du dann im digitalen Internet? Und noch eine Anmerkung: Auch Kinder, die dauernd Bilderbüchlein lesen, können fett werden... Der Computer ist also nicht immer schuld...

Irene hat gesagt…

Also ich finde es toll, wenn euer Junge von sich aus so viel Interesse zeigt und bin überzeugt, dass der Computer für Ihn genau das richtige Geschenk war. Wenn er sich alleine so viel Wissen angeeignet hat,ist das doch Beweis genug, dass der Computer für ihn gut war. Und schliesslich leben wir in einer modernen, digitalen Welt, oder?

Anonym hat gesagt…

ich bin zwar keine mutter (eher selber noch "kind"), allerdings möchte ich dennoch etwas zu diesem thema beisteuern...
ich habe auch vor der grundschule schon fließend lesen können (ohne pc allerdings ;D) und sicherlich habe ich mich so manche stunden in der schule gelangweilt, aber ich hatte das glück eine gute lehrerin zu haben, die mir erlaubte in büchern für "große" zu lesen, während der rest meiner klasse das alphabet herunterbeten musste. man findet also immer irgendeine beschäftigungsmöglichkeit für "frühleser"... und anstatt sofort ins klischee "sonderklasse" zu fallen, könnte doch auch an "hochbegabtenklasse", das positive equivalent dazu, gedacht werden, oder nicht?

ich möchte mich gar nicht auf einen diskurs über die nebenwirkungen der digitalisierung der gesellschaft einlassen (auch wenn ich persönlich eher die meinung vertrete, dass gemeinsam mit eltern und geschwistern "altmodisch" mit büchern lernen sehr viel schöner und intensiver für das kind ist), wichtig wäre mir nur noch zu sagen: KINDER MÜSSEN GEFÖRDERT WERDEN!!!! es ist doch nur erfreulich und KEINESFALLS ein grund zur besorgnis, wenn ein kleinkind schon so viel spaß am lernen hat! von nichts kommt nichts, daher ist es besser, wenn die eltern hinterher sind ihren kindern möglichst viel bildung angedeihen zu lassen. intelligenz verpflichtet!

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