Mittwoch, 2. Juli 2008

Überzeugt überzogen!

Der Kindergarten führt Hochdeutsch ein. Soweit so schlecht? Sind Kindergarten-Lehrkräfte wirklich fähig, unseren Kindern die facetten- und nuancenreiche Schriftsprache beizubringen? Oder müssen die Kleinen nach zwei Jahren Chindsgi zusätzlich eine Sprache neu lernen?

"Es hat sich halt niemand freiwillig gemolden" entschuldigt sich Frau Weber (Name geändert), bei der Aufführung ihrer Kindergartenklasse, weil sie anstatt eines Kindes die Show moderiert. "Aber ich bin überzogen, die Vorstellung wird Ihnen gefallen!" fügt sie hoffnungsvoll lächelnd hinzu.

Zwei Sätze, zwei Fehler. Gäbe bei einem Diktat eine vier. Nun haben Kindergärtner ja glücklicherweise noch keine Diktate zu bewältigen, ihnen die Fehler "gemolden" und "überzogen" wieder abzutrainieren wird jedoch schon schwierig genug.

Ich fühlte mich ehrlich gesagt sofort in meine Kindheit zurückversetzt. Wir mussten zwar erst in der Primarschule Hochdeutsch sprechen, die Fehler waren jedoch dieselben. Mit einem deutschen Vater zu Hause war es für mich besonders schmerzhaft, Ausdrücke wie "schlussendlich", "Finken" oder auch "Zeltli" über mich ergehen zu lassen. Dass ich als kleines Mädchen meinem Lehrer nicht widersprechen wollte, machte die Sache nicht einfacher. So half ich meinen Schulkameraden ja nicht einmal dabei, gefürchtete Hochdeutsch richtig zu lernen!

Für meinen Vater war es jedoch besonders schlimm. Er konnte sich dann beim Elternabend darüber aufregen, dass Lehrer, die in seiner Muttersprache unterrichten, von ihrem Können so "überzogen" sein konnten. So kam es, dass er meiner Primarlehrerin zurief "Wie überzogen? Etwa mit Schokolade?" Denn das, liebe Leserin, ist die korrekte Verwendung von dem, was viele meinen, wenn sie "überzeugt" sind.

Ob diese Massnahmen das Ergebnis der nächsten Pisa-Studie verbessern werden, wage ich ernsthaft zu bezweifeln.Denn die Sprache Goethes ist nicht nur eine Abwandlung unserer Zürcher, St. Galler, Berner oder Basler Dialektes. Diese Sprache ist so reichhaltig, dass es meiner Meinung nach nur eine Lösung gibt, um unsere Kinder korrekt zu unterrichten: Deutsche Lehrer müssen her! Und bei dem hohen Anteil an Deutschen in Zürich (fast 20%, grösste Ausländergruppe), dürfte das ja wohl nicht allzu schwierig sein. Oder würde ein Deutscher den Eignungstest nicht bestehen, weil er die Kinder dazu ermahnt in der Klasse "Pantoffeln" statt "Finken" anzuziehen?

Was haltet ihr von der neuen Regelung? Sinn und Unsinn?

Weitere Artikel zum Thema:
wir eltern: Von Finken und Pantoffeln
blogwiese: Schwyzerdütsch im Chindergarte
Tages Anzeiger: Volksinitiative gegen Hochdeutsch (es lebe die direkte Demokratie!)

Bild: Sonja Ruckstuhl für wir eltern


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