Samstag, 10. Mai 2008

«Frauen haben das falsche Beuteschema»

Gross, stark und reich soll er sein: Frauen wählen Männer noch immer wie in der Steinzeit. So wird das nie was mit der Emanzipation – sagt der Paartherapeut Stefan Woinoff.

Text: Anuschka Roshani für DAS MAGAZIN von heute

Wie leicht könnte man ihn missverstehen. Stefan Woinoff, 49, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, bezichtigt Frauen, in der Steinzeit stecken geblieben zu sein, auf jeden Fall, wenn es darum geht, sich den Mann fürs Leben zu suchen. In seinem gerade erschienenen Buch «Überlisten Sie Ihr Beuteschema» (Goldmann-Verlag) wirft er ihnen vor, wie vor Tausenden von Jahren nur jenen Mann in ihre Höhle vorzulassen, der gross gewachsen, mächtig und potent ist – insbesondere finanziell. Das heisst, er will es ihnen gar nicht vorwerfen, ihnen lediglich die Augen öffnen, damit sie sich dann mit dem einen oder anderen Trick von ihrer eigenen, auf den Mann umgelenkten Statussehnsucht freimachen. Vorher, so Woinoff, würde es nämlich nichts mit der Emanzipation.

Seit er seine These formuliert hat, werde er von «Feministinnen gesteinigt», sagt Woinoff: Frauen seien längst keine Fünfzigerjahre-Muttchen mehr, die sich über das Portemonnaie und Ansehen des Gatten definieren würden. Der Paartherapeut kontert mit den Erfahrungen, die er in seiner Münchner Praxis gemacht habe, wo er immer wieder verzweifelte Karrierefrauen erlebe, die alles hinkriegten, nur das eine nicht: eine glückliche Familie zu haben. Sobald viele von ihnen auf die vierzig zugehen, wünschen sie sich Kinder, genau wie die Frauengenerationen vor ihnen, und geraten in Torschlusspanik, weil der richtige Mann, der in jeder Beziehung verlässliche, dafür nicht zur Stelle ist.

Woinoff selbst übrigens scheint das gelungen zu sein; er kümmert sich an zweieinhalb Werktagen in der Woche um seine beiden kleinen Töchter, während seine Frau arbeitet. Und geniesst es, eines jener nach wie vor äusserst seltenen Exemplare eines Vaters zu sein, der seine Kinder nach einem späten Feierabend nicht bloss noch zur Nacht küsst. Seine Hoffnung allerdings ist, dass er sich bald auf dem Spielplatz und im Supermarkt nicht mehr in einer «männerfreien Zone» wähnen muss.

Herr Woinoff, glauben Sie an die bedingungslose Liebe?
Zwischen Mann und Frau? Da ist es die grosse Ausnahme. Bedingungslos ist die Liebe von Eltern zu Kindern, zumindest sollte sie es sein. Man sollte sein Kind lieben, egal was ist. Aber die Mann-Frau-Beziehung ist ganz stark an Bedingungen geknüpft.

Das heisst, diese Liebe ist auch ein ökonomisches Verhältnis, nie frei von Kalkül? Natürlich gibt es Seelenverwandtschaften, eine enge Verbundenheit übers Erotische hinaus. Aber normalerweise ist sie nicht frei von Kalkül.

Sie sagen, wir – Frauen wie Männer – wählen unseren Partner nach wie vor nach einem «archaischen Beuteschema». Wie sieht das aus?
Aufgrund der Evolution haben wir bei der Partnerwahl bestimmte Kriterien. Frauen suchen sich einen Mann, der grösser als sie ist und auch im sozialen Status möglichst über ihnen steht, insbesondere dann, wenn sie eine Familie gründen wollen. Da beginnt das Problem: Frauen sind heute im Schnitt höher qualifiziert als früher, dadurch wird die Auswahl an Männern für sie kleiner, zumal sie sehr viel Konkurrenz durch jüngere Frauen haben. Womit wir beim Beuteschema des Mannes sind, denn der steht leider auf Frauen mit Eigenschaften, die sich evolutiv von der Fruchtbarkeit ableiten: auf Attraktivität.

Sie zitieren in Ihrem Buch ein Experiment, wo eine Frau die identische Partnersuchanzeige zweimal aufgab, nur einmal als Angestellte, einmal als Chefin eines Unternehmens.
Ja, und als Angestellte bekam sie viele Zuschriften interessierter Männer, als Chefin keine einzige. Aber um argumentativ nicht in Kategorien wie Gut und Böse zu geraten, stellen Sie sich bitte vor: Sie sind ein Kind – noch im Himmel – und suchen sich Ihre Eltern aus, und zwar unter den Bedingungen der Steinzeit. Welche Eltern suchen Sie sich aus, wenn Sie gezeugt werden wollen, gut über die Schwangerschaft kommen, geboren und erwachsen werden wollen?

Die gesunden, starken, gut situierten.
Richtig, die Frau soll vor allem jung und fruchtbar sein sowie nicht zu dick und nicht zu dünn, damit Schwangerschaft und Geburt problemlos ablaufen. Und der Mann, der sie zeugen und versorgen können soll, muss einen guten Stand in der Sippe haben und sich durchsetzen können. Das sind die eingefahrenen Partnerwahlkriterien, die archaischen «Beuteschemata», für die weder Frauen noch Männer was können. Sie haben sich über Hunderttausende von Jahren entwickelt und sind wohl sogar genetisch eingebrannt.

Hat die Zivilisation da gar nichts gebracht?
Es sind zwar zusätzliche dazugekommen, aber die archaischen Beuteschemata wirken in uns wie nie ausgestorbene Dinosaurier. Das bekomme ich täglich in meiner Praxis mit. Meine Patienten kennen die Fallen, in die sie tappen, aber das ändert nichts daran, dass sie hineintappen. Die uralte Mechanik der Gefühle wirkt immer noch. Es gibt eine weibliche Urangst: Wenn ich schwanger werde, brauche ich einen Mann, der mich und mein Baby beschützt und für mich alles ordnet. Und wieso stehen Männer so auf Brüste und auf die sonstigen Kurven einer Frau? Sie haben doch gar nichts davon, sie gefallen ihnen einfach. Es liegt daran, dass Brüste für Fruchtbarkeit standen und immer noch stehen, und sich Männer mit einer kurvenreichen Frau besser fortpflanzten.

Inzwischen verdienen viele Frauen genug, um sich und ihre Kinder ernähren zu können. Warum spielt das archaische Beuteschema dennoch weiter eine Rolle?
Es sind tief verwurzelte Ängste und Bedürfnisse, und man muss sich erst bewusst machen, dass diese Ängste heute nicht mehr nötig sind. Wenn Sie Abiturientinnen heute fragen – und deutlich mehr Mädchen als Jungen machen ja mittlerweile Abitur –, dann sagen sie, sie möchten einen Beruf, der sie ernähren kann und auch ihr Kind, denn sie wollen nicht vom bröckelnden Versorgungswillen der Männer abhängig sein. Aber ich kenne keine Frau, auch die Emanzipierteste nicht, die sagt, ich brauche einen Beruf, um mich, meinen Mann und meine zwei Kinder ernähren zu können.

Die Frauen wollen gar nicht hochkommen?
Der Mann wird auf jeden Fall deutlich mehr als die Frau dafür tun, befördert zu werden, er hat ja einen viel grösseren Druck. Männer machen mehr Überstunden als Frauen und viel mehr Kompromisse, weil an ihnen alles hängt. Frauen kündigen eher, wenns ihnen nicht passt, viele haben schliesslich einen Mann, der gut verdient. Sie sagen sich, wozu der ganze Schmarrn, ich kriege nur Falten vom Stress und gewinne nichts. Das ist der Hauptgrund, warum so wenig Frauen Chefinnen sind.

Müssten nicht gerade die Frauen der Scheidungskinder-Generation die Chefpositionen anstreben?
Für die ist finanzielle Unabhängigkeit schon selbstverständlich. Die wollen ihren Mann nicht fragen müssen, ob er ihnen ein neues Kleid kauft. Aber es geht darum, wer der Haupt- oder Alleinernährer ist, wenn Kinder kommen. Das ist fast immer noch der Vater. Eine Frau geht bei der Familiengründung selbstverständlich davon aus, dass der Mann übernimmt und sie erst mal zu Hause bleibt – wenn sie will. Wenn ein Mann das nicht finanzieren kann, fällt er als Partner von vornherein aus.

Ich als Akademikerin würde mich also nie und nimmer in einen Kaminfeger verlieben?
Vielleicht würden Sie sich in ihn verlieben, aber vermutlich würden Sie ihn nie heiraten und nie Kinder mit ihm kriegen.

Höchstens eine Affäre anfangen?
Denken Sie an Benoîte Groults Roman «Salz auf unserer Haut», wo die Professorin mit dem Fischer eine lebenslange Affäre hat, aber eines Nachts träumt, dass sie ihn heiratet und bei der Hochzeit fürchterlich ausgelacht wird.

Gibt es nicht die Liebe, die alle gesellschaftlichen Barrieren überwindet?
Die gibt es sicherlich, nicht nur in der Literatur. Die wirklich emanzipierten Frauen suchen sich ihren Mann frei aus. Die sagen, es juckt mich nicht, was die Nachbarn denken. Ich liebe ihn, egal warum. Nur, das sind noch sehr wenige.

Wie definieren Sie emanzipiert?
Emanzipiert heisst frei sein. Frei von Konventionen, die einen einengen, denen man einfach gehorcht. Mut und Ratio sind gefragt – warum soll ich mich von solchen Konventionen, vom Mainstream abhängig machen?
Ist es nicht in Wahrheit noch vertrackter: dass ich mich gar nicht erst in den Kaminfeger verliebe?
Ja, wenn Sie ihm als Kaminfeger begegnen, dann eher nicht. Aber wenn Sie ihn nicht als solchen kennenlernen, sondern in der Badi, dann vielleicht. Es gibt Studien, in denen Frauen Fotos gezeigt werden und danach nach der Attraktivität der abgebildeten Männer befragt werden, und sich ihre Bewertung komplett ändert, sobald man ihnen die Berufe der Männer sagt.

Und wenn er Kaminfeger ist und aussieht wie Brad Pitt, hat er dann auch nichts von seinem Aussehen?
Es ist besser, sie sind als Mann stinkreich und sehen nicht gut aus. Denn als arbeitsloser Brad-Pitt-Doppelgänger werden sie es schwer haben, eine Frau zu finden, die mit ihnen eine feste Partnerschaft eingeht. Das ist nun mal so. Während – und das ist das Ungerechte an der Sache – eine Frau, die bloss gut aussieht, auch gesellschaftlich aufsteigen kann, weil sie sich einen statusüberlegenen Mann suchen kann und ihn auch kriegt.

Sie bestätigen damit das böse Klischee, dass Frauen sich hochschlafen, während sich Männer hochschuften.
Natürlich arbeiten sich inzwischen auch viele Frauen hoch, so wie die Männer. Doch hochschlafen kann auch funktionieren. Pamela Anderson hat mal auf die Frage, wie sie es so weit gebracht habe, geantwortet, ich hab nur mit den richtigen Männern geschlafen. Vielleicht werden sich in Zukunft ja auch Männer hochschlafen können, wenn wir mehr Frauen in Entscheidungspositionen haben.

Haben Sie so ein schreckliches Frauenbild: Frauen finden den Porsche-Fahrer per se anziehend?
Vorweg: Ich habe ein überaus positives Frauenbild, aber eben ein ideologiefreies. Zu Ihrer Frage: Man will es nicht glauben, aber Porsche ist ein extrem erfolgreiches Unternehmen, fragen Sie mal, warum. Auch ich erlebe, dass ich von Frauen anders betrachtet werde, wenn ich einen Anzug trage, als wenn ich im T-Shirt rumlaufe. Im Anzug bin ich attraktiver, so wie Frauen mit Push-up-BH und Minirock anders von Männern angesehen werden. Der Mann im Anzug sagt, ich bin gepflegt, ich bewege mich auf einer bestimmten gesellschaftlichen Ebene, die Frau sagt damit, ich bin sexy. «Your father is rich and your mother is good looking», das ist die Losung der High Society – weltweit. Das können Sie genau so in der Regenbogenpresse nachschauen: die Reichen und die Schönen – wobei reich sind die Männer, schön die Frauen.

Ein Paar wie Carla Bruni und Nicolas Sarkozy, wie passt das in Ihre Theorie? Sie ist immerhin einen Kopf grösser.
Ich glaube, dass generell die Frauen den Partner wählen. Daher gibt es deutlich mehr Männer, die eine grössere Frau nehmen würden, wenn sie ihnen denn gefällt. Und natürlich, Carla Bruni ist so eine Alphafrau, und er weiss, er könnte genauso leicht eine kleinere Hübsche haben. Er fühlt sich nicht entmännlicht, im Gegenteil, er zieht hohe Absätze an und sagt, schaut her, ich kann so eine Grosse kriegen. Und weil er durch seine extrem hohe gesellschaftliche Stellung alle anderen Mankos kompensiert, nimmt sie einen Kleinen in Kauf. Kleine Männer haben bekanntlich oft einen enormen beruflichen Ehrgeiz, das Little-Man-Syndrom.

Rackern Männer sich die Karriereleiter nur hoch, um an die guten Frauen ranzukommen?
Ja, die Motivation beim Mann, dem anderen Geschlecht gefallen zu wollen, ist sehr stark. Aber natürlich auch bei den Frauen, nur müssen sie was anderes dafür tun. Denken Sie nur an den Satz: «Wer schön sein will, muss leiden.» Das ist ein Satz für Frauen.

Denn Macht macht sexy. Zumindest den Mann.
Ja, aber wenn der Manager arbeitslos wird, hat er sofort sehr schlechte Karten. Statistisch werden Ehen häufiger geschieden, sobald es wirtschaftlich schlecht aussieht. Doch bis dahin gewinnen sie doppelt, während Frauen von klein auf merken, dass beruflicher Erfolg sie bei Männern nicht unbedingt attraktiver macht, manchmal sogar das Gegenteil.

Woran merkt das ein kleines Mädchen?
Die Klassenbeste ist nicht die, die für die Jungen attraktiv ist. Ein Mädchen merkt, wer gut ausschaut, kommt bei den Jungen an. Und später, wenn Frauen beruflich aufsteigen, merken sie es umso mehr – es ist eine Ungerechtigkeit, aber ich kann auch nichts dafür.

Eine mächtige Frau wie Angela Merkel würde demnach keinen mehr abkriegen.
Ich glaube nicht, dass Erfolg zwangsläufig unsexy ist. Wenn eine erfolgreiche Frau gut aussieht, findet sie auch einen Mann. Aber Erfolg macht Frauen einsam, weil sie einen noch erfolgreicheren Mann suchen. Die Menge der Kandidaten wird dadurch ungeheuer klein. Ich glaube, wenn Männer die Stärke von Frauen als ständige Forderung erleben, noch stärker sein zu müssen, fühlen sie sich eher abgeschreckt oder haben sogar Angst vor ihr.

Man könnte Ihre These als Appell an Frauen interpretieren: Macht keine Karriere, ihr werdet nur einsam.
Ich heisse nicht Eva Herman, für mich ist ein guter Beruf und ein guter Verdienst für Frauen selbstverständlich, ich will nur sagen, bitte denkt daran, liebe Frauen, bei euch siehts anders aus als bei Männern, ihr gewinnt nicht unbedingt beim anderen Geschlecht durch die Tatsache, dass ihr Karriere macht. Euer Marktwert in der Partnerwahl ist mit 25 einfach höher als mit 35, bei Männern dagegen ist es umgekehrt. Also macht es nicht in allen Dingen einfach den Männern nach! Ihr kommt sonst in eine deutlich schlechtere Position. Vielleicht macht es doch Sinn, sich den Partner früher zu suchen, noch im Studium, und dann Kinder zu kriegen.

Kann man das alte Beuteschema hinter sich lassen?
Zum Teil. Ich möchte den Frauen mitteilen, passt auf, ihr könntet unter einer viel grösseren Anzahl von Partnern aussuchen, wenn ihr die berufliche Stellung und das Geld des Mannes vernachlässigt – und es bleibt trotzdem in Ordnung, dass ihr einen Mann bewundern wollt. Auch Männer wollen Frauen übrigens bewundern.

Hat der Feminismus die Frauen unglücklich gemacht?
Das ist so eine Frage wie: Hat der Kommunismus die Arbeiter unglücklich gemacht, weil er ihnen gesagt hat, wie schlecht es ihnen geht? Der Feminismus hat den Frauen ihre Unzufriedenheit klargemacht und diese sogar ein bisschen geschürt.

Der Feminismus hat ihnen aber auch die Begrenztheit ihrer Macht beziehungsweise ihre Ohnmacht vor Augen geführt.
Nein, der Feminismus hat ihnen diese Begrenztheit eben gerade nicht vor Augen geführt, sondern immer noch redet er ihnen ein, ihr könnt alles, und ihr könnt es genauso wie die Männer. Das stimmt einfach nicht. Den Frauen wird eine Situation vorgegaukelt, die so nicht existiert.

Was empfehlen Sie gegen das Dilemma?
Der Groschen muss emotional fallen. Wenn Frauen sich ihrer neuen Freiheit bewusst werden, wenn sie sich klarmachen, ich kann mir endlich den Mann aussuchen, den ich mir immer gewünscht habe, unabhängig davon, ob er eine gute Partie ist. Dann hätte die Emanzipation sehr viel geleistet. Sich freizumachen von der Meinung der anderen. Ich nehme als Beispiel gern den Umgang mit Homosexualität. Noch vor vierzig Jahren war sie verboten. Jetzt habe ich Patienten, die als Homosexuelle ein erfolgreiches, glückliches Leben führen – warum soll es in einigen Jahrzehnten nicht Paare geben, die es anders machen, wo er etwa zu Hause ist und die Kinder betreut und sie die Familie ernährt, und keiner nimmt mehr Anstoss daran?

Haben die Jungen, die allein von ihrer Mutter aufgezogen wurden, ein anderes Verhältnis zu Frauen? Weniger Angst vor starken Frauen?
Manchmal haben die besonders grosse Angst, gerade weil die Mutter so stark war. Zudem haben sie oft ein anderes Beziehungsschema, tun sich schwer, ihre Partnerin zum Beispiel mit deren Freundinnen zu teilen. Sie sind verwöhnt mit ausschliesslicher Aufmerksamkeit. Der Partner wird noch stärker für das eigene Glück verantwortlich gemacht.

Ist es dieser Glücksanspruch, der alles so kompliziert macht? Oder sind es die Forderungen der Frauen?
Frauen haben Männern deren alte Privilegien aufgekündigt, sie sagen, du bist nicht mehr der Herr im Haus, du musst was für Kinder und Haushalt tun. Zugleich bleiben die alten Forderungen bestehen: Du musst Erfolg haben, damit ich dich attraktiv finde. Das heisst, neue Forderungen sind dazugekommen, daraus entspringt auch für Männer eine Doppelbelastung. Bei Männern kommt nur das Gefühl an, oh Gott, Frauen sind so anspruchsvoll.

Viele Paartherapeuten sagen, Männer wollen vor allem versorgt werden zu Hause. Haben Männer Ansprüche an eine Beziehung?
Es gibt sicher noch viele Männer, die finden, mir reichen die klassischen Rollen, die Frau soll ein bisschen lieb sein und das Bier aus dem Keller holen, aber bei der Stehparty auch was hermachen und Smalltalk beherrschen. Aber Bedingungen an die Beziehung gibts von beiden Seiten, wie gesagt, es gibt keine Beziehung zwischen Menschen, die so an Bedingungen geknüpft ist wie die zwischen Mann und Frau.

Ist das unausrottbar?
Ja. Es ist aber sicher eine Grundkonstante bei dem Spiel, wie man zueinanderfindet. Die Frage ist, wie man das kulturell modifiziert.

Wo ist der Spielraum?
Man kann einer Frau nicht sagen, verlieb dich mal in einen kleineren. Ich höre immer wieder, die Männer sollen ihr Beuteschema ändern – nur, sie haben es schon verändert oder wenigstens erweitert. Früher, vor 30, 40 Jahren, betrachteten Männer Frauen über 30 ganz anders als heute, sie waren nicht mehr jung, als Ehefrauen weniger unattraktiv. Heute sagt kein Mann, eine Frau mit 40 ist übern Jordan. Denn mit der kann er noch immer eine Familie gründen, auch dank der Infertilitätsmedizin. Und eine Frau muss bereit sein, ihre Stärke, also konkret ihren guten Verdienst, auch zu teilen.

Was heisst das?
Meine Wahrnehmung ist, dass Männer froh sind, wenn sie mal zu Wort kommen, und Frauen es deutlich weniger gern haben, wenn man ihnen widerspricht. Es ist momentan ja so, das Original ist die Frau und die Ableitung ist der Mann, insbesondere beim Verhalten in der Partnerschaft. Die Frau hat die Definitionsmacht, was der Mann leisten muss, zum Beispiel zuhören, wenn sie abends nach Hause kommt, und der Mann ist die Abweichung, wenn er stattdessen lieber Fussball schauen will. Beiden ist nicht bewusst: Ein Gespräch über die Unbill des Alltags bedeutet für Frauen und Männer emotional etwas komplett anderes. Frauen pflegen über Kommunikation ihre Beziehung, Männer bekennen sich so als Loser. Er sagt damit, ich hab nichts erjagt, ich hab nichts geschafft. Wir sind da einfach sehr verschieden.

Passen wir überhaupt zueinander?
Unbedingt. Nur darf man nicht glauben wie Alice Schwarzer, dass Mann und Frau gleich sind, und von sich auf den anderen schliessen, sonst macht man einen Riesenfehler. Der liebe Gott hat uns so geschaffen, dass meine Haut hier aufhört und die Haut meiner Frau erst dort anfängt, wir sind keine Einheit. Die Andersartigkeit muss man nicht verstehen, nur akzeptieren. Man versteht nicht alles, manchmal sogar gar nichts.

Sind wir Opfer unseres Perfektionsstrebens geworden? Unserer Überansprüche?
Frauen stilisieren sich gern als Opfer. Doch dann müsste es auch einen Täter geben. Der Feminismus hat etwas ganz Wunderbares bewirkt, und zwar für Frauen wie Männer, er hat die Rollenvielfalt erweitert. Heute kann ein Paar sich überlegen, wie wollen wir es machen? Die Rollenflexibilität wurde von der Frauenbewegung geschaffen, aber man fährt die Ernte bisher nicht gut ein, obwohl sie reich ist. Man meint dummerweise, überall seinen Part perfekt spielen zu müssen und empfindet das als schwere Doppelbelastung. Ich kenne keine Hausfrau und Mutter, die sagt, alles super, das traut sich keine zu sagen. Nicht in ihrer Frauenbewertungswelt – denn kein Mann sagt auf der Party zu einer Hausfrau, warum arbeitest du nicht? Der Anspruch kommt nicht von den Männern, sondern von den Frauen an die Frauen.

Bleibt die Hausfrau als Frau für einen Mann interessant?
Klar, wenn sie ihm sympathisch ist und, krass gesagt, gut ausschaut. Und vor allem, wenn sie ihn anlacht und sagt, mir gehts gut.

Wo auf der Messlatte befindet sich die Emanzipation?
Auf halbem Weg. Es wird noch dreissig Jahre dauern bis zum Ziel. Da sind einerseits die Frauen gefragt, indem sie aus Männern, die sich um Kinder und Haushalt kümmern, keine Männchen machen. Andererseits auch die Männer, die diese neuen Rollen auch übernehmen müssen.

Ist das Ziel, dass am Ende niemand mehr versteht, dass Hausmänner einst als Schlappschwänze galten?
Man wirds schon noch verstehen, aber nicht mehr als Zumutung wahrnehmen, so wenig wie das Schwulenpärchen von nebenan heute. Und Frauen werden auch bereit sein müssen, den Preis für ihre Emanzipation zu zahlen. Etwa bei einer Scheidung für den Unterhalt ihres Mannes aufkommen zu müssen. Den Preis zahlen wir Männer ja auch. Dann werden automatisch mehr Frauen in Führungsetagen vordringen, weil sie gezwungen sind, ihre Familie mit ihrem Beruf zu ernähren.

Was hat sich schon heute geändert?
Einerseits nichts. Fast jeder will emotionale Sicherheit, sieht sich im geborgenen Kreis der Familie mit Kindern alt werden. Andererseits lockt grosser Gewinn, wenn Männer Rollen übernehmen, die bisher als typisch weiblich gelten. Die junge Männergeneration will mit ihren Kindern zusammen sein und dass ihre Frau die Hälfte des Unterhalts bestreitet. Bei den etwa Zwanzigjährigen entwickelt sich ein neues Verständnis von Mannsein, von Vatersein.

1977 durften in Deutschland Männer ihren Frauen noch verbieten zu arbeiten, wenn darunter der Haushalt litt.
Das ist nur noch schwer vorstellbar. Aber überholte Bilder bleiben im Umlauf. Weiblich ist längst nicht mehr gleich weich und nachgiebig, sondern bedeutet vielmehr: willensstark sein, karrierebewusst und sehr machtbewusst. Frauen haben innerhalb der Familie immer geherrscht, wenn auch versteckter. Die meisten Männer herrschen gar nicht, ausser ein paar weit oben. Männer werden beherrscht. Eine sehr männliche Eigenschaft ist nämlich, zu gehorchen.
Stefan Woinoff: «Überlisten Sie Ihr Beuteschema: Warum immer mehr Frauen keinen Partner finden – und was sie dagegen tun können», Mosaik bei Goldmann, 2008

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