Der Unmut der französischen Frauen

Die Diskussion um Kind und weibliche Karriere endet oft mit Vergleichen zum nahen Ausland, in meinem Fall Frankreich, da ich da gewisse Einblicke habe. Umso spannender zu lesen, dass französische Mütter auch nicht wirklich zufrieden mit ihrer Situation sind. Was aber mehr an den Vätern als am Staat liegt.





Von Christian Schubert für faz.net

Anders als weithin angenommen hat Frankreich nicht die perfekte Antwort auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefunden. Es mag zwar viele Crèches für Kleinkinder sowie eine hohe Akzeptanz für berufstätige Mütter von Babys geben. Dennoch sind viele Frauen unzufrieden. Aus ihrer Sicht hängt die Haus- und Erziehungsarbeit weiter an ihnen, während Männer Karriere machen dürfen.

Dieses Thema gehe auch die Wirtschaft an, findet die Präsidentin des Arbeitgeberverbandes Medef, Laurence Parisot, die Frankreichs Unternehmen ein modernes Antlitz geben will, indem sie ihren Verband aus der Ecke eines verstaubten Altherrenclubs herausholt. Sie organisiert häufig um eine Kinopremiere herum Debatten unterschiedlichster Gesellschaftsvertreter. „48 Stunden“ heißt diesmal der Film, der das Spannungsfeld aus Lebenszielen und Alltagsrealität einer jungen Familie nachzeichnet. Die anschließende Diskussion unter beruflich erfolgreichen Frauen zeigt, wie viel Unmut sich bei ihnen aufgestaut hat – vor allem über die Männer.

Nach einem Tag mit den Kindern müder als nach dem Büro
Mercedes Erra zum Beispiel, Generaldirektorin des zweitgrößten französischen Werbekonzerns Havas, Vorstandsvorsitzende der PR-Agentur Euro RSCG und Mutter von fünf Jungs. Wenn ihre Mitarbeiterinnen mittwochs frei nähmen, wenn die meisten Kinder in Frankreich keine Schule haben, seien sie am folgenden Tag oft müder, als wenn sie im Büro gearbeitet hätten, berichtet sie, so anstrengend sei die Plackerei zu Hause.

„Die Frauen haben zudem ein weiteres Problem: Sie fühlen sie ständig schuldig, weil sie meinen, sich nicht genügend um Kinder und Haushalt zu kümmern. Das führt zu einem Mangel an Selbstvertrauen.“ Bei ihr dagegen sei das anders gewesen, lässt sie durchblicken: „Neun Monate zu Hause bleiben, nur um mein erstes Baby zu bestaunen“ – das sei nicht in Frage gekommen. Sich das Personal für die häusliche Unterstützung zu leisten, dürfte bei ihrem Gehalt zudem nicht schwierig gewesen sein.

Frauen machen Hausarbeit, Männer treiben ihre Karriere voran
Viele Französinnen gehen nach dem Kinderkriegen bekanntlich schnell wieder in den Beruf zurück. 60 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 49 Jahren mit zwei Kindern arbeiten – auf zwei Stellen: Täglich drei Stunden schufteten die Frauen im Schnitt nach ihrer beruflichen Arbeit im trauten Heim, berichtet Werbemanagerin Erra. Die Männer dagegen blieben länger im Büro, arbeiteten an Karrierenetzwerken und gönnten sich eine Freizeitbeschäftigung.

Die in Paris lebende Autorin Tanja Kuchenbecker, die kürzlich das Buch „Gluckenmafia gegen Karrierehühner“ herausbrachte, beurteilt Frankreich aus Sicht einer Deutschen: „Weil in Frankreich die Machos oft noch das Sagen haben, führen die Frauen ein Leben im Stress. Sie müssen Geliebte, Hausfrau, Mutter und Miternährer sein. Daher rennen sie den ganzen Tag hin und her, sollen dabei noch gut aussehen – und sie machen ihren Männern selten einen Vorwurf.“

Mentalitätsänderung im Schneckentempo
Auch in den Augen von Jacqueline Remy, ehemalige Chefredakteurin des Nachrichtenmagazins „Express“, ändern sich die Mentalitäten nur im Schneckentempo. Sie erinnert daran, dass französische Frauen noch bis 1969 die Erlaubnis ihrer Männer brauchten, um einen Job anzunehmen. „In 40 Jahren haben die Französinnen das Recht erobert, den Boden der Männer zu betreten. Doch die Männer betreten nicht den Boden der Frauen, den der traditionell ,weiblichen‘ Arbeiten“, schreibt sie.

Ausnahmen scheint es aber zu geben: Der Mann von Mercedes Erra etwa kümmert sich um Kinder und Haushalt, wie die Managerin berichtet. Laurence Danon, die bis zum vergangenen Jahr die Kaufhauskette Printemps leitete bevor sie sich der Bank Rothschild anschloss, rät dazu, „den richtigen Arbeitgeber und den richtigen Partner zu wählen“. Ihr sei beides geglückt; so gelang ihre Karriere.

„Noch ist nichts gewonnen“
Sprächen all die Zwänge im Kampf um Beruf und Familie nicht für die 35-Stunden-Woche, will ein Kollege der linken Tageszeitung „Libération“ wissen. Arbeitgeberpräsidentin Parisot gerät ins Stottern; bekämpft sie doch die Arbeitszeitregel heftiger als die Dominanz der Männer. Sie sei sich nicht sicher, ob das eine etwas mit dem anderen zu tun habe, sagt sie. Die Werbemanagerin Erra eilt ihr zur Hilfe: „Ich komme gerade aus China zurück. Dort will niemand etwas von der 35-Stunden-Woche wissen.“ Der internationale Wettbewerb ließe den französischen Unternehmen keine Wahl: Sie müssen von ihren Mitarbeitern hundertprozentigen Einsatz verlangen, der oft 35 Stunden überschreite.

Wohl aber könnten die Unternehmen flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten, Betriebskindergärten und mehr Unterstützung für die Partner im Fall von Versetzungen, lautet der weibliche Konsens. Parisot selbst will keine Patentlösungen versprechen, plädiert aber für Bewusstseinsbildung: „Wir haben schon viel erreicht. Doch noch ist nichts gewonnen.“

Kommentare

Susanne hat gesagt…
Dass Franzosen solche Machos sind wusste ich nicht. Aber wenigstens werden die Frauen vom Staat unterstützt, Männer können noch erzogen werden. Ich habe einen Mann, der mich sehr wohl unterstützt, nicht aber unser geliebtes Land... Keinen Anspruch auf Hortplatz, weil mein Mann zuviel verdient. Also kann ich meine Ausbildung an den Nagel hängen. Bin deswegen ziemlich frustriert und frage mich, ob das denn besser für die Kinder ist. Mami ist zwar zu Hause, wäre aber lieber woanders. Nicht immer natürlich, aber gerne öfters :-))
Stefan hat gesagt…
Obwohl ich eure Seite ganz witzig finde, fällt mir doch auf, dass Frauen/Mütter heutzutage doch vorwiegend nörgeln. Ich denke, die Emanzipation hat viel erreicht, aber einfacher scheint es für euch nicht geworden zu sein. Oder liege ich falsch?

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