Samstag, 19. April 2008

Frageplage



Und wiedermal ein wunderbarer Text von unserer kinderlosen Michele Rothen (Das Magazin).

Kinder im Fragealter werfen die Frage auf, ob man überhaupt Kinder haben sollte

Ich wartete neulich auf den Bus, als eine junge Frau mit einem kleinen Jungen kam und mitwartete. Der Junge war etwa vier und die Frau etwa zwanzig und ziemlich sicher nicht seine Mutter, dafür war ihr Umgang mit ihm zu holzig. Sie war sehr offensichtlich darauf bedacht zu verhindern, dass der Kleine ausflippt und anfängt zu weinen oder sonst Theater macht, aber sie konnte auch nur schlecht verhehlen, dass ihr seine Gesellschaft ziemlich auf den Keks ging. Mir auch. Allen anderen auch. Bei aller Kinderliebe und allem Verständnis: Der Kleine war auf dem Höhepunkt der Fragephase, wie es schien, und eine verdammte Plage. Und er hatte mehrere Sprachfehler. In den drei Minuten während Warten und Busfahrt fand dieser Dialog statt.
Wer ich dä Maa wo da d Chtrass abechunt? – Ich kenne den Mann nicht. – Werum chunt dä Maa? – Weil er auch auf den Bus will. – Werum will dä Maa uf dä Bus? – Weil er irgendwohin muss. – Wo will dä Maa dänn ane? – Irgendwohin. Weiss auch nicht. – Werum weich du das nöd? – Weil ich den Mann nicht kenne. – Wilch dä Maa nöd fröge woner ane wott? – Nein, will ich nicht. Sag mal wilSCH. WilSCHSCHSCH. – Wilch. Wilchchch. – Nein, SCHSCH. Wie SCHaf. – Chaf. Söll ich dä Maa fröge woner ane wott? – Tu, was du nicht lassen kannst. – (Zum Mann) Si–i? Wo gönd Si ane? – (Mann:) Heim. – (Zur jungen Frau) Är gaht hei. – (Junge Frau:) Aha. – Möchtch no meh wüsse vom Maa? – Nein, danke. – Wänn chunnt dä Bus? – Gleich. – Jetzt? – Jetzt gleich. – Jetzt? – Ähm, nein. – Aber jetzt? – Nein. – Jetzt? – Nein. – Jetzt? – Nein. – Aber da chunt er doch! – Oh, ja. Da ist er ja. Einsteigen. – Werum ich dä Bus blau? – Keine Ahnung. – Werum weich du das nöd? – Weil ich, ach, ich weiss nicht, warum ich das nicht weiss! – Werum sind mini Chue nöd blau? – Weil sie grün sind. – Und werum nöd blau? – Sie sind auch nicht rot. – Chtimmt. Werum sinds nöd rot? – Weil sie grün sind. – Werum sinds grüen? – Schau mal der Hund da. – Wem ghört dä Hund? – Der Frau, die seine Leine in der Hand hält. – Werum hät er ä Leine? – Weil er sonst wegläuft. – Wo lauft er dänn ane? – Keine Ahnung. Weg halt. – Wotch nöd fröge wo de Hund anelauft? – Hunde können nicht sprechen. – Chach ja sini Frau fröge. – Das weiss sie doch auch nicht. Sonst bräuchte sie ja keine Leine, sonst könnte sie ihn ja einfach laufen lassen und dann dort wieder abholen, wo er hinläuft, wenn sie wüsste, wo das ist. – Werum weiss si das nöd? – Weil Hunde nicht… oh, schau mal mein Handy. Willst du ein bisschen spielen damit? – Werum? – Weil du dann vielleicht nicht mehr so viele Fragen stellst. – Werum? – Warum was. – Werum frög ich dänn villicht nüme so vill? – Weil du dann beschäftigt bist. – Wo ich dä Maa vom Hund? – Was? – Wo ich dä Maa vom Hund? – Vielleicht hat er keinen. Jetzt müssen wir aussteigen. – Werum? – So, Achtung… – Werum chtigt dä Hund nöd us?
Die Frau bugsierte den Jungen raus, und jemand im Bus seufzte laut und vernehmlich. Mich befiel die Lust, heute zwei Pillen zu nehmen.

Lesung: Michèle Roten liest aus ihrem nächsten Buch «Drei. Eine Geschichte in sechs Teilen», anschliessend Gespräch mit Reeto von Gunten. Buchhandlung Orell Füssli, Zürich, 25. April, 20.30 Uhr; «Drei» ist ab 26. April im Handel. www.echtzeit.ch

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