Montag, 4. Februar 2013

Senza una donna

Italien kämpft mit der kriselnden Wirtschaft. Nun seien die Frauen gefragt, rufen Ökonomen. Wenn man sie denn liesse.

Fragt man Italienerinnen, wie das Leben einer erwerbstätigen Mutter ist, hört man mitunter die Antwort: «Unmöglich!» War es noch vor 20 Jahren gang und gäbe, nach der Geburt eines Kindes weiterzuarbeiten und die Betreuung der allzeit bereiten Nonna zu übergeben, so haben sich sogar in Italien die Zeiten geändert. Die Grosseltern sind nicht immer bereit oder geographisch verfügbar, um den Nachwuchs zu hüten.

Das ist aber nur einer der Gründe, wieso Italien in der OECD-Studie über erwerbstätige Frauen mit 46.5 Prozent den drittletzten Platz einnimmt. Nur Griechenland und die Türkei schneiden noch schlechter ab. Mit 12 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt stellt sich die Frage: Wieso kriegt Italien seine Frauen nicht zurück an den Arbeitsplatz?

Job oder Familie
Nicht, dass der Mangel an erwerbstätigen Frauen in italienischen Medien trotz hoher Arbeitslosenquote (12 Prozent) eine besondere Erwähnung verdient hätte. Man muss schon nach England schauen, um etwas Aufschlussreiches darüber zu lesen. So interviewte der «Guardian» letzte Woche Italienerinnen zum Thema und der rote Faden zieht sich durch alle Aussagen durch: Italienische Vorgesetzte (egal ob weiblich oder männlich) goutieren eine erwerbstätige Mutter offenbar auch 2013 nicht. Als sie aus organisatorischen Gründen den Arbeitsplatz verlassen musste, kriegte Enza Miceli zu hören, sie müsse sich «halt zwischen Familie und Beruf entscheiden». Woraus sie sich, wie die meisten – nicht zuletzt aus Mangel an Betreuungsplätzen – für die Familie entschied und ihren Job an den Nagel hängte.

Eine Ausnahme in der medialen Wüste stellt einzig der «Corriere della Sera» dar: Italien nutze eines Grossteil seines humanen Kapitals nicht – nämlich Frauen – konnte man diesen Monat auf der Frontseite lesen. «Es ist ein kolossaler Verlust für die Wirtschaft. Die nächste Regierung wird die Frage der weiblichen Arbeitskräfte ins Zentrum ihre Programms stellen müssen.» Die Kritik kam nicht etwa von feministischer Seite – eine Bewegung, die in Italien kaum zu hören ist, seit Berlusconi abgetreten ist – sondern von den Wirtschaftswissenschaftlern Alberto Alesina und Francesco Giavazzi. Zwei Männern.

Traumjob «Velina»
Die Frage ist also längst keine emotionale oder feministische mehr, sondern eine soziale und gesellschaftsökonomische. Für junge Frauen in Italien gilt – Privatfernsehen sei dank – der Job einer «Velina» (eine spärlich bekleidete Assistentin vor der Kamera) als absoluter Traum. Ein bisschen tanzen, nett lächeln und Kurven zeigen.

«Silvio Berlusconi war nicht nur für das Image unseres Landes und die Wirtschaft das Schlimmste, was uns in den letzten 20 Jahren passieren konnte. Auch für das Selbstbild der Frau und unsere Kultur war es eine schädliche Periode.» ist Michela Cella, Ökonomin und Mutter überzeugt.

Doch der Status Quo wird weiterhin verteidigt: Italienerinnen würden die Wirtschaft mit ihrer Rolle als ultimative Pflegerinnen (von Kindern, Ehemännern und Greisen). Weil es gesellschaftliche nach wie vor akzeptiert ist, dass eine Mutter zu hause bei den Kindern bleibe, argumentieren rechte Politiker damit, diese Mentalität erleichtere das Kinderkriegen. Sowohl die Krise, wie auch die im europäischen Vergleich tiefe Rate von 1.4 Kindern pro Frau haben indes gezeigt wie falsch und antiquiert diese Argumente sind.

In einem Monat sind Wahlen in Italien, eine neue Regierung könnte die Situation verändern. Die Schritte dazu sind dieselben, die auch in Nordeuroopa diskutiert werden (und die eine deutsche Regierungsstudie bestätigt): Mehr Betreuungsplätze schaffen, Steuern senken, um die Motivation und die Möglichkeiten der Frauen zu erhöhen, wieder ins Erwerbsleben einzusteigen.

Automatische Kündigung
Bevor sich aber etwas ändern kann, müssten Auswüchse wie die Praxis der «Blanco-Kündigung» aufgehoben werden. Bei der Arbeitsvertragsunterzeichnung wird in Italien gleichzeitig eine Kündigung unterschrieben, die zum Zuge kommt, um eine Entlassung bei Bedarf zu vereinfachen. Diese vollkommen illegale Praxis wird jedoch nur selten bekämpft, da viele auf den Job angewiesen sind. Das Italienische Institut für Statistik (ISTAT) glaubt, dass 800'000 Frauen alleine 2011 ihren Job auf diese Weise verloren. Meist während oder nach einer Schwangerschaft. Einzig Romano Prodi hatte 2007 versucht, den Blanco-Check zu beseitigen, wurde aber von der Wiederwahl Berlusconis 2008 daran gehindert mit dem Argument, es sei zu kompliziert und bürokratisch. Auch über solche illegalen Phänomene erfährt man in den italienischen Medien übrigens nur selten etwas.

Mario Montis technokratische Regierung hat das Gesetz gegen diese Praxis zwar wieder in Angriff genommen, doch sei es zur Zeit sehr einfach, es zu umgehen, wie Juristen bestätigen. Die am 25. Februar gewählte Regierung wird sich dem Problem definitiv annehmen müssen. Doch auch die nächste Legislaturperiode wird – ob mit oder ohne Berlusconi - kaum die Mentalität vieler Italiener verändern. Nämlich, dass es ohne die Mamma am Herd nicht geht.

Artikel erschien heute auf clack.ch

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