Direkt zum Hauptbereich

Wie nennt man jemanden mit dunkler Hautfarbe?



Einen Menschen. (Oder was dachtet ihr?) Ausnahme: Alte Kinderbücher.

«Im Karton, der in Lummerland ankam, lag ein kleines N****baby.» Von Jim Knopf über Pippi Langstrumpfs Vater bis zu den Gastgebern beim Chaschperli: Kinder werden bis heute mit dem N-Wort für schwarze Menschen konfrontiert, manchmal ohne unser Zutun. «Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten.» So Kristiina Schröder in einem kürzlich erschienenen Interview mit der «Zeit». Sie würde in einer Kindergeschichte den Ausdruck einfach ersetzen, die Hautfarbe spiele schliesslich keine Rolle. Soweit wird ihr wohl kaum jemand widersprechen. Irrtum!

Die empörten Reaktionen vieler Kommentatoren und Journalisten auf diese Aussage zeigen, wie heikel das Thema entgegen aller Erwartungen ist. (Die Chaschperli-Produzenten haben ihre N-Wörter immerhin ausgewechselt und waren ihrer Zeit offenbar voraus.) Ja, wir leben in demokratischen Ländern mit Meinungsäusserungsfreiheiten und ja, Zensur ist undemokratisch und freiheitsberaubend. Doch liegt ein meilenweiter Unterschied zwischen dem Verbot der «Pussy Riots» und Kinderbüchern, in denen Menschen afrikanischer Abstammung als wahlweise «arm» (im materiellen wie auch im übertragenenen Sinn), «herzig» oder gar primitiv dargestellt werden?

Früher nannte man ein Kind, das von unverheirateten Eltern abstammt, einen Bastard. Würde man das seinen Kindern heute so vorlesen wollen? Oder wenn man den Vergleich der Blogger von «Fuckermothers» zitieren möchte: «Viele Eltern lesen den ‘Struwwelpeter’ nicht mehr vor. Denn sie wollen ihren Kindern nicht beibringen, dass sie sterben müssen, wenn sie keine Suppe mehr essen. Und dass ihnen nicht die Finger abgeschnitten werden, wenn sie ihre Haare nicht frisieren. Statt dem Ausdruck ‘Weib’ sagen wir heute ‘Frau’. Statt ‘gefallenes Mädchen’ sagen wir ‘alleinerziehende Mutter’. So etwas bezeichnet man gemeinhin als Fortschritt.» Und Fortschritt in Sachen Diskriminierung ist etwas Gutes, liebe Kritiker.
Gerade in Deutschland, wo Neonazis wieder politischen Aufwind erleben und rassistische Gewaltverbrechen vermehrt an der Tagesordnung sind, lässt dieser Sturm an Kritik gegen die Verwendung des N-Wortes in Kinderbüchern aufhorchen. Kann es wirklich sein, dass es Eltern nicht stört, wenn ihre Kinder solche Ausdrücke benutzen? Schliesslich hören es die wenigsten gern, wenn das eigene Kind flucht, aber N**** soll dann in Ordnung sein? Oder ist die Diskussion eine rein philosophisch intellektuelle? Dann ist sie nämlich schlicht überflüssig und für den Papierkorb.

Denn worüber gar nicht gesprochen wird, sind die Betroffenen: Was ist mit den Gefühlen der Kinder afrikanischer Abstammung? Wie die sich wohl fühlen, wenn in der Schule Jim Knopf gelesen und da ganz offen vom «N-Baby» geredet wird? Ist es so schwer, sich in ein solches Kind zu versetzen und zu verstehen, dass es ganz und gar nicht o.k. ist, heute noch solche Ausdrücke zu benutzen? Ausser, man regt damit eine  Diskussion an, um den Kindern klarzumachen, dass das nicht geht. DAS wäre ein gutes Thema für den Lehrplan!

Wie handhabt ihr das? Haltet ihr die Streichung des «N-Meitlis» beim Chaschperli für Zensur oder für notwendig? Darf man Astrid Lindgrens berühmtesten N-König «Südseekönig» nennen, wie Schröder das im Interview vorschlägt? Oder ist die Hautfarbe überhaupt kein Thema?

Kommentare

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…
Vom Umschreiben "politisch unkorrekter" Bücher wie zum Beispiel die Globibücher halte ich nicht viel. Wenn, dann können wir ja beim Vorlesen ein anderes Wort brauchen. Und noch viel wichtiger ist es doch, dass wir Erwachsene als gutes Beispiel und Vorbild vorangehen und unseren Kindern wichtige Werte wie Respekt, Rücksicht, Anstand und gutes Benehmen vorleben.

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Hormonhölle

  Wer mich bzw. Rabenmutter (Blog und Buch) noch nicht kennt, braucht für diesen Text eine kurze Orientierung: Bei Sassines sind wir 2 Männer (Vater und Sohn, 21) und zwei Frauen (Tochter, bald 17, und ich). Soviel zur Demografie des Hauses. Als mein Sohn in die Pubertät kam, gab es schwierige Zeiten. Wir sind uns sehr ähnlich, will heissen, wir sagen, was ist. Sowohl im Positiven, wie aber auch im Negativen. Wenn uns also etwas nicht passt, meckern wir genauso, wie wir spontan «Ich liebe dich» sagen können. Jedoch gab es Zeiten, da war es kein meckern mehr, vielmehr gingen wir uns regelmässig an die Gurgel mit ausgewachsenen Wutanfällen, die einem Orkan ähnelten. Sowohl in der Kraft, als auch in der Lautstärke. Diese endeten jeweils mit einem Türenschletzen seiner- und einer Putzaktion meinerseits (Ich putze nicht gerne, ausser ich bin wütend. Meine Laune lässt sich also direkt an der Sauberkeit unseres Hauses messen.) Die anderen zwei Sassines, Vater und To...

Libido und Langeweile

Wer kennt das nicht? Den Mann hat man schon länger, die Kinder rauben einem den Schlaf und den letzten Nerv. Sex ist das Letzte, worauf man jetzt Lust hat. Für einen Artikel über die weibliche Libido würde ich gerne Aussagen von Müttern und Ehefrauen aufnehmen, wie das bei euch ist/war. Habt ihr regelmässig Sex mit eurem Mann? Oder vielleicht mit einem anderen? Und was heisst regelmässig? Habt ihr Freude am Sex oder ist es zur Pflichtübung geworden? Würdet ihr dagegen eine Pille nehmen? Es wäre schön, wenn ihr mir in der Kommentarfunktion (auch anonym) ein paar dieser Fragen beantworten könntet. Eure Aussagen würden mir sehr helfen! Herzlichen Dank!

Nie wieder WWF Tipilager!

Das erste Sommerlager für unseren Grossen. Nicht nur das Wetter machte nicht mit.... Unser Grosser wollte sich diesen Sommer – nachdem wir letztes Jahr den Anmeldetermin verpasst hatten – unbedingt für das WWF-Tipilager anmelden. Wie die Indianer leben, schlafen, Werkzeug bauen und Schmuck basteln, hiess es in der schön gestalteten Broschüre. Er freute sich seit Monaten darauf. Und wir freuten uns mit und für ihn. Einzig die Tatsache, dass sich – trotz umfangreicher Unterlagen -   die Lagerleitung mit keinem Wort vorstellte, fanden wir etwas befremdend. Für jedes der zahlreichen Lager, die mein Mann in seiner Hockey-Karriere leitete, gab er eine Liste der gesamten Leitung mit, damit die Eltern eine leise Ahnung haben, wem sie ihre Kids anvertrauen. Diese Lagerleitung befand das – trotz schriftlicher Nachfrage unsererseits – nicht für notwendig. Doch unser Grosser freute sich viel zu sehr, als dass wir ihn deswegen nicht hingeschickt hä...