Dienstag, 15. Januar 2013

Wie nennt man jemanden mit dunkler Hautfarbe?



Einen Menschen. (Oder was dachtet ihr?) Ausnahme: Alte Kinderbücher.

«Im Karton, der in Lummerland ankam, lag ein kleines N****baby.» Von Jim Knopf über Pippi Langstrumpfs Vater bis zu den Gastgebern beim Chaschperli: Kinder werden bis heute mit dem N-Wort für schwarze Menschen konfrontiert, manchmal ohne unser Zutun. «Auch ohne böse Absicht können Worte ja Schaden anrichten.» So Kristiina Schröder in einem kürzlich erschienenen Interview mit der «Zeit». Sie würde in einer Kindergeschichte den Ausdruck einfach ersetzen, die Hautfarbe spiele schliesslich keine Rolle. Soweit wird ihr wohl kaum jemand widersprechen. Irrtum!

Die empörten Reaktionen vieler Kommentatoren und Journalisten auf diese Aussage zeigen, wie heikel das Thema entgegen aller Erwartungen ist. (Die Chaschperli-Produzenten haben ihre N-Wörter immerhin ausgewechselt und waren ihrer Zeit offenbar voraus.) Ja, wir leben in demokratischen Ländern mit Meinungsäusserungsfreiheiten und ja, Zensur ist undemokratisch und freiheitsberaubend. Doch liegt ein meilenweiter Unterschied zwischen dem Verbot der «Pussy Riots» und Kinderbüchern, in denen Menschen afrikanischer Abstammung als wahlweise «arm» (im materiellen wie auch im übertragenenen Sinn), «herzig» oder gar primitiv dargestellt werden?

Früher nannte man ein Kind, das von unverheirateten Eltern abstammt, einen Bastard. Würde man das seinen Kindern heute so vorlesen wollen? Oder wenn man den Vergleich der Blogger von «Fuckermothers» zitieren möchte: «Viele Eltern lesen den ‘Struwwelpeter’ nicht mehr vor. Denn sie wollen ihren Kindern nicht beibringen, dass sie sterben müssen, wenn sie keine Suppe mehr essen. Und dass ihnen nicht die Finger abgeschnitten werden, wenn sie ihre Haare nicht frisieren. Statt dem Ausdruck ‘Weib’ sagen wir heute ‘Frau’. Statt ‘gefallenes Mädchen’ sagen wir ‘alleinerziehende Mutter’. So etwas bezeichnet man gemeinhin als Fortschritt.» Und Fortschritt in Sachen Diskriminierung ist etwas Gutes, liebe Kritiker.
Gerade in Deutschland, wo Neonazis wieder politischen Aufwind erleben und rassistische Gewaltverbrechen vermehrt an der Tagesordnung sind, lässt dieser Sturm an Kritik gegen die Verwendung des N-Wortes in Kinderbüchern aufhorchen. Kann es wirklich sein, dass es Eltern nicht stört, wenn ihre Kinder solche Ausdrücke benutzen? Schliesslich hören es die wenigsten gern, wenn das eigene Kind flucht, aber N**** soll dann in Ordnung sein? Oder ist die Diskussion eine rein philosophisch intellektuelle? Dann ist sie nämlich schlicht überflüssig und für den Papierkorb.

Denn worüber gar nicht gesprochen wird, sind die Betroffenen: Was ist mit den Gefühlen der Kinder afrikanischer Abstammung? Wie die sich wohl fühlen, wenn in der Schule Jim Knopf gelesen und da ganz offen vom «N-Baby» geredet wird? Ist es so schwer, sich in ein solches Kind zu versetzen und zu verstehen, dass es ganz und gar nicht o.k. ist, heute noch solche Ausdrücke zu benutzen? Ausser, man regt damit eine  Diskussion an, um den Kindern klarzumachen, dass das nicht geht. DAS wäre ein gutes Thema für den Lehrplan!

Wie handhabt ihr das? Haltet ihr die Streichung des «N-Meitlis» beim Chaschperli für Zensur oder für notwendig? Darf man Astrid Lindgrens berühmtesten N-König «Südseekönig» nennen, wie Schröder das im Interview vorschlägt? Oder ist die Hautfarbe überhaupt kein Thema?

1 Kommentar:

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…

Vom Umschreiben "politisch unkorrekter" Bücher wie zum Beispiel die Globibücher halte ich nicht viel. Wenn, dann können wir ja beim Vorlesen ein anderes Wort brauchen. Und noch viel wichtiger ist es doch, dass wir Erwachsene als gutes Beispiel und Vorbild vorangehen und unseren Kindern wichtige Werte wie Respekt, Rücksicht, Anstand und gutes Benehmen vorleben.

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