Dienstag, 17. Mai 2011

Stillen macht anständig

Noch eine Studie, die besagt, stillen sei besser für das Kind. Die Begründung ist auch diesmal nervig.

Jetzt haben wir es. Das musste ja kommen! Nachdem uns diverse Stillkampagnen predigen, stillen sei das einzig Wahre für unsere Kleinen, weil gesünder, haben Still-Apostel jetzt einen neuen Grund, allen nichtstillenden Müttern ein schlechtes Gewissen einzureden. Denn gestillte Kinder sind anständiger als Flaschenkinder. Tataaa!

In einer gross angelegten Studie befragten Forscher diverser britischer Universitäten im Jahre 2000 über 10'000 Mütter mit weissem ethnischen Hintergrund, als ihr Baby neun Monate alt war. Dann mussten sie alle zwei Jahre wiederum einen Fragebogen ausfüllen, der Fragen zu Anhänglichkeit, Ängsten, Hyperaktivität und Verhaltensprobleme wie lügen und stehlen, behandelte.

Heraus kam, dass 16 Prozent der flaschen-ernährten Babies später Probleme mit ihrem Benehmen aufwiesen, aber nur 4% der gestillten Kinder. Natürlich wurden andere Einflüsse berücksichtigt, so die Forscher, wie die sozialökonomischen Verhältnisse, die Bildung der Mutter, Alter und Rauchergewohnheiten (dieser letzte Punkt macht mich schon stutzig: Sind Kinder von Raucherinnen jetzt auch problematischer?).

Es gehe den Wissenschaftlern nicht darum, «normale» Trotzreaktionen und Wutanfälle von Kindern zu stigmatisieren. «Probleme gibt es erst, wenn das Verhalten des Kindes der Situation unangemessen ist, über längere Zeit andauert und seine Entwicklung stört.» Und dies soll bei eben 16% der nicht-gestillten Kindern der Fall sein.

Dafür gäbe es zwei Erklärungen: Muttermilch enthält Fettsäuren, die eine wichtige Rolle in der Entwicklungs des Hirnes spielen. Doch da diese von der Milchpulverindustrie längst entdeckt wurden und seit Jahren schon im Schoppen zu finden sind, muss es etwas anderes sein. Und jetzt kommt's, einmal mehr: Gestillte Kinder sind ihrem Mami näher, das «Bonding» findet eher statt, als wenn der Störfaktor «Schoppen» dazwischenfunkt! (Hierzu möchte ich bemerken, dass der die meisten Schoppen doch viel kleiner sind, als stillende Frisch-Mutter-Brüste...) Das soll zu einem besseren Verständnis für anständiges Benehmen führen, weshalb sich nur 4% der gestillten Kinder aufführen wie Chucky, die Mörderpuppe.

Übrigens gilt das alles nur, wenn man mindestens vier Monate gestillt hat, sonst ist die ganze Theorie für die Katz. Beim nächsten Anfall von «unangemessenem» Brüllen, weil sie kein Glace kriegt, werde ich meiner Tochter wohl sagen müssen, sie sei doch sehr undankbar, schliesslich hätte ich sie fünf Monate gestillt und sie dürfe sich deshalb nicht so benehmen! Oder was meinen Sie?

Die Forscher werden jetzt übrigens auch andere ethnische Gruppen befragen, damit ein ganzheitliches Bild der Bevölkerung entsteht. Na hoffen wir, dass die Immigranten anständige Kinder haben!

Kommentare:

mamahatjetztkeinezeit hat gesagt…

Schade haben Sie die Studie selber nicht einsehen können, sondern nur die Artikel über die Studie. Weil:
- Kinder mit Verhaltensstörungen sind nicht weniger "anständig" oder "brav", als Kinder ohne Verhaltensstörungen
- untersucht wurde nicht "Stillen" versus "nicht Stillen", sondern "nicht oder kürzer als 4 Monate Stillen" versus "länger als 4 Monate stillen"

In der Studie selber werden die Grenzen der Resultate beschrieben und auch, welche Interpretationen die Daten nicht hergeben. Was Sie hier kritisieren, gehört dort rein.

rabenmutter hat gesagt…

Ist schon klar, mir ging es hier auch nicht darum, die Studie genau wiederzugeben. Vielmehr geht es darum, wie mit solchen Studien mit unserem schlechten Gewissen gespielt wird. Das verunsichert werdende Mütter total und dagegen kämpfe ich an. Mehr in meinem Buch.

mamahatjetztkeinezeit hat gesagt…

So rum gesehen: Einverstanden. Also ehemalige Forscherin gehe ich einfach sofort an die Decke, wenn ich solchen Mist lese. Nicht die Forscherinnen sind im vorliegenden Fall fehlerhaft vorgegangen, sondern die Blick- und anderen Journalisten.

Mich dünkt es offensichtlich: Wenn nur 30% des Unterschiedes durch's Stillen erklärt werden können, dann müssen 70% des Unterschiedes durch andere Faktoren erklärt werden.
Wenn man wollen würde, könnte man also auch titeln: "Die Lage an der Stillfront entschärft sich dank neuer Studie! Fast 9 von 10 nicht langzeitgestillten Kinder sind nicht verhaltensgestört!".
So rum gäbe die Resultate der Studie genau so richtig wieder :-)

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…

Ich gebe grundsätzlich nicht viel auf solche Studien. Auf jede Studie wird in Kürze die entsprechende Gegenstudie folgen... ;-). Kann mir aber schon vorstellen, dass sich viele Mamis, vor allem solche, welche nicht oder nur kurze Zeit, stillen konnten, sich nun (einmal mehr) verunsichert und fälschlicherweise als Versagerinnen fühlen. Das ist traurig und sollte nicht sein! Mein Tipp an alle (werdenden) Mütter: vergesst solche Studien, hört auf Euer Herz und den Mutterinstinkt, stillt wenn Ihr wollt und solange Ihr wollt, lasst Euch jedoch zu nichts zwingen! Ob ein Kind, eine Jugendliche anständig ist oder nicht, hängt bestimmt nicht vom Stillen bzw. Nicht-Stillen ab, da gehören ganz viele andere Faktoren hinzu: Familienumfeld, soziales Umfeld, Charakter des Kindes etc.

Noch etwas: Ich konnte damals leider nicht gestillt werden - und bin eine sehr anständige, freundliche, "gut geratene" und selbstbewusste Frau und Mutter (zweier während "nur" drei Monaten vollgestillter Kleinkinder im Trotz- und Zwängalter) :-)!

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