Montag, 30. Mai 2011

"Das Geschlecht ist nicht wichtig"

«Wisst ihr schon, was es ist?» Wie oft ich das während meiner Schwangerschaften gefragt wurde, kann ich nicht sagen. Ich weiss nur noch, dass ich mit der Zeit nur noch «Na, ein Elefant wird's wohl nicht!» antworten wollte. Diese Fixation auf das Geschlecht eines Kindes hat mich damals fasziniert und ich finde sie heute noch befremdend. Macht es wirklich einen Unterschied, ob das neue Familienmitglied ein Junge oder Mädchen ist? Ich habe auch nie verstanden, dass viele werdende Eltern eher zum einen Geschlecht tendieren, ich wollte einfach ein gesundes Kind. Zumindest beim ersten. Denn bei meiner zweiten Schwangerschaft muss ich zugeben, dass ich mich sehr gefreut habe zu erfahren, dass die Zeiten von Superman und Captain Sharky bald vorbei sind. (Wie sehr mir Hello Kitty und Co. auf die Nerven gehen würden, ahnte ich damals ja noch nicht.)

Wieso beissen wir uns eigentlich so daran fest, Menschen durch ihr Geschlecht definieren zu wollen? Das Geschlecht scheint die allererste Schublade zu sein, in den man einen Menschen steckt. Ein Baby hat schliesslich noch keinen ihn definierenden Beruf oder Zivilstand. Doch braucht es diese Schublade überhaupt?

Kathy Witterick und David Stocker aus Toronto in Kanada finden, wir Menschen sollten uns von diesem Genderdenken befreien. Ihre zwei ältesten Söhne werden deshalb genderneutral erzogen, der grössere mag pink und trägt Zöpfe, der kleinere fährt ein violettes Dreirad. Soweit, so nachvollziehbar. Wenn ich meine Tochter anschaue, ist sie auch mehr Raufbold als Barbie, aber das liegt wohl eher am grossen Bruder, als an unserem Erziehungsstil. Obwohl wir es nicht mögen, wenn Jungs in die blaue und Mädchen in die rosa Schublade gesteckt werden, geben wir uns keine sonderliche Mühe dies zu verhindern, genauso wenig, wie wir die Schubladisierung explizit vorantreiben.

Was die Kanadier nun mit ihrem dritten Kind vorhaben, gehört jedoch in eine andere Kategorie der Genderneutralität: Bis heute weiss niemand (ausser ihnen selbst, den grossen Geschwistern und den Hebammen) welchem Geschlecht das letztgeborene angehört. Das Baby mit dem originellen Namen «Storm» ist für die Öffentlichkeit weder Mädchen noch Junge. Ihre Ideologie dahinter: «Wenn du jemanden wirklich kennen lernen willst, ist es unwichtig, was er/sie zwischen den Beinen hat.»
Was nicht nur Nachbarn und Angehörige befremdet ist die Tatsache, dass die Eltern mit dieser Einstellung, ihr Kind später frei «wählen» zu lassen (in Anführungs- und Schlusszeichen, da es sich sein Geschlechtsteil zumindest als Kind ja nicht wegdenken kann), es eigentlich genauso beeinflussen, wie wenn sie ihrer Tochter nur noch rosa Kleider und Puppen kaufen würden. Sie imprägnieren dieses Baby mit ihrer Vision, wir Menschen seien alle gleich und das Geschlecht sei genauso nebensächlich wie die Hautfarbe.
Ich möchte gar keinen Diskurs darüber führen, ob sie recht haben, schliesslich kann man sich solche Ideologien in unserer entwickelten, freien Welt erlauben und jeder soll tun und lassen, was er will. Doch was unterscheidet Eltern, die ihr Kind in die Schublade «neutral und offen für alles» stecken, von Eltern, die ihre vierjährige Tochter zur Miss-Wahl schicken? Was ist schlimmer: Dem Sohn das pinke Prinzessinnenkleid zu verbieten oder das Risiko einzugehen, dass er in diesem Kleid in der Schule gehänselt wird?
Wenn Eltern ihre Ideologien an ihren Kindern «ausprobieren», gleicht dies einem Experiment. Ich bestreite nicht, dass wir alle dazu neigen, unsere Kinder auf die eine oder andere Art zu beeinflussen und natürlich meinen wir das nur gut. Aber aus einem Kind ein soziologisches Experiment zu machen, finde ich trotz aller Toleranz etwas bedenklich. Sie nicht?

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