Mittwoch, 17. September 2008

Weggezappt!

Immer mehr Schweizer Familien verzichten bewusst auf den Altar im Wohnzimmer. Ihr Alternativ-Programm? Leben!


Fernsehen macht Kinder dumm, dick, lese- und spielfaul, ihr Vorstellungsvermögen und ihre Sprachfähigkeit leidet, ihre Intelligenzentwicklung stagniert, ausserdem ruft es Asthma, Seh- und Haltungsschäden hervor – das alles kann man in Studien lesen. Auch wenn da manches ein bisschen übertrieben klingt, so kann der Griff zur Fernbedienung jedenfalls nicht als Sport bezeichnet werden und das Auswendig-Kennen des TV-Programms gilt nicht als intellektuelle Höchstleistung. Für einige Pädagogen ist schon lange klar, was Eltern zu tun haben: "Schafft den Fernseher ab!"

Doch sind sich nicht alle Experten über die Schädlichkeit des Fernsehens einig. Für Céline Langeberger, Kinderpsychologin an der Universitätsklinik in Lausanne, ist Fernsehen nur für Kleinkinder unter drei Jahren wirklich schädlich – dass einige Sender eigene Programme für Babies ab dem ersten Lebensjahr ausstrahlen, ändert an Langebergers Ablehnung nichts. Ab dem vierten Lebensjahr dagegen komme es sehr darauf an, wie das Medium genutzt wird, sagt die Psychologin. Kleine Portionen könnten dem Kleinkind viel bringen, sofern auf altersgerechte Sendungen geachtet werde. Wichtig sei, das Gesehene mit dem Kind zu besprechen, um dessen Eindrücke wahrzunehmen. Hierfür kommen Eltern nicht daran vorbei, die Sendungen mit den Kindern zusammen anzusehen.

Statt mit ihren Kleinen Kinderkanal zu schauen, verzichten jedoch manche Eltern auf ihre eigenen Lieblingssendungen und schaffen den Fernseher ganz ab. Die Einschaltquoten sinken, die Zahl der freiwilligen Nichtfernseher steigt, auch wenn sie niemand genau beziffern kann. Offizielle Statistiken existieren nicht. Wer sind denn die Nichtfernseher des dritten Jahrtausends? Weltfremde, fortschrittfeindliche, birkenstocktragende Moralapostel? Intellektuelle, denen die Gebühren zu schade sind, nur um ARTE zu sehen?

Lieber etwas unternehmen
Die Vermutung liegt nahe, dass Nichtfernseher bereits ohne TV aufgewachsen sind, sie dieses Medium also gar nie als Teil ihres Lebens sahen. Yvonne Guldimann aus Seewen kann sich jedoch sehr wohl an den Fernseher in ihrem Wohnzimmer erinnern, als sie noch ein Kind war. Sie durfte jedoch nur sehr wenig schauen. In den Wohngemeinschaften ihrer Studentenzeit hat sie dann einen ganz anderen Umgang mit dem Fernseher kennengelernt: Kaum waren ihre Mitbewohner zu Hause, schalteten sie schon die Kiste ein. Der Fernseher war für sie nichts anderes als Radio mit Bild. Yvonne Guldimann fand es eher schrecklich. Sie selber konnte sich für dieses Medium nie begeistern. «Mir nimmt diese Dauerberieselung Raum und Aufmerksamkeit, diese Pseudo-Betriebsamkeit verhindert in meinen Augen tolle Unternehmungen und echte Erlebnisse.»

Heute lebt Yvonne Guldimann mit zwei Kindern (das dritte ist unterwegs) und dem Vater der letzten beiden auf einem Bauernhof am Stadtrand. Sie gehören zu der Sorte Nichtfernseher, die ihre Freizeit lieber anders gestalten als mittels TV-Programm. Regelmässig reisen die Eltern von Iria und Orienga nach New York und treten mit ihrer Ethno-Pop-Band "1001Ways" auf. Wenn sie nicht gerade singt, arbeitet Frau Guldimann als Lektorin und ist "nebenbei" noch Hausfrau.

Auf die Frage, wie denn ihr "Alternativprogramm" zum Fernsehen aussehe, antwortet die bald dreifache Mutter: "Programm? So etwas haben wir nicht! Wir leben einfach!" Ihre Kinder doppeln nach mit einer nicht enden wollenden Liste von Aktivitäten, bei denen man sich fragt, ob andere Familien denn nicht die gleichen Dinge tun: Gartenarbeit, zeichnen, lesen, Musik hören oder musizieren, telefonieren, klettern, Fussball spielen, Briefe schreiben, im Stall helfen, Computerspiel spielen, Traktor fahren.

Ob sie denn nichts vermisse? Die 12-jährige Iria zuckt die Schultern. "Nein, eigentlich nicht. Meine Freundinnen erzählen mir in der grossen Pause die letzte Folge von 'Wege zum Glück' und so kann ich mitreden. Es nervt nur manchmal, dass Freunde von mir viel später ins Bett müssen, weil sie noch 'CSI' sehen dürfen." Ob sie denn die besprochenen Figuren nicht auch mal sehen möchte? "Als Leseratte bin ich es gewohnt, meine Fantasie spielen zu lassen", meint sie abgeklärt. Schockiert über das Fehlen eines Fernsehers sei bis jetzt nur ein Freund des 7-jährigen Orienga gewesen. Worauf dieser seinen fernsehlosen Kameraden zu sich einlud, fern zu sehen. Orienga wollte aber lieber noch länger draussen spielen.

Zufriedene Menschen
Familie Guldimann mag ein bisschen aussergewöhnlich sein. Doch in einem ist sie ganz typisch: Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Peter Sicking hat nämlich festgestellt, dass Nichtfernseher ausgesprochen zufriedene Menschen sind. Manche hätten schlicht keine Zeit, fern zu sehen. Andere verzichten bewusst auf den Konsum, weil sie andere "Hobbies" bevorzugten. Allerdings existiert laut Sicking auch eine Gruppe von Nichtfernsehern, die sich zwingen, aufs Fernsehen zu verzichten: Sie wissen, sie würden sonst süchtig.

Eliane Schneider beschreibt ihren neunjährigen Robin manchmal als "für die Aussenwelt nicht mehr erreichbar". Robin hockt dann auch vor einem Bildschirm, aber es ist kein Fernseher, sondern ein Computer, und Robin guckt dann nicht "Die wilden Kerle", sondern spielt ein Game. Der 9-jährige darf mit einer gewissen Regelmässigkeit an den Computer, um zu spielen. Fernsehen dagegen kann Robin nicht, genauso wenig wie seine beiden Geschwister – bei den Schneiders gibt es keinen Fernseher. Ist das nicht inkonsequent? Überhaupt nicht, findet Eliane Schneider: "Bei seinen Computerspielen ist er im Gegensatz zum Fernseher wenigstens aktiv und trainiert seine Reaktionsfähigkeit."

Wie steht es denn mit dem Vorurteil, Nichtfernseher seien fortschrittsfeindlich und technophob? Peter Sickings Studie unterstützt dies jedenfalls nicht. Die meisten Nichtfernseher nutzen Computer & Co. und wissen, dass auch ihre Kinder früh den Umgang mit den neuen Kommunikations-Techniken üben müssen.

Doch der Fernseher gehört eben für manche Eltern nicht unbedingt dazu. Die Familie Schneider lebt seit jeher ohne Fernseher, einen zu besitzen war nie ein Thema. Studium, Reisen und ein reges soziales Leben brachten den Fernseher einfach nie auf den Plan, so dass es auch nie etwas zu vermissen gab.

"Die Kinder dürfen bei Nachbarn und Freunden schauen, wenn auch bitte nicht zuviel", meint Jean-Daniel Fivaz, der Vater der Schneider-Kinder. Überraschenderweise hat der 9-jährige Robin eine sehr vernünftige Einstellung dazu. "Fernsehen ist nicht alles im Leben, ich habe auch andere Hobbies", meint er dann auch ziemlich selbstsicher. Obwohl es auch schon Phasen gab, in denen er sich seine Freunde bewusst nach deren TV-Konsum ausgesucht hat. Heute diskutiert er mit Freunden einfach mit, auch wenn er besagte Sendung gar nicht kennt. "Ein paar Mail zuhören und du weisst Bescheid. Ich möchte ja kein Outsider sein." In Sachen Filmen ist er sogar ein Insider, denn er schaut sich mit der Familie einmal wöchentlich einen neuen Film auf DVD an.

Keine vernünftigen Gründe
Merlin (6) und Jasper (2) dürfen ebenfalls ab und zu eine DVD sehen, oder bei den Grosseltern auch mal länger vor der Kiste sitzen. Besonders der grössere ist begeisterter TV-Gucker, "Bob der Baumeister" sein Liebling. Nach diesen Fernseh-Marathons merke sie aber jedes Mal, wie "abgelöscht" ihre Kinder seien, sagt Aleksandra Crossan. Für den Besuch der Reporterin hat sie extra eine Broschüre rausgelegt: "Neugeborene unter dem Einfluss von TV und Handy" steht auf dem Titel. Die 32-jährige Choreographin und ihr Mann sind überzeugt, es gebe "keinen einzigen vernünftigen Grund", einen Fernseher zu besitzen: "Die meiste Zeit kommt nichts Schlaues und es hält uns davon ab, interessante Gespräche zu führen und unseren Kindern die Welt näherzubringen!"

Vor allem für ganz kleine Kinder sei der Fernseher (und auch andere elektronische Apparate) doch einfach nur schädlich, findet die Zürcherin amerikanischer Herkunft. Bereits die Tatsache, dass sie ihr Büro im Wohnzimmer hat, sei eigentlich schon zuviel. Ihren Handy-Konsum möchte sie in Zukunft sowieso einschränken.

Wie steht es denn um den Informations-Stand? Weiss man in einem Leben ohne Fernseher überhaupt noch Bescheid, was in der Welt läuft? Da haben Merlins Eltern die gleiche ruhige Einschätzung wie die Familien Guldimann und Schneider: In Sachen Aktualität verpassten sie nicht das Geringste. Sie informierten sich in Zeitungen, Zeitschriften und oft auch im Internet über das Tagesgeschehen. "Die täglichen News im Fernsehen informieren auch nicht umfassender, sie beeinflussen einen höchstens negativ", ist Aleks Crossan überzeugt.

Das sollte sie vielleicht nicht unbedingt Annette Huber erzählen. Die 28-Jährige wuchs zwar ebenfalls ganz ohne Fernseher auf. Und sie bereut die fernsehlose Kindheit nicht. Sie las viel, unternahm täglich etwas mit dem Hund und das Grösste waren dann immer die Geschichten ihres Vaters, abends, bevor sie ins Bett musste. Allerdings: Ihre Mutter erinnert sich, dass Annette aus einer Kartonschachtel einen Fernsehapparat gebastelt hatte. "Hinter diesem Bildschirm las sie dann die Nachrichten." Annette ist heute Journalistin beim Schweizer Fernsehen.

Erstmals erschienen in der Balser Zeitung, September 2008
Text: Nathalie Sassine

Experten-Interview mit Daniel Süss, Medienpsychologe.

Kommentare:

Desiree hat gesagt…

Na ja, so ganz ohne scheint es ja doch bei niemandem zu gehen. Ich muss halt einfach zugeben, dass ich meine Kinder ganz gerne mal vor der Glotze parkiere, um einen Moment Ruhe zu haben. Das muss ja nicht gleich mehrere Stunden am Stück sein.
Umso mehr nervt es mich jedoch, wenn sie bei Freunden vor dem Fernseher sitze. Erstens weiss ich dann nicht, was sie schauen, zweitens ist das Tagespensum dann eventuell schon erreicht, um zu hause dann auch noch schauen zu können. Fazit: Fernseher ist o.k. in Massen. Aber ist das nicht mit allem so?

Anonym hat gesagt…

Wir leben seit eh und je ohne Fernseher und keiner vermisst es. Meine Kinder sind 7 und 10 Jahre alt und haben jetzt schon viele Hobbys. Sie sind sehr kreativ und an allem interessiert. Ich führe das unter anderem auf das Fehlen einer Flimmerkiste zurück, aber auch darauf, dass wir einfach viel mit ihnen unternehmen. Was verpassen sie denn schon grosses ohne TV? Und informiert sind wir über Zeitung und Radio, das reicht eigentlich auch. Aber interessanter Artikel, bravo!

Anonym hat gesagt…

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