Mittwoch, 17. September 2008

Experten-Interview

"Der Fernseher kann einen gewissen "Nährwert" haben."

Daniel Süess ist Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.



Von Nathalie Sassine

baz: Ist der Fernseher im Leben eines Kindes gleichzustellen mit Süssigkeiten: Je weniger, desto besser?

Daniel Süess: Nein, denn im Gegensatz zu Süssigkeiten kann der Fernseher einen gewissen "Nährwert" beinhalten, schliesslich gehört er zu unserer Medienlandschaft und prägt die Gesellschaft nachhaltig. Auch Kinder sollten eine gewisse Medienkompetenz erlernen und hierfür muss ihnen der Umgang mit dem Fernseher gestattet sein. Ein Kind kann sich auch eine Sprache nur aneignen, wenn mit ihm gesprochen wird, anders geht es nicht. Kinder bringen grundsätzlich alles mit, um mit audiovisuellen Medien umzugehen, wenn man sie jedoch davon abschirmt, verhindert man diesen Lernprozess.

Gibt es Nachteile für Kinder, die ohne Fernseher aufwachsen?

Es kommt heute natürlich darauf an, wie ihre Medienwelt sonst aussieht. Eine Familie, die überdurchschnittlich viel ins Kino geht, viel liest oder viele Hörspiele hört, vermittelt ihren Kindern ja auch Geschichten, die Kinder verpassen nichts. Ausser vielleicht den fehlenden Umgang mit dem Fernseher, der in unserer Gesellschaft auch ein Leitmedium darstellt.

Fernsehen ist also nicht nur Unterhaltung und Berieselung?

Keineswegs. Für Schulkinder gibt es heute gute Info-Sendungen, von denen sie sehr viel lernen können. Die Frage ist eher, ob der Fernseher sehr zentral in der Familie ist und das abendliche Schauen ein unumstössliches Ritual. Kinder müssen wissen, dass es auch andere Aktivitäten gibt, als fern zu sehen.

Wo fängt Fernsehsucht bei Kindern an und wie weit kann sie gehen?

Sucht wird immer ähnlich klassifiziert. Indikatoren für eine Sucht sind etwa ein Unwohlsein, das sich einstellt, sobald man eben mal nicht vor dem Fernseher sitzt. Oder wenn man die Anzahl Stunden, die man fern sieht, vertuscht oder gar die Familie anlügt und heimlich anderswo schauen geht. Auch das Vernachlässigen von Beziehungen, Hygiene und Nahrungsaufnahme sind ein sicheres Indiz für eine Sucht. Ein weiterer Indikator sind mehrere Geräte im Haushalt, um ja nichts zu verpassen.

Haben Sie konkrete Tipps für Eltern, wie mit dem Fernseher in der Familie umzugehen ist?

Sie sollten generell Regeln aufstellen, wann und wie oft der Fernseher eingeschaltet werden soll. Mit DVDs und Videos anfangen und zusammen mit den Kindern schauen. Gerade Kleinkinder brauchen Wiederholungen, um den Sinn einer Sendung zu erfassen. Ausserdem sollte man die Zeit im Griff behalten. Kleinkinder eine halbe Stunde, Schulkinder ab einer Stunde, je grösser, je länger, aber nicht jeden Tag. Man sollte die Limiten und Programm zusammen besprechen, konsequent einhalten und die gesehene Sendung besprechen. Und, ganz wichtig: Fernsehen ist kein Mittel gegen Langeweile! Diese gehört zum Leben manchmal einfach dazu.

TV-Tipps für die Kleinen: www.flimmo.tv

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