Donnerstag, 4. September 2008

Roger hat wieder zugeschlagen!

Lang ist's her, als wir Roger Köppels (unmassgebliche) Meinung hier kundgetan haben. Aber in Sachen HarmoS hat er wieder dermassen zugeschlagen, dass wir euch sein Editorial der neusten Weltwoche einfach nicht vorenthalten wollten. Kommentare sehr willkommen!

Von Roger Köppel

HarmoS setzt falsche Anreize.

Das von der eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) an Volk und Parlamenten vorbei ausgeheckte Standardisierungskonkordat zur Schule (HarmoS) widerspricht nicht nur demokratischen Grundsätzen; es zementiert Fehlentwicklungen. Die EDK hatte den Auftrag, die vom Stimmvolk abgesegneten Harmonisierungsbestimmungen im Bildungsartikel vom 21. Mai 2006 umzusetzen, doch sie ging mit ihrem Vorstoss weit darüber hinaus. Einer der strittigsten Punkte ist die im Gesetz nicht vorgesehene flächendeckende Einführung von Blockzeiten und Tagesstrukturen. Der Staat soll die Aufgabe übertragen bekommen, eine erzieherische Vollbetreuung jener Kinder zu garantieren und bei Bedarf zu übernehmen, deren Eltern diese Pflicht nicht erfüllen wollen oder können. Faktisch ist es nur ein Angebot, aber Signal und Wirkung sind fatal.

Ein freiheitlicher Staat beruht auf dem Prinzip der Eigenverantwortung. Die Erziehung ist/war mit ihren Belastungen und Freuden stets eine private Domäne. Die fliessbandmässige Früherfassung der Kinder zum Zweck ihrer Erziehung durch staatlich besoldete Experten galt bisher nicht als Merkmal liberaler Ordnungen. Der Staat hielt sich von totalitären Versuchungen fern, weil er keine falschen Anreize schaffen wollte. Es ist ein kleiner Schritt vom freiwilligen Angebot zum allseits gern genutzten, da bequemen Ausweg aus den Zwängen elterlicher Pflichten. Wo die private Eigenverantwortung bröckelt, kommt die Demokratie ins Wanken. In der DDR wurden Eltern ins Kombinat gesteckt, während der Staat die Kinder bewirtschaftete. Der von HarmoS verfügte Zwang zu Tagesstrukturen verdankt sich der gleichen kollektivistischen Ideologie.

Wagen wir ein paar unmodisch gewordene Überlegungen: Wollen ein Mann und eine Frau eine Familie gründen, sollten sie sich zuerst überlegen, ob sie es sich überhaupt leisten können. Wenn beide arbeiten müssen, ist die Kinderbetreuung zu regeln mit Verwandten oder Bekannten. Fehlt das nötige Personal, kann man sich nach einer Krippe umsehen und die entsprechenden Kosten tragen. Es gibt keinen Grund dafür, dass der Staat Krippen bauen sollte. Im Gegenteil. Er kann, ja muss dieses Feld der gesellschaftlichen Selbstorganisation überlassen, sonst schwächt er sie. Früher oder später werden staatliche Dienstleistungen auch von denen gebraucht, für die sie nicht gedacht waren. Der Erziehungsapparat wird, zwangsläufig, zum Vollzugshelfer kollektiver Verantwortungslosigkeit im Namen der Gleichheit.

Es hat sich eingebürgert, in gesellschaftspolitischen Fragen behördlichen Aktivismus für unbedenklich zu halten. Die Kampfzone wird aggressiv besetzt von Bildungsbürokraten, Pädagogen, Journalisten, angeblichen Frauenrechtlern, der Psycho-Branche und jenen Leuten, die immer dabei sind, wenn die öffentliche Sphäre vergrössert werden kann. Die Gesellschaftspolitik ist das Trojanische Pferd der Etatisten, die mit erstaunlichem Erfolg auch in freisinnige Stammlande vordringen. Niemand hat etwas gegen eine gewisse Harmonisierung von Schulplänen und Bildungsstandards, obschon es fraglich ist, wieweit eidgenössisch durchgesetzt werden kann, was oft auf kantonaler Ebene scheitert. Nichts ist dagegen einzuwenden, wenn Eltern oder Privatfirmen Tagesstrukturen aufbauen. Gefährlich allerdings ist die kritiklose, unschweizerische Aufrüstung des Staats zur Erziehungskolchose, die unsere Kinder schon ab dem vierten Lebensjahr einzieht und in Konkurrenz tritt zur Familie. Bereits werkelt eine Nationalratskommission an Tagesstrukturen für Kleinstkinder zwischen 0 und 4 Jahren.

Erziehung bedeutet die Vermittlung von Werten und Erfahrungen, die im Rahmen intimster verwandtschaftlicher Beziehungen gepflegt werden müssen. Es ist ein Sündenfall, wenn sich der Staat proaktiv nach vorne drängt, um die Eltern von dieser Verantwortung zu befreien. Um den berühmten Satz des Staatsrechtlers Ernst-Wolfgang Böckenförde abzuwandeln: Gerade in Erziehungsfragen lebt der liberale Rechtsstaat von Voraussetzungen, die er selber weder garantieren noch unmittelbar beeinflussen kann. Das ist das Risiko, das er um der Freiheit willen eingegangen ist. Man sollte die Kinderverstaatlicher endlich bremsen.

Nun stellt sich der Rabenmutter, die ich bin, die Frage, ob dieser Herr überhaupt Kinder und eine Frau hat. Näheres demnächst in diesem Theater...

Kommentare:

Sarah hat gesagt…

Ich glaube nicht, dass man keine Kinder hat, wenn man solche konservativen Meinungen vertritt. Auf jeden Fall aber hat man entweder genug familiäre Unterstützung oder einfach viel Geld, um die Betreuung privat zu organisieren. Denn was heisst es, wenn Eltern Privat-Krippen gründen? Dass Mütter Zeit haben, alss nicht arbeiten müssen, um das ganze mit den anderen gut betuchten Müttern zu organisieren. Mich nähme mal Wunder, wieviele solcher Fälle es wirklich gibt und wieviele Eltern es sich nicht leisten können, von nur einem Lohn zu leben...

Nath hat gesagt…

In den Leser-Kommentaren der Weltwoche.ch schreiben diverse Herren (klingen zumindest so), man müsse halt der Immigration und dem tiefen sozialen Niveau einiger Eltern Rechnung tragen, weshalb es Tagesstrukturen wohl oder übel brauche.

Ich bin weder Immigrantin (obschon Secondo), noch gehören wir einer sozial tieferen Schicht an. Dennoch ging unser Kind in die Krippe und um eine Tagesstruktur in KiGa und Schule wären wir auch froh. Dann könnte ich meinem Beruf wieder mit mehr Stellenprozenten nachgehen.

Das Bedürfnis nach den HarmoS-Prinzipien hat nichts mit der Nationalität oder dem Lohnblatt zu tun. Es ist einfach eine Realität, die dem 21. Jahrhundert entspricht. Wieso ist dies für dieses rückschrittliche Land so schwierig zu verstehen?

Anonym hat gesagt…

Jetzt muss ich aber auch mal was dazu sagen. Wieso wird jetzt die ganze Fremdbetreuung so verherrlicht, als ob diese besser wäre, als bei Mami zu sein. Ein Kind braucht seine Mutter (und den Vater) in den ersten Jahren nunmal dringend, da hilft keine Krippe und keine Tagesmutter. Und wer es sich leiten kann, sollte deshalb zu hause bleiben. Deshalb bin ich nicht unbedingt gegen Köppels Meinung, dass man sich halt gut überlegen soll, ob man sich Kinder "leisten" kann. Vielleicht reicht es manchmal auch, den Zweit-Wagen zu verkaufen oder die Ferien zu streichen.

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