Donnerstag, 6. März 2008

Feindbild Buben: Puppen und Pistolen

Überall lese ich, Buben werden benachteiligt und gelten als Störfaktor. Jetzt geht mein Kleiner noch nicht mal in den Kindergarten, weshalb ich noch nichts derartiges erlebt habe. Aber nach dem Artikel von Milena Moser bin ich auf alles gefasst. Elternabende speziell für Bubenmütter? Die Schriftstellerin und zweifache Mutter fordert in der aktuellen Weltwoche Gleichberechtigung für Buben.


Bild: astridlindgren.de

Vätertreff in einem Zürcher Gemeinschaftszentrum — es könnte allerdings irgendwo in der Schweiz sein: Mark und Markus trinken doppelte Espressi, klönen. Ihre Blicke schweifen routiniert über die spielende Kinderschar. Plötzlich springt Mark auf. «Ist das etwa...?» Er läuft in die Gruppe, die sich hinter ein Sofa verzogen hat. Tatsächlich: Eines der Mädchen hat eine Puppe mitgebracht. Und zwar nicht irgendeine, sondern die schlimmste aller Puppen: die Barbie. Und noch nicht mal die mit dem politisch korrekten Bauchumfang!

«Ja, kennt ihr denn die Regeln immer noch nicht?» Mark setzt seinen «Papa ist nicht wütend, Papa ist enttäuscht»-Blick auf. Die Wände des Gemeinschaftzentrums sind schliesslich mit Klebern tapeziert, auf denen ein Puppenkopf schräg durchgestrichen ist. Welcher der Väter hat die Regeln gebrochen? Vielleicht einer der Ausländer, die die kulturelle Bedeutung geschlechtsspezifischer Spielsachen nicht verstehen? Markus tritt hinzu, schüttelt den Kopf.

«Ihr wisst, was jetzt kommt?»

Die Mädchen nicken ergeben. Sie müssen zum Sensibilisierungstraining antreten. Wieder einmal. Wer dreimal mit einer Puppe erwischt wird, kriegt ausserdem Hausverbot.

«Aber meine Mama hat sie mir gegeben!», verteidigt sich die Schuldige.

Die Männer wechseln einen Blick. Typisch! Bestimmt eine Geschiedene. Sieht die Tochter nur einmal im Monat, erfüllt ihr jeden Wunsch. Und das soll ein Rollenvorbild sein?

Die grösseren Kinder kommen aus dem Kletterkurs. Markus’ Tochter Sam hat die Unterlippe schmollend vorgeschoben. «Sie ist so ein Mädchen!», seufzt der Vater.

Der Trainer winkt ihn zu sich. «Wir müssen über Sam reden. Sie hat Mühe, die meiteligen Verhaltensweisen abzulegen. Ist ihre Mutter eigentlich...?»

«Wir teilen uns die Erziehungsarbeit», behauptet Markus trotzig, obwohl das nur theoretisch stimmt. «Meine Frau ist mit ihren männlichen Anteilen total im Reinen. Echt, ich weiss nicht, wo Sam das herhat, sie spielt sonst nur mit Buben!»

Markus erzählt nicht, dass er seine Tochter kürzlich dabei erwischt hat, wie sie MatchboxAutos in bunte Taschentücher wickelte und zur Teeparty versammelte.

Bald würde sie in die Schule kommen. Schon beim Einführungsabend war auf die Mädchenproblematik hingewiesen und klargestellt worden, dass typisch mädchenhaftes Verhalten im Klassenzimmer nicht toleriert würde. Man könne schliesslich nicht zulassen, dass der Unterricht durch ewigen Zickenalarm aufgehalten werde.

Aber Sam will gar nicht zur Schule gehen. «Schon wieder ein Mann», hat sie gesagt. «In der Krippe, im Kindsgi, im Hort, im Klettern: überall nur Männer!»

«Sorry, Kumpel.» Mark klopft Markus gönnerhaft auf die Schulter. Innerlich gratuliert er sich dazu, dass er zwei Buben hat. Mit Buben kann man nichts falsch machen. Buben können nichts falsch machen.

Klingt absurd? Dann drehen Sie die Geschichte doch einfach um. Machen Sie aus Vätern Mütter, aus Mädchen Buben, aus Puppen Plastikpistolen, aus männlichen Bezugspersonen weibliche.

Na?

Eben.

Mein erstes Kind sollte Lola heissen, nach einem Song, den ich damals ständig hörte. L-O-L-A-Lola! Allerdings konnte ich nicht genug Englisch, um den Text zu verstehen: Girls will be boys and boys will be girls, heisst es da nämlich, und Lola stellt sich am Ende als Junge heraus, ebenso wie mein Baby. Und das war mir auch recht. Was ist der Unterschied, dachte ich. Hauptsache, gesund, dachte ich.

Ha!

In der Schule wurde es noch schlimmer

Ich war jung, ich hatte keine Ahnung. Auf die Bubenfeindlichkeit, die in unserem Wohnquartier voller Mädchen und militanter Mädchenmütter herrschte, war ich nicht gefasst. Ja, ich wusste nicht einmal, dass sich Mütter in solcherlei Lager spalteten.

Mein älterer Sohn, der rückblickend eigentlich ganz «normal» war, sogar lackierte Fingernägel und rosa Strickpullover mochte, war ständig in trouble – einfach weil er ein Junge war. «Er macht ‹Bum!› Das macht den Mädchen Angst! Er hat zwei Ölkreiden zur Pistole zusammengeklemmt! Die Mädchen haben geweint!»

In der Schule wurde es nur noch schlimmer: «Die Buben stören», hiess es. «Sie sind laut. Sie raufen auf dem Pausenplatz. Die Mädchen haben geweint! Was ist eigentlich zu Hause los?»

Der heute Zwanzigjährige findet es immer noch «unfair»: «Die Mädchen waren einfach nie schuld. Auch wenn sie angefangen hatten. Und die konnten also echt brutal sein, die Mädchen!» Im letzten Satz schwingt ein beinah bewundernder Unterton mit.

Ich nicke. Ich weiss. Ich war selber mal eines.

«Mädchen?[...] haben ein tieferes und genaueres Verständnis von sozialer Intrige als Grundlage der Macht als jeder Politiker oder Diplomat», sagt Rosalind Wiseman, die die selbstgemachten sozialen Strukturen der Mädchen studiert hat – auf ihrer Arbeit beruht der Film «Mean Girls». Dagegen nehmen sich die «Friedenskämpfli» der Buben doch recht harmlos aus. Doch das scheint hierzulande noch kein Thema zu sein. Jedenfalls habe ich noch nie von einem Elternabend speziell für Mädchenmütter gehört.

Regelmässig wurden hingegen die Bubenmütter aufgeboten (Bubenväter? Waren offenbar nicht vorgesehen). Da wurde dann bubenspezifisches Verhalten diskutiert und wie damit umzugehen beziehungsweise wie es abzutrainieren wäre. Ein Ansinnen, an das mich Jahre später ein militanter Yogi erinnerte, der seine Katze zur Vegetarierin erziehen wollte. Jedenfalls war klar, dass diese Aufgabe unsere war. Die der Mütter. Denen das «Bubige» unserer Buben oft selber herzlich fremd war. Erschöpft sassen wir nach so einer Veranstaltung in der Kneipe, und nach einem Glas Wein regte sich manchmal auch so etwas wie Widerstand. Jede von uns hatte Anekdoten zu erzählen, in denen Mädchen recht bekommen hatten, einfach weil sie Mädchen waren.

«Die Mädchen können nie etwas dafür.»

«Das ist doch nicht wirklich Feminismus!», sprach eine schliesslich aus, was wir alle dachten.

Tatsächlich liesse sich wohl ein grosser Teil dieser grundsätzlichen Ungeduld Buben gegenüber unter «falsch verstandenem Feminismus» ablegen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Selbstverständlich bin ich Feministin. Ehrensache, wie Pipilotti Rist sagen würde. Doch der Grundsatz «Als Frau bin ich definitionsgemäss ein Opfer» ist kein feministischer. Mädchen kleiner, schwächer, dümmer zu machen, als sie sind, ist definitiv keine feministische Haltung. An kleinen Buben auszulassen, was man den ausgewachsenen Exemplaren übelnimmt, aber nicht zu sagen wagt: auch nicht.

Was natürlich nicht heisst, dass die Mütter schuld sind an dem Geschlechterkrieg im Sandkasten und auf dem Pausenplatz. Natürlich nicht. Mütter sind nicht schuld, sie sind nur oft – zu oft – allein. Nicht offiziell, nicht auf dem Papier, sondern im Alltag. Allein.

Denn solange es zwei Geschlechter gibt, müssen auch beide vorkommen. In der Erziehung, in der Betreuung, als Identifikationsfiguren, als Vorbilder.

Meine Kinder, zum Beispiel, haben Väter. Wunderbare, präsente, sowohl fürsorgliche wie auch beruflich engagierte Männer, die das «Bubige» ganz normal finden. Weil sie selber einmal Buben waren. Weil sie wissen, dass eine aus Toastbrot zurechtgebissene Pistole noch keinen zukünftigen Terroristen macht. Väter, mit denen ich nicht unbedingt immer zusammenlebe. Das hindert sie nicht daran, da zu sein. Und da einzuspringen und zu übernehmen, wo ich als Ex-Mädchen nicht mehr mitkomme.

Dass meinem jüngeren Sohn diese ganze Problematik weitgehend erspart blieb, liegt nicht etwa daran, dass sich die Zeiten geändert hätten, sondern daran, dass er den grössten Teil seiner Kindheit in San Francisco verbracht hat. Einer Stadt, in der die Grenzen zwischen den Geschlechtern gelinde gesagt verwischt sind. In der die Rollenverteilung höchst spielerisch angegangen wird – wie es sich für Rollen eigentlich ja auch gehört.

Meine Söhne erlebten Mädchen und Buben, Männer und Frauen in allen denkbaren Rollen und Lebensentwürfen. Sie nahmen das ganz selbstverständlich hin. Weil es selbstverständlich war. Und eigentlich überall selbstverständlich sein sollte.

Girls will be boys and boys will be girls?... Anders gesagt: Mächen sind super. Buben sind super. Und alles, was dazwischenliegt, auch. Was ist daran so schwer zu verstehen?

«Tja», sagt Mark zu Markus. «Dann träum mal weiter?...»

Kommentare:

doro hat gesagt…

Mich schockt an diesem Artikel nur die Tatsache, dass lediglich Bubenmütter zu diesen Elternabenden eingeladen werden. Und die Väter?

Ansonsten habe ich einfach die Erfahrung gemacht, dass Buben verhaltensauffälliger sind als Mädchen. Das ist eine Tatsache und war schon immer so. Nun frage ich mich, ob es an der Unfähigkeit des meist weiblichen Lehrpersonals liegt oder ob die Eltern ihre Jungs einfach nicht im Griff haben. So, als gehöre es einfach dazu, einen "wilden" Buben zu haben.

Mich nervt es jedenfalls auch, wenn die Lehrerin sehr viel mehr Zeit mit lauten Jungs verbringt und sich entsprechend nicht mehr um die Mädchen kümmern kann. Und diese vom Benehmen der Knaben eingeschüchtert werden. Vielleicht sollte man auch wieder getrennte Klassen einführen. Mit männlichen Lehrern für die Jungs.

Sofia hat gesagt…

Ich kann Milena Moser nur beipflichten. Denn ich wurde kürzlich in die Schule zitiert, weil mein 11-jähriger Soldaten mit Gewehren gemalt hatte. Ob er denn Computerspiele spiele mit gewalttätigem Inhalt wurde ich gefragt. Nicht dass ich wüsste. Ich machte sie jedoch darauf aufmerksam, dass die ganzen Nachrichten und Zeitungen voll von Krieg, Soldaten und Waffen seien. Ich finde, man kann von uns Eltern nicht verlangen, unsere Kinder in dem Alter vor der Realität zu "schützen". Auf jeden Fall reicht eine solche Zeichnung mittlerweile ja schon, um uns Eltern antanzen zu lassen. Als würden wir unsere Jungs zu Serienmördern erziehen! Ich habe mich extrem genervt, denn wenn ein Mädchen eine Barbie-ähnliche Frau malt, wird sie auch nicht der Pornographie bezichtigt!

Anonym hat gesagt…

kann nur sagen, super sofia..... sobald ein knabe etwas anstellt, oder eben wie sie geschrieben hat, soldaten zeichnet... blanker horror. aber wenn ein mädchen barbie, schminke, ultrakurze tops, pumps wird natürlich NIX gesagt. darum super sofia, bin deiner meinung.

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