Donnerstag, 20. März 2008

Eine Frage der Hormone

Von Beatrice Schlag für die Weltwoche: Mädchen sind in der Schule besser als Buben und später besser im Studium. Die kanadische Psychologin Susan Pinker beschreibt, warum Männer im Berufsleben trotzdem das tonangebende Geschlecht bleiben. Ihr Bestseller löst heftige Debatten aus.




Kim kann sich nicht erinnern, während ihrer Karriere je diskriminiert worden zu sein. Als eine von 40 Studentinnen begann sie 1977 mit 400 Studenten ein Ingenieurstudium. Dozenten und Professoren schildert sie als durchgehend ermutigend, ihr Abschluss war einer der besten ihres Jahrgangs. Nach dem MBA arbeitete die Petro-Ingenieurin in Raffinerien und auf Ölplattformen, manchmal als einzige Frau im Team. «Die Männer haben starke Netzwerke in solchen Betrieben», sagt sie, «aber ich habe nie so etwas wie eine gläserne Decke gespürt. Wer bereit war, etwas zu leisten, wurde befördert. Und die Männer behandelten mich sehr gut. Das Arbeitsklima war äusserst kompetitiv, aber erfreulich.»

Nach zwanzig Jahren gab sie ihre Karriere auf und wurde Fitnesstrainerin. «Ich war es leid, Petro-Chemikalien zu mixen und Software von Viren zu befreien. Ich wollte mehr mit meiner Familie zusammen sein. Jetzt kann ich mir die Zeit selber einteilen und geniesse es.»

Die Ingenieurin ist eine von vielen hochqualifizierten Naturwissenschaftlerinnen, Anwältinnen und Ökonominnen mit abrupten Karriereumschwüngen, die die kanadische Psychologin und Autorin Susan Pinker für «The Sexual Paradox» aufsuchte. Das eben erschienene Buch mit dem Untertitel «Männer, Frauen und der wahre Graben zwischen den Geschlechtern» sucht Antworten auf die Frage, warum die wenigsten Frauen im Beruf langfristig die in sie gesetzten Karriere-Erwartungen erfüllen. Dazu sichtete die Kanadierin eine beeindruckende Anzahl von Studien – die Bibliografie umfasst 60 Seiten –, berücksichtigte neue Entwicklungen in der Hormonforschung und präsentiert Kurzporträts von Männern und Frauen, deren Karrieren ihren Schulleistungen scheinbar widersprechen.

Das Thema erregte unmittelbares Aufsehen: Die britische Sunday Times veröffentlichte einen ausführlichen Vorabdruck, die New York Times brachte eine wohlwollende Besprechung, bereits sind weltweit Übersetzungslizenzen verkauft: Das Buch ist als Debattenauslöser programmiert.

Wie die ehemalige Petro-Ingenieurin Kim machte auf Susan Pinkers Nachfrage auch keine der andern Befragten das Verhalten männlicher Kollegen oder Vorgesetzter für ihren Entscheid verantwortlich oder fühlte sich als Frau im Job benachteiligt. Dennoch wechselten sie irgendwann in einen schlechter bezahl ten Job mit weniger hohen akademischen Ansprüchen, der sich in den meisten Fällen durch zwei Dinge auszeichnete: mehr Umgang mit Menschen und mehr Freizeit.

Das ist nicht das, was Ökologen, Pädagogen und Soziologen vorausgesehen hatten. Sie gingen von einem allmählichen Aufstieg der Frauen zur vollen Gleichheit mit den Männern in allen Berufssparten und auf allen Ebenen aus. Doch nun das: In fast allen Ländern der Welt erschienen in den letzten Jahren Berichte über das immer schlechtere Abschneiden von Buben in der Schule. Die wachsende Anzahl von Hochschulstudentinnen bewog zahlreiche US-Universitäten, Quotenstudenten mit niedrigerem Notendurchschnitt als demjenigen weiblicher Studienbewerber aufzunehmen, um den Frauenüberschuss auszugleichen. Alles schien nahezulegen, dass der Durchmarsch der Frauen im Beruf nicht aufzuhalten ist. «Würde man die Zukunft allein aufgrund schulischer Leistungen voraussagen», sagt Susan Pinker, «wäre die Welt ein Matriarchat.»

Aber Noten, stellte sie bei genauem Hinsehen fest, sagen vor allem eines: Mädchen im Schulalter sind durchschnittlich lernwilliger und disziplinierter als Buben. Allerdings hält der Vorsprung nicht an, wie die Autorin mit Untersuchungen belegt. Die männliche Selbstdisziplin setzt lediglich mit Verzug ein. In den späten Teenagerjahren gleichen sich die Leistungen von Schülerinnen und Schülern allmählich an. Die jungen Männer holen auf, während ihre Mitschülerinnen sehr viel stärker durch die Pubertät absorbiert sind.

Biologischer Zusammenhang

Eine US-Studie, die ab 2001 11 000 männliche und weibliche Teenager mit Lernschwierigkeiten begleitete, stellte erwartungsgemäss fest, dass die meisten frühen Schulabgänger männlich und die meisten Schüler, die nach der High School auch noch eine College-Ausbildung absolvierten, weiblich waren. Das überraschende Ergebnis war ein anderes: 2006 hatten 85 Prozent der jungen Männer einen Vollzeitjob, während von den Frauen viele nur Teilzeit arbeiteten oder Mütter und Hausfrauen geworden waren. Selbst von den jungen Männern, die vorzeitig von der Schule abgegangen waren, hatten doppelt so viele einen Job wie ihre ehemaligen Mitschülerinnen, und sie verdienten nicht nur mehr als diese, sondern auch mehr als gleichaltrige Frauen, die nie mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hatten. Die Studie stimmte mit Pinkers 20-jähri-ger Erfahrung als Kinderpsychologin überein: Viele der jungen Patienten, die wegen Lernschwierigkeiten, asozialen oder aggressiven Verhaltens zu ihr geschickt wurden, hatten später deutlich erfolgreichere Karrieren gemacht als ihre Mitschülerinnen. «Ich vermutete oft einen biologischen Zusammenhang.»
Nicht nur unter Feministinnen hatte jahrelang die Überzeugung geherrscht, dass Gleichberechtigung, gleiche Bildung und Frauen-förderung über kurz oder lang ebenso viele Frauen in berufliche Spitzenpositionen katapultieren würden wie Männer. Der öde Männerspruch, dass die Weltgeschichte nur männliche Genies hervorgebracht habe, werde für die Zukunft hinfällig, weil mit der Chancengleichheit kein weibliches Talent mehr zwischen Kochtöpfen und Waschmaschine verkümmern müsse. Die Annahme, dass Frauen dank ihrer höheren Sozialkompetenz mindestens ebenso gute, womöglich auch bessere und teamfähigere Chefs sein würden, wurde von niemandem vernehmlich bezweifelt. Der weiblichen Eroberung der Teppichetagen schienen Tür und Tor geöffnet.

Was wollen Frauen wirklich?

Die Frage, ob Frauen im Beruf tatsächlich dasselbe wollen wie Männer, wenn sie die freie Wahl haben, stellte niemand. Betty Friedan hatte in «Der Weiblichkeitswahn» einer ganzen Frauengeneration die Augen für die krankmachende Isolation des Hausfrauendaseins geöffnet. Es schien selbstverständlich, dass Frauen am Arbeitsplatz die gleichen Ziele haben würden wie Männer: zeigen können, was in ihnen steckt, und dafür die verdiente Anerkennung und einen angemessenen Lohn bekommen. Tatsache ist, dass, rund vierzig Jahre nachdem die Emanzipationswelle die westliche Welt überrollte, Frauen in Spitzenpositionen noch immer rar sind.

Die prominentesten weiblichen CEOs der Schweiz? Den meisten fällt höchstens Ingrid Deltenre ein, Chefin des gebührenfinanzierten Schweizer Fernsehens.

«Viele von uns sind sich noch immer nicht bewusst, dass in unseren Köpfen der Mann als Standard verankert ist», sagt Pinker. «Wir betrachten Frauen als Variante des Basismodells mit ein paar Zusatzeigenschaften. Aber im Grunde erwarten wir, dass es zwischen den beiden Geschlechtern keine grundlegenden Unterschiede gibt. Dabei macht die Wissenschaft zusehends die Vorstellung zunichte, dass männlich und weiblich auswechselbar, symmetrisch oder gar dasselbe seien.»

Damit begibt sich die Autorin auf ein gefährliches Terrain: Dass es Geschlechterunterschiede gibt, die da sind, bevor die Umweltprägung einsetzt, wissen zwar alle, die je ein Kind grossgezogen haben. Aber die Festschreibung biologischer Unterschiede, in der Vergangenheit häufig eine Rechtfertigung für Diskriminierung, ist noch immer ein ideologisches Minenfeld.

Was Männer und Frauen von ihrem Beruf erwarten und was sie dafür zu leisten bereit sind, driftet entsprechend auseinander. Je gebildeter und privilegierter eine Frau ist, desto klarer sucht sie nach einer Arbeit, die sie befriedigt und in der sie einen Sinn sieht. Geld und Aufstiegsmöglichkeiten sind im Unterschied zu Männern zweitrangig für ihre Motivation. Ebenfalls im Unterschied zu Männern sind Frauen, vor allem Mütter, nicht bereit, für ihre Karriere mehr als ein bestimmtes Mass an Arbeitszeit zu investieren.

Es passiert im Hirn Beim Quervergleich internationaler Studien stellte Pinker fest, dass die Divergenz zwischen weiblicher und männlicher Berufswahl umso grösser ist, je reicher und stabiler das Land ist: «Wären Frauen eine Version von Männern, würde man das Gegenteil erwarten: dass sie sich bei mehr Auswahlmöglichkeiten in grösserer Zahl für männliche Berufe und männliche Arbeitszeiten entscheiden. Aber nirgends ist der Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Karrieren unterschiedlicher als in Ländern wie Kanada, Grossbritannien, Deutschland, der Schweiz, Norwegen und Japan, die Frauen ein Höchstmass an Optionen bieten.»

Physikerinnen und Ingenieurinnen erwartet nach dem Studienabgang im Durchschnitt ein Lohn, der 30 bis 50 Prozent über dem Anfangssalär für Absolventen anderer Fachrichtungen liegt. Dennoch studieren in reichen Ländern nur knapp 5 Prozent der Frauen Physik, wie für 2005 belegt ist. Ganz anders sah es in ärmeren Ländern mit hoher Emigrationsrate aus: Auf den Philippinen,in Russland, Thailand, Polen und der Türkei lag der Anteil der Physikstudentinnen bei über 30 Prozent.

Finanzieller Druck, die Familie zu ernähren, war nach Pinkers Ansicht häufiger ausschlaggebend für die Fachwahl als ein echter Berufswunsch. So gerne Wissenschaftlerinnen angewandte Forschung betreiben, so wenig fühlen sie sich zu rein akademischer Forschung hingezogen: Die Isolation empfinden die meisten als zu gross. «Wenn begabte Frauen lieber Ärztinnen als Physikerinnen, lieber Lehrerinnen als Ingenieurinnen werden wollen, ist das eine Option, mit Menschen zusammen zu sein statt mit Dingen», sagt Pinker. «Es ist eine Neigung mit einer langen Geschichte.»

Und eine, sagen Biologen, die entscheidend von Hormonen geprägt sei (siehe Kasten links). In ihrem Buch «Das weibliche Gehirn» legte die Neuropsychologin Louann Brizendine vor zwei Jahren dar, wie entscheidend Männer und Frauen in ihrem Verhalten und ihren Entscheidungen von Hormonen geprägt sind. Die amerikanische Forscherin hatte lange gezögert, ehe sie die Ergebnisse ihrer Untersuchungen veröffentlichte. «Ich wusste, dass das, was ich zu sagen habe, politisch nicht korrekt ist, denn ich glaube, dass Frauen die Welt tatsächlich anders wahrnehmen als Männer. Aber wenn Frauen von diesen Unterschieden wissen, können sie besser entscheiden, wie sie ihr Leben leben wollen», sagte die Forscherin.

Kommunikatives Mädchenhirn

Nach Brizendines Erkenntnissen zerstört die bei männlichen Embryos in der achten Schwangerschaftswoche einsetzende Testosteronproduktion Zellen im Kommunikationszentrum des Gehirns und baut diejenigen des Aggressions- und Sexualitätszentrums aus, während der für die Kommunikation zuständige Bereich bei weiblichen Embryos sich ungehindert weiterentwickelt. Bei der Geburt hat ein Mädchen durchschnittlich elfmal mehr Gehirnmasse für Kommunikation und Verarbeitung von Emotionen zur Verfügung als ein Bub. In den ersten drei Monaten nimmt die Fähigkeit von Mädchen, Augenkontakt herzustellen, um 400 Prozent, die von Buben um 0 Prozent zu. Der Unterschied wird beide ein Leben lang prägen: Mädchen beziehen ihr Selbstwertgefühl aus Umweltreaktionen und sind entsprechend einfühlsam, während das Wohlwollen der Umgebung für Buben nicht annähernd so wichtig ist. Zweck der angeborenen weiblichen Einfühlungsgabe: Beziehungen herstellen und Harmonie aufrechterhalten. Für den offenen Schlagabtausch ist die weibliche Biologie schlecht gerüstet.

Das bedeutet nicht, dass Frauen nicht konkurrieren mit Geschlechtsgenossinnen und mit Männern. Aber sie tun es mit kleinen Signalen: ignorieren, verspotten, Gerüchte streuen. Was ihnen abgeht, ist die unverhohlene Lust, sich von klein auf überall und jederzeit mit andern zu messen, in Ringkämpfen, Wortgefechten und beruflichen Leistungen.

Für eine von Pinker zitierte Studie wurden Laufzeiten elfjähriger Mädchen und Buben gemessen. Die Mädchen rannten am schnellsten allein, etwas weniger schnell im Wettkampf mit Buben und am langsamsten gegen Mädchen. Die Buben rannten am langsamsten allein und legten sowohl gegen Buben wie gegen Mädchen an Tempo deutlich zu.

Jede Form von Wettbewerb erzeugt im männlichen Körper einen beflügelnden Adrenalinausstoss, während der Adrenalinspiegel im weiblichen Körper auch unter ausserordentlichem Druck kaum steigt. Die unterschiedlichen Auswirkungen auf Karrieren hält Pinker für offensichtlich: «Mehr Männer als Frauen sind bereit, 80 bis 100 Stunden pro Woche zu arbeiten, um den Jackpot zu gewinnen oder der Platzhirsch zu sein. Es gibt viele konkurrenzorientierte Frauen und viele Männer, die Konkurrenz hassen. Aber im Durchschnitt bedeutet der unterschiedliche Umgang mit aggressivem Wettbewerb, dass jedes Geschlecht nach seinen eigenen Regeln spielt.»

Kommt hinzu, dass viele aussergewöhnlich erfolgreiche Frauen vom Impostor Syndrome geschlagen sind: Sie halten ihre Leistungen für Schwindel, für glückliche Zufälle statt für Verdienste, auf die sie stolz sein können, und leben in ständiger Furcht, als Versagerinnen aufzufliegen. Als die amerikanischen Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes das Syndrom in den siebziger Jahren erstmals in einem Artikel darstellten, war das Leserinnen-Echo erdrückend. Unzählige weibliche Berufstätige fühlten sich beschrieben. «Ich wünschte, das Thema wäre nicht mehr relevant», sagt Clance im Gespräch mit Susan Pinker fast 30 Jahre später. Aber die Nachfrage nach Workshops zum Thema halte an.

So unwahrscheinlich das Syndrom aus Männersicht anmuten mag, so real seine Auswirkungen. «Manchmal wache ich morgens auf, bevor ich zum Set gehe», sagte Kate Winslet, bereits fünf Mal für einen Oscar nominiert, in einem Interview, «und denke, ich kann das nicht tun. Ich bin ein Betrug.»

Beförderung verweigert

Etwa 60 Prozent der berufstätigen Frauen, schätzt Susan Pinker, lehnen Beförderungen ab oder nehmen einen schlechter bezahlten Job an, um beruflich ausgefüllter oder zeitlich flexibler zu sein. Die Autorin zweifelt, ob die Ablehnung des traditionellen männlichen Erfolgsmodells tatsächlich ein Verlust ist: «Der Kollege mit dem Power-Job ist möglicherweise ein Genie, aber er hat keine Freunde, keine Frau. Ist das so grossartig?»

Nein, ist es nicht. Und die meisten Frauen sind über ihre Vorlieben und Fähigkeiten, die sie von den meisten Männern unterscheiden, alles andere als unglücklich.

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