Dienstag, 17. Juli 2012

Selbst ist das Kind





Wie selbstständig darf ein Kind eigentlich sein?


Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, die Kindergärtnern erlaubt – ja gar fördert – , den Schulweg selbstständig zu gehen. In Grüppchen, aber manchmal notgedrungen auch alleine, zotteln unsere Kleinsten morgens los und wir vertrauen darauf, dass sie gut an ihr Ziel kommen. Das war schon immer so. Es wird zwar kaum noch lange so bleiben, wenn man bedenkt, dass an der Zürcher Goldküste die Kinderlein heute schon mit dem 4X4 vor die Schule gekarrt werden. Was übrigens für die Fussgänger ans Lebensgefährliche grenzt, aber das ist eine andere Geschichte.
Ich weiss noch, wie ich hochschwanger mit meinem Sohn die ersten paar Wochen den Kindergartenweg ging, ihn immer früher verabschiedete, damit er sich alleine merken sollte, wo er hin musste. Damals konnte ich es kaum erwarten, ihn endlich vor der Haustüre verabschieden zu können, ohne selber angezogen sein zu müssen, es war schliesslich schon Herbst und es regnete oft.
Heute leben wir nicht mehr in der Stadt, wir sind auf's Land gezogen. Hier erhält die Selbstständigkeit unserer Kinder noch mal eine weitere Dimension. Meine dreieinhalbjährige Tochter spielt heute schon alleine draussen in der Siedlung, mit Älteren, aber auch mit gleichaltrigen Kindern. Immer wieder schaut eine Mutter vorbei und versichert sich, dass niemand trotz aller Warnungen auf die selten befahrene Strasse rennt. Kurz: Das Paradies für eine spielplatzverweigernde Mutter wie mich.
Letzte Woche toppten wir das Ganze, so dass sich unsere ausländischen Freunde langsam fragen, ob ich eigentlich die leibhaftige Rabenmutter sei: Der Grosse (8 Jahre) hatte schulfrei und begleitete die Kleine in die Spielgruppe, die sich in unserem Dorf befindet. Gehweg für einen Erwachsenen 90 Sekunden. Für die Kids: viereinhalb Minuten. Ich war so stolz. Und der grosse Bruder natürlich auch. Doch irgendwie wartete ich dennoch dauernd auf einen Anruf, von der Spielgruppenleiterin oder einer Nachbarin, die mich ermahnen würden, meinen Kindern doch bitteschön besser zu schauen. Der Anruf kam nicht. Die Tatsache, dass ich mir darüber Gedanken machte, bewies mir jedoch, dass ich zwar stolz auf die Selbstständigkeit meiner Kinder bin, dennoch offenbar auch sehr unsicher über die Legitimität eben dieser.
Was meint ihr? Wie selbstständig sind eure Kinder, dürfen sie alleine raus zum Spielen etc.?

1 Kommentar:

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…

Grundsätzlich lasse ich meine Kinder, dort wo ich es verantworten kann, vieles selber machen und erfahren. In der Regel handle ich nach dem Motto „hilf mir es selbst zu tun“. Ich zwinge meine Kinder nicht zu Selbstständigkeit, ich ermutige sie dazu ;). Natürlich gibt es Situationen, wo ich sie nicht „einfach so“ und unbeaufsichtigt tun und walten lasse. Auf dem Trottoir, im Strassenverkehr und am Wasser gelten ein paar wichtige Regel. Da bin ich sehr streng. Die Eltern kennen ihre Kinder am besten und wissen genau, was und wie viel sie ihnen zu- und vertrauen können. Ich will und kann meine Kinder (bald 5.5, bald 4) nicht in Watte packen und dauernd überwachen. Sie müssen Gefahren erfahren, um Respekt davor zu bekommen. Natürlich sollten dies nicht gerade schwere Stürze und schmerzhafte Stromschläge sein. Indem ich sie aber begleitet an gewisse Gefahren heranführe (heisses Wasser, Umgang mit Messer und Schere,…) lernen sie damit umzugehen. Doch nonstop von panischen und hysterischen Helikoptereltern überbeschützte und rumchauffierte Kinder werden in ihrer gesunden Entwicklung gebremst, werden unselbständig, unsicher, ängstlich und kommen spätestens im Kindergarten oder Schule diesbezüglich auf die Welt. Eine solche Erfahrung will ich meinen auf jeden Fall ersparen. Sie müssen auf die „Schnauze“ fallen, um wieder aufstehen zu können. Neben ein paar Sicherheitsvorkehrungen, kindgerechter Aufklärung, etwas Vorsicht und nötiger Kontrolle braucht es vor allem Vertrauen in seine Kinder und sich selbst, eine Portion Glück, Lockerheit, starke Nerven, gesunder Menschenverstand und eine Heerschar wachsamer Schutzengel. So reifen Kinder zu selbstbewussten, selbstständigen und starken Erwachsenne heran. In diesem Sinne wünsche ich allen Eltern und deren Kindern eine schöne, unfallfreie Zeit!

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