Mittwoch, 20. Juni 2012

«Wiesoooo?»





Kinder fragen uns Löcher in den Bauch und das nervt manchmal ganz schön. Für ihre Entwicklung sind diese Fragen jedoch zentral.


Unsere Tochter stellt mir seit etwa einem Jahr gefühlte 20'000 Fragen täglich. Gezählt habe ich sie zwar noch nie, doch an gewissen Tagen liegen die Nerven blank. «Wieso muss Papa arbeiten?», «Wieso scheint heute die Sonne nicht?», «Wo wohnt die Nuggifee?»... Wiesoooo?

Ich erinnere mich, als ich noch keine Kinder hatte, fand ich diese Mütter beim Einkaufen unmöglich, die ihren Kindern nicht richtig zuzuhören schienen, wenn diese 1001 Fragen stellten. Heute weiss ich, dass besagtes Kind dieselbe Frage vielleicht schon zum hundertsten Mal gestellt hat und dass die Mutter gar nicht mehr zuhören KANN.

Doch sie sollte. Wir sollten. Denn für die kindliche Entwicklung handelt es sich bei diesen Fragen nicht – wie wir vielleicht oft annehmen – um das Erregen von Aufmerksamkeit. Zumindest nicht nur.

Eine Frage des Vertrauens
In seinem neuen Buch «Trusting what you’re told» beschreibt der Erziehungsprofessor an der Unviersität von Harvard, Paul L. Harris, dass vieles, was wir bisher über den kindlichen Lernprozess angenommen haben, wohl falsch ist. (Ich weiss, schon wieder!) Seit Montessori und Rousseau wird angenommen, dass Kinder am effektivsten lernen, wenn sie mit ihrer Umwelt interagieren können, «Hands-on» sozusagen. Harris glaubt aber, dass der Dialog zwischen Erwachsenen und Kindern dabei unterschätzt wird. Und dazu gehört eben auch das Fragen-stellen. Solche Konversationen erlauben es nämlich schon dem kleinen Kind, abstrakte Konzepte zu begreifen, von Religion bis zu Geographie.

Je mehr wir mit unseren Kindern reden, umso mehr lernen sie. Natürlich sollen Kinder vieles selber erfahren und sprichwörtlich ertasten dürfen, doch für Abstraktes braucht das Kind jemandem, der ihm beispielsweise erklärt, wieso die Sonne heute nicht scheint. Oder wieso wir Weihnachten feiern. Entgegen der Meinung, dass Kinder untereinander am meisten lernen, argumentiert Harris, wie wichtig es ist, dass schon die Kleinsten mit Erwachsenen interagieren und mit ihnen reden können. Bei all der Fragerei geht es nämlich um Vertrauen. Dem Vertrauen gegenüber Mami und Papi, wenn diese eine Frage beantworten. Deshalb werden übrigens auch dieselben Fragen öfter gestellt: Um zu sehen, ob der Erwachsene zweimal dieselbe Antwort gibt, ergo vertrauenswürdig ist.

Wenn Sie sich also wiedereinmal die Haare raufen, ab der vielen Fragen Ihres Kindes: Sagen Sie sich, dass sie ihm nicht nur Aufmerksamkeit schenken, sondern, dass sie ihm das Konzept der Abstraktion beibringen. Und somit seine Intelligenz fördern. Wie ein Mantra halt! «Ich helfe meinem Kind in seiner Entwicklung. Ooommm...» «Mami, wieso machst du solche Geräusche!» Ooommm...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wurde eurer Kinder irgend ein Problem haben, und würde nicht reden, dann würdet ihr nicht so denken! Es tut mir sehr leid für euch, die genervt werdet mit eurer Kinder weil sie zu viel reden, ihr kennt die andere Seite vom Leben nicht!

Nath hat gesagt…

Es tut mir leid, wenn dieser Text Gefühle verletzt hat. Natürlich sind wir grundsätzlich froh, sind unsere Kinder nicht still. Wenn du mir beschreiben würdest, was du mit "die andere Seite" meinst, könnte ich das gerne auch einmal zum Thema machen. Danke dir und alle Gute.

Anonym hat gesagt…

Nein Nath, das Thema hat Überhaupt nicht mein Gefühl verletzt. Ich finde Deine Text sogar Super, und habe dein Buch mindestens 3mal schon gelesen.
Aber ich kenne andere Kinder die nicht reden (wegen mutismus oder Autismus) und das ist sehr hard für die Eltern. Ich bin selber betroffen. Ich würde alles geben, dass mein Sohn würde so viel reden wie alle andere Kinder.
LG.

Nathalie Sassine hat gesagt…

Das glaube ich gerne. Das sich beklagen ist natürlich nicht ganz ernst zu nehmen. Und schlimm ist die Fragerei schon gar nicht. Würdest du mich ev. per Mail mal kontaktieren? Ich würde dies gerne mal zum Thema in einer Reportage machen. Und so die Leser sensibilisieren. Bspw. im Heft wir eltern.

Falls du dabei wärst, auch anonym, bitte melde dich auf nath@rabenmutter.ch

Danke und lieben Gruss

Nathalie

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