Donnerstag, 8. September 2011

... in die weite Welt hinaus


Heutige Mittzwanziger scheinen kein Interesse mehr daran zu haben, unabhängig zu werden. Sind am Ende wir Eltern daran schuld?

Erstmals online Oktober 2010

Diesen Sommer: Toy Story 3 mit unserem Grossen. Ein echter Familienfilm, der Humor reicht von «Tätsch, päng, bumm!» für die Kleinsten bis zur totalen Veräppelung von Barbies Ken, dessen Metrosexualität dem Film einen gewissen Glitzereffekt verleiht. Wirklich gute Unterhaltung.

Auch mit Emotionen und Tränendrüsen haben die Disney-Produzenten wieder einmal nicht gespart. Die für mich als Mutter aufwühlendste Szene war die, als Andy (der ehemals kleine Junge, dem all die Spielsachen – Toys – gehören) seine Sachen packt, um das traute Heim für das College zu verlassen.

Bei uns ist gerade mal die erste Primarklasse aktuell und doch denkt man bei solchen Szenen kurz darüber nach, wie es sein wird, wenn unsere Kinder das Nest verlassen. Weil sie auf Weltreise gehen, im Ausland studieren wollen oder einfach nur, um unabhängig zu werden. «Mami, das geht noch sooo lange!» beruhigt mich mein Sohn. Doch als er geboren wurde, dachten wir auch, es ginge noch sooo lange, bis er in die Schule käme. Und nun ist es so weit. Letzte Woche rührte er mich zu Tränen, als er morgens seinen Thek packte und loszog.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich jetzt schon darüber, wie selbständig meine Kinder sind und möchte unbedingt, dass sie einmal unabhängige und selbstversorgende Erwachsene werden. Schliesslich bin auch ich mit etwas über zwanzig ausgezogen, habe mein Studium abgebrochen, mir eine Wohnung gesucht und einen Job angenommen, von dem ich wusste, dass er nicht für’s Leben war. Aber ich hatte mein eigenes Geld und war – endlich! – unabhängig. Meine Eltern waren da natürlich knallhart. Ich musste von Anfang an für mich selber aufkommen, das wenige, das ich verdiente, ging vollends für Miete, Krankenkasse und meinen Kleinwagen drauf, aber trotz tiefroter Zahlen genoss ich diesen Zustand sehr. Meine Generation wollte ihr eigenes Leben leben.

Erst recht die Generation unserer Eltern. Sowohl meine Mutter wie auch mein Vater sind in ihren frühen Zwanzigern von zu hause ausgezogen. Ins Ausland! Die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie aufwuchsen, weckten offensichtlich eine gewisse Neugier, die eben nur damit zu befriedigen war, mit eigenen Augen zu sehen, wie anderswo gelebt wird. Ganz nach dem Motto „Failure is not an option“ wurde das Rückreise-Ticket gar nicht erst gebucht. Sie sind bis heute nie wieder nach hause zurück, ausser zu obligaten Familienfeiern.

Die Ausnahmen, die diese Regel bestätigen, sind in meinem Umfeld dünn gest. Dazu gehören ein guter Freund, der sich sein Studium, sein Auto und alle anfallenden Fixkosten von seinen Eltern finanzieren liess, obwohl er einen gut bezahlten Nebenjob hatte. Dieses «Taschengeld» gab er für Parties und Ferien aus. Heute hat er zwar Frau und Kind, seine Eltern waschen ihm trotzdem wie eh und je die Wäsche und mähen alle zwei Wochen seinen Rasen.

Eine weitere Ausnahme meiner zur Unabhängigkeit drängenden Generation bildet meine italienische Cousine, die bereits vor zehn Jahren eine Wohnung mit ihrem Freund gekauft hat, dort aber immer noch nicht eingezogen ist, da sie ja noch nicht verheiratet sind (!). So wohnt sie weiterhin bei ihren Eltern in einer Zweizimmerwohnung und schläft in einem Schrankbett im Wohnzimmer. Ihr Freund übrigens auch, obwohl der wenigstens ein eigenes Zimmer hat. Da fragt man sich doch: Warum?

Vielleicht können uns die heutigen Twens diese Frage beantworten. Das New York Times Magazine titelte kürzlich «What Is It About 20-somethings?» und stellt fest, dass die heutigen Mittzwanziger scheinbar kein Bedürfnis haben, das elterliche Nest zu verlassen. Die fünf Meilensteine, in denen Soziologen unser Leben aufteilen, scheinen heute verschoben:

1. Ende der schulischen Ausbildung

2. Trennung von der Familie

3. Finanzielle Unabhängigkeit

4. Heirat

5. Elternschaft

Es ist gewiss nichts dagegen einzuwenden, Heirat und Elternschaft nach hinten zu verschieben, schliesslich studieren wir länger und können auch Mitte Dreissig noch Kinder kriegen. Die Punkte 2 und 3 jedoch stellen heute offenbar keine Meilensteine mehr dar bzw. erst zu einem viel späteren Zeitpunkt im Leben. Der Autor Robin Marant Henig vergleicht im NYT Magazine die Zahlen von 1960 und 2000: Damals hatten 77% der Frauen und 65% der Männer alle fünf Meilensteine bis zum 30. Alterjahr erreicht. 2000 waren es gerade noch die Hälfte der Frauen und nur ein Drittel der Männer.

Sogar renommierte Unternehmen haben sich dem Thema angenommen. www.byebyehotelmama.ch richtet sich an jene, die von zu Hause ausziehen und möchte ihnen diesen heutzutage offenbar so schweren Schritt erleichtern.

Wer ist „schuld“ am traurigen Mangel an Initiative? Sind es am Ende wieder einmal die Eltern, bei denen heute in allen erzieherischen Massnahmen die Angst mitschwingt, das Kind hätte einen nicht mehr lieb, wenn man a) mit ihm schimpft (mit fünf), b) es bestraft (mit 15) oder c) es rausschmeisst (mit 20)?

Es gibt auch die Ansicht, Twens wohnten im 21. Jahrhundert länger zu hause, weil ihre Eltern cooler seien. Sie tragen Freitag-Taschen und Tigers Turnschuhe, kennen dieselben Clubs und Bars und hören genauso Trip Hop und House wie der Nachwuchs. Doch ändert dies die Prämissen, dass man ab einem gewissen Alter seine eigenen vier Wände braucht, auch wenn diese mit fünf Mitbewohnern geteilt werden müssen? Und eben nicht mehr mit Mami und Papi?

Die häufigste aller Ausreden: «Sie können es sich nicht leisten», ist in meinen Augen das faulste aller Alibis. Ohne auf die guten alten Zeiten zu pochen, denke ich da an meinen Vater, der an schlechten Tagen nur ein Bier trank, statt eine richtige Mahlzeit zu sich zu nehmen. Starbucks und iPhones wären für ihn so unerreichbar gewesen wie der erste Schritt auf dem Mond. Auch ich leistete mir eine echte Lederhandtasche eben erst, als mein Lohn für mehr reichte, als nur Miete und Pasta. Die heutigen Nesthocker sind jedoch stolze Besitzer aller möglichen Gadgets, gehen in szenige (= teure) Restaurants und leisten sich Urlaub in Nepal.

Kann es sein, dass eine Verschiebung stattfindet, da wir sowieso alle älter werden und später in Pension gehen? Oder sind es eben doch alles überbehütete, wohlhabende Gören, deren Eltern es verpasst haben, sie zum richtigen Zeitpunkt an die frische Luft zu setzen zwecks beidseitiger finanzieller Unabhängigkeit? Denn wann werden sich die Jungen endlich um die Alten kümmern?

Neuste Erkenntnisse zum Thema heute im Mamablog.

Erstmals erschienen im wir eltern Blog.

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