Direkt zum Hauptbereich

Kontrollverlust

Seit uns die Pisa-Studie im Nacken sitzt, werden wir Eltern regelmässig dazu angehalten, unsere Kinder zu "fördern". Beobachtungen am lebenden Objekt.

An besagtem Besuchstag wurde wie gesagt viel gebastelt. Schneiden, malen, kleben. Da mir basteln ein Gräuel ist, bin ich sehr froh, diese Art der Kreativität unserem Schulsystem zu überlassen. Also schaue ich gerne zu.

Nicht so die meisten anderen Eltern. Während wir vorwiegend auf die Kindergespräche achteten, bei denen es entweder um Fussball, Super-Helden oder Super-Kräfte ging (wie gesagt, es sind fast nur Jungs in der Klasse), waren andere Väter und Mütter mit viel intensiveren Aufgaben beschäftigt.

"Schau jetzt, Sandro, da hast du nicht so schön geschnitten. Hör jetzt auf zu schwatzen und konzentrier dich." "Gib dir bitte etwas mehr Mühe, komm ich zeig's dir." So klang es aus fast jeder Ecke. Mein Mann und ich kamen uns schon langsam seltsam vor, weil wir nicht mit unserem Kind am Tisch sassen und bastelten. Der Morgen endete mit Eltern, die das Mandala ihrer Tochter oder den Turm ihres Sohnes fertigstellten...

Ähnliches hörte ich von einer Freundin, deren Tochter die erste Klasse besucht. Da flüsterten die Eltern ihren Sprösslingen sogar die richtigen Antworten zu oder ermunterten sie, sich zu melden!

Bei aller Liebe zu unseren Kindern und dem Bedürfnis, aus ihnen gute Schüler zu machen: Geht es denn in der Schule nicht genau darum, dass sie als Individuen etwas lernen? Kann es sein, dass wir ihnen alles vorkauen, damit sie in der Klasse gut dastehen? Ganz davon abgesehen, dass die Lehrerin ja auch mitbekommt, dass die Leistung nicht auf den Kindern selber beruht, sondern von Mami und Papi eingeflüstert wurde.

Ich höre auch immer wieder Horrorgeschichten von Eltern, die stundenlang mit ihren Kindern Hausaufgaben lösen und Voträge schreiben. Mir ist bewusst, dass man nicht mit früher vergleichen soll, aber unsere Eltern machten doch keine Hausaufgaben mit uns, oder doch?

Deshalb finde ich die SP-Initiative "Aufgabenstunden statt Hausaufgaben" gar nicht schlecht. Schüler sollen ihre Hausaufgaben in der Schule erledigen, unter Aufsicht. So erarbeiten Kinder ihre Lösungen selber, ohne die ungleichen Verhältnisse von Alpha-Eltern vs. Raben-Eltern, die ihren Kindern nicht helfen können. Oder sogar wollen.

Doch genau die Alpha-Eltern kämpfen dagegen an, den Schulstoff in der Schule zu erledigen. Sie beklagen sich, keine Kontrolle mehr zu haben, was ihre Kinder lernen. Vielmehr hätten sie dann keine Kontrolle mehr, was ihre Kinder wiederkauen! Kinder elitärer Eltern müssten wieder selber denken, ui nei! Das Mantra heist "Chancengleichheit".

Oder sehe ich das falsch?

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Aber man darf den Kindern schon zeigen, wie es richtig wäre, oder? Ich finde deine Beschreibung des Besuchstages zwar lustig, aber nicht so schlimm. Schliesslich müssen wir die Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten und wenn andere Eltern helfen, müssen wir das wohl auch.
Sandra hat gesagt…
Lustig, diese Situation tönt genau wie ein Argument zwischen mir und meiner Mutter.
Ich sage meinem Sohn nicht, was richtig ist. Was heisst hier schon 'richtig' sein? Und meine Mutter, auch die Tagesmutter meines Sohnes, muss immer alles korrigieren und vorsagen und eben 'richtig' machen lassen.
Ich stelle mich auf den Standpunkt, dass er es schon 'lernen' wird. Und wenn er nicht so schön ausschneiden und basteln kann, ja dann, hat er das wahrscheinlich von mir....

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Hormonhölle

  Wer mich bzw. Rabenmutter (Blog und Buch) noch nicht kennt, braucht für diesen Text eine kurze Orientierung: Bei Sassines sind wir 2 Männer (Vater und Sohn, 21) und zwei Frauen (Tochter, bald 17, und ich). Soviel zur Demografie des Hauses. Als mein Sohn in die Pubertät kam, gab es schwierige Zeiten. Wir sind uns sehr ähnlich, will heissen, wir sagen, was ist. Sowohl im Positiven, wie aber auch im Negativen. Wenn uns also etwas nicht passt, meckern wir genauso, wie wir spontan «Ich liebe dich» sagen können. Jedoch gab es Zeiten, da war es kein meckern mehr, vielmehr gingen wir uns regelmässig an die Gurgel mit ausgewachsenen Wutanfällen, die einem Orkan ähnelten. Sowohl in der Kraft, als auch in der Lautstärke. Diese endeten jeweils mit einem Türenschletzen seiner- und einer Putzaktion meinerseits (Ich putze nicht gerne, ausser ich bin wütend. Meine Laune lässt sich also direkt an der Sauberkeit unseres Hauses messen.) Die anderen zwei Sassines, Vater und To...

Libido und Langeweile

Wer kennt das nicht? Den Mann hat man schon länger, die Kinder rauben einem den Schlaf und den letzten Nerv. Sex ist das Letzte, worauf man jetzt Lust hat. Für einen Artikel über die weibliche Libido würde ich gerne Aussagen von Müttern und Ehefrauen aufnehmen, wie das bei euch ist/war. Habt ihr regelmässig Sex mit eurem Mann? Oder vielleicht mit einem anderen? Und was heisst regelmässig? Habt ihr Freude am Sex oder ist es zur Pflichtübung geworden? Würdet ihr dagegen eine Pille nehmen? Es wäre schön, wenn ihr mir in der Kommentarfunktion (auch anonym) ein paar dieser Fragen beantworten könntet. Eure Aussagen würden mir sehr helfen! Herzlichen Dank!

Wenn nichts mehr geht - knapp am Burnout vorbei

Monatelang stand ich unter Strom. Dann kam der Stromausfall. Wie ich an einem Burnout vorbeirasselte… Das Hirn läuft auf Hochtouren.  Verträge aushandeln . Kuchen backen für diverse Schulevents. Den Grossen zur Töffliprüfung fahren. Hat mein Mann jenen Termin gesehen? Nochmal überprüfen. Die Grossmutter zum Arzt begleiten. Schon wieder ein Mail von diesem Geschäftspartner, dessen niveauloser Ton an Trump erinnert. Und noch ein Problemfall mit Kunden, den wir zwar nicht verschuldet haben, aber ausbaden müssen. So sahen meine letzten Monate aus. Eure vielleicht auch.   Weiterlesen auf Any Working Mom. ( Photo by  Dingzeyu Li  on  Unsplash )