Freitag, 27. November 2009

Ist Essen der neue Sex?

Elterliche Moralpredigten im Laufe der Geschichte: "Werd ja nicht schwanger!" in den 60ern, "Lass die Finger von Drogen!" in den 70ern und "Achtung, AIDS!" in den 80ern. Und unsere Kids? Besteht die Moralpredigt des zweiten Jahrtausends wirklich aus "Ernähr dich gesund!"? Mir geht das zu weit und Nicole Althaus vom Mamablog des Tages Anzeigers ebenfalls.

Ich kann mich noch gut erinnern an meinen ersten Fez in der fünften Klasse. Ein Freund hatte sturmfrei und wir Mädchen und Buben machten Flirtversuche auf dem blauen Ledersofa, torkelten mit Spaghetti im Mund und den allerersten Schmetterlingen im Bauch zu Barbra Streisands «Woman in Love» über den schon arg strapazierten Flokati und losten mit der Flasche aus, wer, wen, wohin küssen musste, durfte. Der Fez war so unbedarft wie unser Musikgeschmack, so unschuldig wie wir selbst. Trotzdem durften zwei meiner Klassenkameradinnen nicht daran teilnehmen und die Mutter meiner besten Freundin nahm uns im Vorfeld das Versprechen ab, nicht mit den älteren Jungs in einem Zimmer zu verschwinden. In der vorangehenden Moralpredigt ging es um Sex.

Letzthin war meine Zehnjährige zum ersten Mal zu einer Party eingeladen, an der ältere Jungs teilnahmen. Es war die Abschiedsfeier eines ihrer Kollegen aus dem Sportclub, sie fand im Keller statt und beim Abholen der Tochter erhaschte ich durchs kleine Fenster ein Auge voller Gliedmassen, die sich zu Robbie Williams «Bodies» schüttelten. Nichts als ungelenkes Wachstum, das die Fremdheit im eigenen Körper und gegenüber dem anderen Geschlecht mit überdimensionierter Lässigkeit übertünchte. Ich sinnierte gerade über den Klassiker nach, der seit Jahrzehnten mit immer neuer Besetzung und vor immer neuer Kulisse gegeben wird, als ich hörte, wie eine andere Mutter ihre Tochter ins Gebet nahm: «Chips, Brownies, Cola. Was Gesundes gabs nicht? » Die Moralpredigt, die folgte, drehte sich ums Essen.

Kulisse und Besetzung waren offenbar nicht das Einzige, was sich an diesem pubertären Schauspiel geändert hatte. Auch die Regieanleitungen sind neu: Die moderne Mutter sorgt sich nicht mehr, dass die Tochter richtig küsst, sondern dass sie falsch isst. «Is Food the New Sex?», fragte die konservative Standford-Soziologin Mary Eberstadt im Frühling in einem Aufsatz. An ihre These musste ich denken, als ich zuhörte, wie die Mutter den Mageninhalt ihrer Tochter sezierte und bewertete. «Das Essen hat in der Moralvorstellung unserer Gesellschaft den Sex verdrängt.», behauptet die Autorin. Ich kenne tatsächlich keine Mutter und keinen Vater, die den Nachwuchs nicht über gute und schlechte Nahrungsmittel aufklärten, aber viele, denen es nicht mehr in den Sinn käme, die Tochter mit sexuellen Normen zu belästigen.

Auch wenn man - im Gegensatz zu Mary Eberstadt – die Aufhebung der rigiden Sexualmoral nicht betrauert, muss man zugeben, dass wertende Ausdrücke heute hauptsächlich im Zusammenhang mit Lebensmitteln und ihren Folgen für die Figur fallen: Man sündigt, wenn man Schokolade ist. Wer das Fitnessabo nicht nutzt, hat ein schlechtes Gewissen. Und seit Neuestem muss sich ein Kind schämen, wenn Mama statt des Apfels eine Banane ins Znünitäschli packt.

Natürlich ist es wichtig, dass Eltern ihre Kinder gesund ernähren. Aber ist die moralingeschwängerte Dauerpräsenz des Themas nicht auch mitschuldig, dass Dreijährige heute aus jeder Mahlzeit ein Mordsdrama machen, Siebenjährige sich fett finden, Elfjährige zum ersten Mal auf Diät sind und immer mehr Fünfzehnjährige mit Magersucht zu kämpfen haben?

Text: Nicole Althaus für den Mamablog


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