Mittwoch, 25. November 2009

Kontrollverlust

Seit uns die Pisa-Studie im Nacken sitzt, werden wir Eltern regelmässig dazu angehalten, unsere Kinder zu "fördern". Beobachtungen am lebenden Objekt.

An besagtem Besuchstag wurde wie gesagt viel gebastelt. Schneiden, malen, kleben. Da mir basteln ein Gräuel ist, bin ich sehr froh, diese Art der Kreativität unserem Schulsystem zu überlassen. Also schaue ich gerne zu.

Nicht so die meisten anderen Eltern. Während wir vorwiegend auf die Kindergespräche achteten, bei denen es entweder um Fussball, Super-Helden oder Super-Kräfte ging (wie gesagt, es sind fast nur Jungs in der Klasse), waren andere Väter und Mütter mit viel intensiveren Aufgaben beschäftigt.

"Schau jetzt, Sandro, da hast du nicht so schön geschnitten. Hör jetzt auf zu schwatzen und konzentrier dich." "Gib dir bitte etwas mehr Mühe, komm ich zeig's dir." So klang es aus fast jeder Ecke. Mein Mann und ich kamen uns schon langsam seltsam vor, weil wir nicht mit unserem Kind am Tisch sassen und bastelten. Der Morgen endete mit Eltern, die das Mandala ihrer Tochter oder den Turm ihres Sohnes fertigstellten...

Ähnliches hörte ich von einer Freundin, deren Tochter die erste Klasse besucht. Da flüsterten die Eltern ihren Sprösslingen sogar die richtigen Antworten zu oder ermunterten sie, sich zu melden!

Bei aller Liebe zu unseren Kindern und dem Bedürfnis, aus ihnen gute Schüler zu machen: Geht es denn in der Schule nicht genau darum, dass sie als Individuen etwas lernen? Kann es sein, dass wir ihnen alles vorkauen, damit sie in der Klasse gut dastehen? Ganz davon abgesehen, dass die Lehrerin ja auch mitbekommt, dass die Leistung nicht auf den Kindern selber beruht, sondern von Mami und Papi eingeflüstert wurde.

Ich höre auch immer wieder Horrorgeschichten von Eltern, die stundenlang mit ihren Kindern Hausaufgaben lösen und Voträge schreiben. Mir ist bewusst, dass man nicht mit früher vergleichen soll, aber unsere Eltern machten doch keine Hausaufgaben mit uns, oder doch?

Deshalb finde ich die SP-Initiative "Aufgabenstunden statt Hausaufgaben" gar nicht schlecht. Schüler sollen ihre Hausaufgaben in der Schule erledigen, unter Aufsicht. So erarbeiten Kinder ihre Lösungen selber, ohne die ungleichen Verhältnisse von Alpha-Eltern vs. Raben-Eltern, die ihren Kindern nicht helfen können. Oder sogar wollen.

Doch genau die Alpha-Eltern kämpfen dagegen an, den Schulstoff in der Schule zu erledigen. Sie beklagen sich, keine Kontrolle mehr zu haben, was ihre Kinder lernen. Vielmehr hätten sie dann keine Kontrolle mehr, was ihre Kinder wiederkauen! Kinder elitärer Eltern müssten wieder selber denken, ui nei! Das Mantra heist "Chancengleichheit".

Oder sehe ich das falsch?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Aber man darf den Kindern schon zeigen, wie es richtig wäre, oder? Ich finde deine Beschreibung des Besuchstages zwar lustig, aber nicht so schlimm. Schliesslich müssen wir die Kinder auf ihre Zukunft vorbereiten und wenn andere Eltern helfen, müssen wir das wohl auch.

Sandra hat gesagt…

Lustig, diese Situation tönt genau wie ein Argument zwischen mir und meiner Mutter.
Ich sage meinem Sohn nicht, was richtig ist. Was heisst hier schon 'richtig' sein? Und meine Mutter, auch die Tagesmutter meines Sohnes, muss immer alles korrigieren und vorsagen und eben 'richtig' machen lassen.
Ich stelle mich auf den Standpunkt, dass er es schon 'lernen' wird. Und wenn er nicht so schön ausschneiden und basteln kann, ja dann, hat er das wahrscheinlich von mir....

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