Freitag, 6. Februar 2009

Schlechter Sex

Die Berlinerin Mia Ming sprach mit Frauen und Männern über ihre peinlichsten Sexerlebnisse. Besonders in den Grossstädten ist die Lage desolat. Und Männer bekunden immer noch grosse Mühe mit selbstbewussten Frauen.

Von Franziska Müller für die Weltwoche

Nachdem Sie unzählige Gespräche geführt haben: Wie definieren Sie schlechten Sex?

Schlechter Sex ist unbefriedigend, macht keinen Spass und ist zum Glück meist schnell vorbei.

Was macht schlechten Sex schlecht?

Egoismus in jeder Form und Gleichgültigkeit auf beiden Seiten.

Was ist der Unterschied zwischen mittelmässigem Sex und schlechtem Sex?

Ob ein Erlebnis als unerfreulich und der Partner als Niete im Bett beurteilt wird, hängt meist mit unglücklichen Umständen, zweifelhaften Eigenschaften und mangelndem Können zusammen. Die Kumulierung abtörnender Faktoren bestimmt die Heftigkeit des Verdiktes.

Welche anderen Eigenschaften werden als besonders unsexy empfunden?

Unsicherheit ist ebenso abstossend wie Selbstüberschätzung. Alles, was extrem und masslos ist, kommt auf beiden Seiten schlecht an. Das gilt übrigens auch für die eingeforderten Praktiken.

Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner eigentlich rekrutiert?

Zum einen lästern meine Freundinnen gern nächtelang über schlechten Sex, zum anderen sprach sich mein Buchprojekt schnell herum. Die Betroffenen rannten mir die Türe ein. Ich konnte unter sehr vielen Gesprächspartnern auswählen.

Welche Geschichten enthalten Sie den Lesern vor?

Stereotype Klagen. Die Männer beanstandeten häufig, dass die Frauen in nacktem Zustand schlechter aussahen als angezogen mit Stretchjeans und Push-up-BH. Viele Frauen beschwerten sich, dass sein bestes Stück von enttäuschender Grösse war und die Performance mittelmässig gewesen sei. Ich wollte aber vollständige Geschichten hören: solche, in denen das Drama Sexualität mit all den eigenartigen Sehnsüchten, skurrilen Bedürfnissen und eigenartigen Erwartungen zum Zug kommt.

Trotzdem erzählen Ihre Interviewpartner viel über mangelndes technisches Know-how, groteske Fantasien und schlecht enthaarte Intimzonen.

Das sind die lästigen Begleiterscheinungen beim schlechten Sex. Mehr gestört haben sich die Frauen aber an der Oberflächlichkeit, der Grobheit und der Selbstüberschätzung ihrer Partner und die Männer an der Anhänglichkeit, der Affektiertheit und der Trägheit ihrer Partnerinnen.

Welche Klagen haben Sie am meisten überrascht?

Das Setting scheint eine wichtigere Rolle zu spielen als gedacht. Männer mögen Sex in öffentlichen Räumen und schrecken vor eiskalten Aufzügen, Sandstränden und nadelübersäten Waldböden nicht zurück. Frauen finden es selten luststeigernd, wenn sich ihnen beim Liebesspiel die Handbremse in die Rippen bohrt oder ihnen ein Butterbrot am Rücken klebt, weil er es – spontan – auf einem Frühstückstisch treiben will. Gelästert wurde auf beiden Seiten auch viel über die zugemüllten Wohnungen von Zufallsbekanntschaften und die Art der Einrichtungen: Formel-1-Bettwäsche, kitschige Nippes, hässliche Sofagruppen.

Gibt es im Vorfeld einer neuen Bekanntschaft Anzeichen dafür, dass es sich beim potenziellen Liebhaber oder der Liebhaberin um eine Niete im Bett handeln könnte?

Die beste Regel, um sich vor unliebsamen Erfahrungen zu schützen, ist eigentlich ganz einfach: Leute, die einem von Anfang an unsympathisch sind, werden nicht sympathischer, wenn man mit ihnen ins Bett geht, und der Sex wird mit ziemlicher Sicherheit mittelmässig bis schlecht ausfallen.

Sie schreiben: «Während die Männer beim Sex weder Taktgefühl noch Einfühlungsvermögen besitzen und ihre Eitelkeit keine Grenzen kennt, tun Frauen mit schlafwandlerischer Sicherheit ebenfalls alles, um ihm die schrecklichste Nacht seines Lebens zu bereiten.» Welche weiblichen Forderungen und männlichen Vorstellungen führen in die Katastrophe?

Männer verwechseln Wunsch und Wirklichkeit. Die Gratwanderung zwischen Selbstverwirklichung und Selbstsucht gelingt selten. Die heutigen Frauen sind selbstbewusst und selbständig. Das Labyrinth weiblicher Emotionen bleibt aber trotzdem bestehen. Eigentlich fühlen sich beide Geschlechter permanent missverstanden. Die Diskrepanz zeigt sich auch beim Sex und bei den Umständen, die dazu führen.

Inwiefern?

Viele meiner Erzähler scheinen die Beziehung zwischen Mann und Frau als Kampf zu verstehen. Sie gehen auf die Jagd, wollen aufreissen, abschleppen. Die dabei verwendete Terminologie zeigt eine gewisse Gefühlskälte, vielleicht als Schutz vor Enttäuschungen. Spätestens im Bett kommt die Wahrheit ans Licht, nämlich das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit. Schöne Dinge, die aber leider nicht in das praktizierte Beuteschema passen. Bei aller Freiheit und Gleichheit: Es herrscht eine gewisse Orientierungslosigkeit.

Sind weggefallene Konventionen ebenfalls ein Hindernis auf der Suche nach gutem Sex?

Früher klopfte die Zimmerwirtin an die Türe, wenn der Mieter nach 22 Uhr Damenbesuch hatte, und eine Frau, die vor der Heirat mehr als zwei Liebhaber hatte, galt als liederlich. Solchen Regeln trauert niemand nach. Andererseits führt der Mangel an gültigen Verhaltensregeln tatsächlich zu ruppigen Gepflogenheiten auf der freien Wildbahn, weil sie kaum Konsequenzen haben. Spontan kommt mir dabei ein eher harmloseres Beispiel in den Sinn, das die diesbezügliche Misere aber gut veranschaulicht. Ein Mann, der mit seiner Auserwählten im Taxi nach Hause fuhr und ihr beim Entkleiden mitteilte, dass sie ihm noch die Hälfte der Fahrspesen schulde, verspielte die Sympathien augenblicklich, obwohl man im Zeitalter der Gleichberechtigung auch fragen könnte: Was hat er denn falsch gemacht?

Erhöhen One-Night-Stands und Quickies das Risiko auf miesen Sex sowieso massiv?

Das ist richtig. Zum einen ist die Toleranz verständlicherweise gering, wenn man mit einem Fremden ins Bett steigt. Zum anderen getraut man sich nicht unbedingt zu sagen, was einem nicht passt. Was prickelnd und erregend sein kann – das Unbekannte und Spontane –, beinhaltet ein riesiges Potenzial für böse Überraschungen.

Also Hände weg von schnellem Sex?

Dieser Ratschlag wäre unrealistisch. Schneller Sex ist unter den urbanen Singles nicht die Ausnahme, sondern die Regel.

Sechzig Prozent aller deutschen Frauen gaben bei einer aktuellen repräsentativen Umfrage an, sie könnten sich schnellen Sex mit einem unbekannten Mann vorstellen. Wie gehen die Männer mit den draufgängerischen Frauen um?

Geht es zur Sache, fühlen sie sich von einem allzu forschen Auftreten und klar formulierten Ansprüchen unter Erfolgsdruck gesetzt oder dominiert. Andere sind einfach nur überrascht. Wie jener Apotheker, der sich von einer Frau in ein Badezimmer zerren lässt und der dann, als ihm die Frau klar zu verstehen gibt, dass sie jetzt Sex will, vor Schreck rücklings in die Badewanne fällt und sich eine Steissbeinfraktur zuzieht. Diese Episode könnte man als Sexunfall durchgehen lassen. Jemand anderes fand es allerdings regelrecht abstossend, als ihn eine äusserst attraktive Zufallsbekanntschaft in eine öffentliche Toilette zerrte und ihn spontan mit einem Blowjob beglückte.

Auch diese Episode tönt eher wie ein wahr gewordener Männertraum.

In den Fantasievorstellungen geht es immer schnell und problemlos zur Sache. In der Realität hat guter Sex auch viel mit Stimmung, Nuancen, Sympathie zu tun. Oft erweist sich ein Detail – die falsche Beleuchtung, ein Geruch, der stört – als Ablöscher.

Gibt es andere Einflüsse aus der Pornografie, die gutem Sex abträglich sein können?

Männern geht übermässiges und unmotiviertes Stöhnen auf die Nerven. Frauen finden es bemühend, wenn er wie Rocco Siffredi über sie herfällt und innerhalb von drei Stunden in sechs verschiedenen Stellungen will. Bei der vielgelobten sexuellen Freizügigkeit wird aber auch gerne über das Ziel hinausgeschossen: Die Verliebtheit einer Frau war schlagartig weg, als er sie wenige Tage nach dem Kennenlernen in einen Swingerklub schleppte und ohne Rücksprache mit ihr an einer ausschweifenden Orgie teilnahm. Eine andere war völlig perplex, als ihr neuer Freund – vor ihren Augen – mit ihrer besten Freundin Sex hatte und wie selbstverständlich annahm, sie mache mit.

Welchen anderen Sexirrtümern kamen Sie im Verlauf der gemachten Interviews auf die Schliche?

Dass guter Sex immer lang dauert, Frauen Romantikerinnen sind, Experimentierfreudigkeit den Kick erhöht, talentierte Tänzer gute Lover sind, weniger attraktive Frauen zu Ausgefallenerem bereit sind. Ansonsten ergab sich Ähnliches, wie das amerikanische Journal of Sex Research kürzlich mittels Lügendetektor ermittelte: Die Frauen schrauben die Anzahl ihrer Sexpartner gerne nach unten, die Männer lügen am häufigsten, was die Grösse ihres besten Stücks angeht.

Ein Mann sagt: Schlechter Sex ist besser als kein Sex. Aber beide Geschlechter scheinen da ziemlich leidensfähig zu sein.

Frauen haben tendenziell höhere Erwartungen, und zumindest in den ersten Stunden des Kennenlernens ist eine gewisse Begeisterung für das Gegenüber da. Ihr Fehler: Respektlose, gleichgültige und zurückweisende Männer empfinden sie als interessante Herausforderung. Die Erkenntnis, dass es sich dabei um keine Masche handelt, sondern er im Bett genauso ignorant funktioniert, ist natürlich ernüchternd.

Männer rennen hingegen mit offenen Augen ins Verderben?

Absolut. Mehrere Gesprächspartner erzählten, was ihnen an ihren Bekanntschaften sofort heftig missfiel: Dummheit, Geschwätzigkeit, Aussehen, Make-up, Übergewicht, die Stimme, der Dialekt, das Lachen, der Geruch: eigentlich alles. Der Zweck heiligt allerdings die Mittel, und die Gelegenheit zum Sex lassen sich die wenigsten entgehen.

Mit welchen Konsequenzen?

Die Trennlinie zwischen Leidenschaft und Hass löst sich auf. Die während des Sex gedachten Sätze – «Da muss ich jetzt durch», «Wäre ich bloss woanders» und «Hoffentlich ist bald Schluss» – lassen kein uneingeschränktes Vergnügen vermuten.

Es scheinen mehrheitlich jüngere Zeitgenossen betroffen zu sein, die in einem urbanen Umfeld leben, eine lockere Sexualmoral haben und viel Alkohol konsumieren.

Im Gegensatz zu den Städtern, die sich nach einem unbefriedigenden Erlebnis sofort aus dem Staub machen, bleibt man auf dem Land – trotz schlechtem Sex – oft ein Leben lang zusammen. Die Loyalität verbietet es zudem, über schlechten Sex mit einem langjährigen Partner zu sprechen, den man eventuell liebt.

Eine Ihrer Gesprächspartnerinnen sagte: «Wenn man verliebt ist, gibt es keinen schlechten Sex.»

Da liegt das Problem: Viele Grossstädter sind nicht verliebt, wenn sie Sex haben.

Die Toleranz der Grossstadtsingles gegenüber den Defiziten ihrer Sexpartner scheint dementsprechend gering zu sein.

Bei den Erwartungen spielt auch die Erfahrung eine Rolle. Wenn man nichts anderes kennt, hinterfragt man auch nichts. Heute haben auch Frauen eigene Vorstellungen davon, was toller Sex ist. Dementsprechend hart kann ihr Urteil ausfallen. Das passt nicht allen Männern, wie die Reaktionen auf mein erstes Buch zeigten und in denen die kritisierenden Frauen als Schlampen bezeichnet wurden.

Was antworteten Sie?

Dass der Leidensdruck sehr gross werden kann, wenn es einer im Bett nicht bringt. Was bei Frauenfeinden besonders häufig der Fall sein soll.

Mia Ming, 31, studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte. Sie ist Autorin von «Schlechter Sex – 33 Frauen berichten über ihre lustigsten, peinlichsten und absurdesten Erlebnisse» und «Schlechter Sex 2 – 33 Männer berichten». Schwarzkopf & Schwarzkopf.

1 Kommentar:

Nadia Norden hat gesagt…

Nadia grüβt Nathalie♥!

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