Donnerstag, 12. Februar 2009

In aller Deutlichkeit

Natürlich wollte Tom ihr schreiben. Und ungeachtet der Tatsache, dass er sie mit seiner Offenheit verletzen würde, mussten einige Dinge ausgesprochen werden. «Liebste Nina», wollte er schreiben, «natürlich gibt es Gründe, weshalb ich dir drei Wochen lang nicht geantwortet habe. Es gibt immer einen Grund, wenn ein Mann nicht sofort zurückschreibt, und der hat mit Arbeitsüberlastung nicht das Geringste zu tun.

Von Güzin Kar für die Weltwoche

Einerseits freue ich mich, von dir zu hören, da deine Nachrichten so viele schöne Worte an mich enthalten, wie ich sie selten von einer Frau gehört und gelesen habe – und welcher Mann ist nicht bestechlich durch Lob? –, andererseits nerven sie mich, weil ich daraus förmlich dein devotes Hecheln nach Antwort hören kann. Ich lernte dich als unabhängige und eigensinnige Frau kennen, die zu erobern für einen Mann die grössere Herausforderung wäre als zum Saufkumpel des Papstes zu werden. Aber kaum waren wir einige Male miteinander aus, legst du eine Anhänglichkeit und Hilflosigkeit an den Tag, die sogar meinen verstorbenen dreibeinigen Hund in den Schatten stellt.

Und je länger ich schweige, umso hartnäckiger meldest du dich unter einem Vorwand. Mal ist es ein spontaner Hinweis auf ein laufendes TV-Programm, das ich angeblich nicht verpassen darf, obwohl du genau weisst, dass ich Kochsendungen verabscheue, dann ist es eine nächtliche , in der du wissen willst, ob Männer Leggins sexy finden.

Liebe Nina, du suchst eine Beziehung. Mit mir. Und nicht etwa, weil du dich in mich verliebt hättest, sondern weil ich gerade in dein Konzept passe. Gib das doch einfach mal offen zu, statt dir den Mund fusselig zu reden über deine angebliche Freiheitsliebe. Aber ich begehre dich nicht einmal mehr. Du gleichst deiner Mutter. Seit wir sie einmal zufällig auf der Strasse getroffen haben, sah ich, wohin du steuerst. Ihr habt dieselbe Nase, dasselbe Lachen, denselben Hunger in den Augen. Hunger nach Sicherheit. Ich habe mich entliebt in dem Moment, als ich merkte, dass du auch meiner Mutter gleichst. Dein fürsorgliches Nachfragen, meine angebliche Schlaflosigkeit betreffend. Ja, ich habe Augenringe. Weil ich die Nächte mit anderen Frauen verbringe. Oder mit Freunden. Beides hat in deinem Universum keinen Platz. Für dich besteht das Weltall aus zwei Personen, wovon zufällig ich die eine sein soll.»

All das wollte Tom schreiben. Schliesslich schrieb er: «Liebste Nina. Leider nur kurz, weil viel zu tun im Moment. Melde mich bald. Tom»

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