Donnerstag, 1. November 2012

Französische Erziehung in der Schweiz





Franzosen erziehen besser. Möchten wir ja auch, aber schliesslich sind wir nicht alleine.


«Mamiiii, dürfen wir jetzt endlich raus in den Schnee? Und wo sind meine Skihosen? Ich finde nur einen Handschuh!!!» Aaaahhhhh!! Ja, es ist Wochenende und es hat zum ersten Mal geschneit. Meine Kinder standen bereits um 7.00 Uhr stramm und wollten raus. Da sie mir nicht garantieren konnten, draussen nicht vor Freude rumzukreischen, bat ich sie noch etwas zu warten und nahm mir genüsslich das neue «Magazin» im Tages Anzeiger vor. Kaffee schlürfend las ich Miklòs Gimes’ Artikel über die Franzosen und ihre Erziehungsmethoden.
Denn Franzosen erziehen anders. Besser. So zumindest der Tenor in vielen Artikeln, die – wie das «Magazin» auch – Pamela Druckermans Buch «French Children Don’t Throw Food» kommentieren.  Gemäss Druckermann werfen französische Kinder nicht nur nicht mit dem Essen, Französinnen erlangen nach der Geburt auch ihr Vorgeburtsgewicht wieder. Und  jene vorschwangerschaftliche Identität. Maman ist eben nicht nur Mutter, sondern Frau geblieben.

Wo kann ich bitte unterschreiben? Bin sofort dabei! Einerseits bin ich selber so aufgewachsen (in Frankreich geboren und in frankophonen Gefilden gelebt), meine Mutter hat noch nie einen Spielplatz von Nahem gesehen. Andererseits versuchen wir selber, unsere Kinder auf diese Art zu erziehen. Wir sind nicht nur ihre Eltern, wir sind auch Mann und Frau. Und nicht nur, wenn die Kinder ausser Haus sind. Doch oft bleibt es beim Versuch, gelingen tut es uns nicht immer. So zum Beispiel nicht, wenn ich am Telefon bin und nicht merke, dass mich meine Tochter im Minutentakt unterbricht, um mir irgendwelchen Mist zu erzählen, der mich ehrlich gesagt nicht die Bohne interessiert! Oder wenn mein Sohn mich sonntagmorgens weckt, um mir etwas gaaaanz Wichtiges mitzuteilen und dann auch noch beleidigt ist, wenn ich ihn fluchend rausschmeisse. 


Die Erziehung ist das Eine – wir arbeiten daran. Das andere ist aber das Umfeld. Ich kann noch lange meine Kinder dazu erziehen, bei Tisch nicht reinzureden und um Acht ins Bett zu gehen. Wenn wir aber Gäste haben und die sehen das nicht genauso, dann geht die französische Erziehung flöten. Zumindest sind wir da nicht konsequent genug, wie mir scheint. 

Eine Einladung ohne Kinder?
Denn in der Schweiz ist es doch so: Wir laden Freunde mit Kindern zum Essen ein. Diese Freunde hatten wir schon vor den Kindern und damals verbrachten wir nette Abende mit viel Wein und guten Gesprächen. Heute schleppen die ihre Kinder an, der Abend wird laut und hektisch, weil der Eine dies, die Andere das nicht mag, in ein fremdes Bett wollen sie auch nicht und bleiben entsprechend solange auf, bis die Eltern sich irgendwann entschliessen, nach Hause zu fahren. Oder noch schlimmer: Die Eltern richten sich nach den Bettzeiten der Kinder und verlassen uns um 20.30 Uhr bereits wieder... Da ist nix mit tollen Gesprächen, von viel Wein kann schon gar nicht die Rede sein. 


Nun habe ich mir mal überlegt, es zu wagen, unsere Freunde ohne die Kinder einzuladen. Doch darf man das überhaupt? Das käme wohl sehr schlecht an, oder nicht? In der Schweiz ist man ja schon entrüstet, wenn eine Einladung zum 40. ins Haus flattert, auf der es heisst, man solle die Kinder doch bitte lieber nicht mitbringen. Da sind die meisten Eltern doch persönlich beleidigt, als hätte man sie gebeten, an der Party bitte nicht zu stinken. Ein Abendessen mit erwachsenen Freunden ohne Kinder? Vergessen Sie’s! 

Wenn Sie nicht wissen, was ich meine: Schauen Sie sich den französischen Film «Le Prénom» im Kino an. Fünf alte Freunde treffen sich zum Abendessen und besprechen den Vornamen des Kindes, das demnächst auf die Welt kommen soll. Was mir an diesem Film am besten gefiel (Abgesehen von der Story und den sensationellen Schauspielern)? Die Gäste kamen erst, als die Kids der Gastgeber schon im Bett waren. Oder zumindest auf ihren Zimmern. Kein Gequengle, kein «darf ich noch ein Dessert?», keine Gute-Nacht-Geschichte. Wie früher, wissen Sie noch? 

So, jetzt muss ich meiner Tochter endlich zuhören, die seit Minuten «Maaamiiii» schreit, sie hat mir etwas gaaaanz Wichtiges zu erzählen... 

Wie handhaben Sie solche Einladungen? Mit oder ohne Kinder? Und wie lange bleiben Ihre Gäste?

Kommentare:

Andrea Mordasini, Bern hat gesagt…

Grundsätzlich haben wir nichts gegen einen kinderfreien Abend mit Partner und/oder guten Freunden, im Gegenteil ;). Und dass wir unsere beiden Kinder nicht zwingend an jeden Event mitschleppen, ist für uns auch selbstverständlich. Bei Einladungen kommt es für uns jedoch auf den Anlass an. Bei typischen Familienfesten wie Taufen, Konfirmationen oder auch Geburtstagen gehören die Kinder für uns einfach dazu – schliesslich sind es eben Familienfeste :). Da hätten wir Mühe, wenn die Kinder nicht mitkommen dürften. Wir verzichten gerne aus Rücksicht auf die Kinder (zu viele Leute, zu grosser Lärm, etc. ) auf den einen oder anderen Anlass oder organisieren dafür eine Betreuung.

Zum Thema „französischer Erziehungsstil“: Als Mutter zweier lebhafter, wilder und neugieriger Kinder bin ich geschockt über den Artikel im „Das Magazin“ und dass die französische Erziehungsmethode als Vorbild und nachahmenswert betrachtet wird. Was ist denn so erstrebenswert daran, seine Kinder zu stillen, braven, angepassten Muschel essenden Marionetten ohne Entscheidungsfreiheit und ohne eigene Meinung zu dressieren? Wir bevorzugen weder den autoritären noch den antiautoritären Erziehungsstil, sondern haben uns für die goldene Mitte entschieden. Unsere Kinder werden demokratisch/autoritativ, bedürfnis- und bindungsorientiert erzogen und in gewisse Entscheide miteinbezogen. Wir nehmen sie, ihre positiven wie natürlich auch die negativen Gefühle und Bedürfnisse ernst und versuchen, diese zu befriedigen. Zudem haben wir uns für Kinder entschieden und diese gewollt. Nicht die Kinder haben uns ausgesucht. Also, ist es in erster Linie an uns Erwachsenen, uns an unsere Kinder und deren Rhythmus anzupassen, und nicht umgekehrt. Sie sollen Kinder sein dürfen, rumtoben, spielen, lachen und sich schmutzig machen. Was gibt es Schöneres als lachende und spielende Kinder und solche, welche nach Spiel und Spass draussen mit geröteten Wangen, verschwitzt, verzaust, verdreckt, aber überglücklich nach Hause kommen? Kinder, welche mit einigen klaren Regeln und Grenzen, wenig unnötigem Druck und Zwang, dafür mit ganz viel Liebe, Wärme, Nähe, Geborgenheit, Zuwendung, Zuneigung, Respekt, Geduld, Verständnis, Freiheiten und Sicherheit durchs Leben hindurch begleitet werden, werden zu starken, mutigen, selbstständigen, selbstsicheren, selbstbewussten, anständigen und respektvollen Mitmenschen heranwachsen.

Lorelai hat gesagt…

Du hast das Buch "Faule Eltern" noch nicht gelesen (Rez demnächst auf meinem Blog ;) Der Autor fordert Eltern auf, Feste zu feiern wie sie fallen und zwar mit Kindern, am besten draussen. In der einen Ecke die Eltern, die schon um 15 Uhr mit dem Alkohol starten, in der anderen, weeeit entfernten Ecke toben die Kinder.
Und bei uns: Wir haben meist nur kinderlose Gäste, die unsere Kinder gut tolerieren können weil sie ihre Paten sind. Die Kinder gehen ins Bett, die Gäste bleiben. Aber ehrlich gesagt: Sobald die Kinder im Bett sind, würde ich die Gäste am liebsten rauswerfen, denn dann will ich einfach nur meinen Frieden und Zeit für mich bzw. für mich und meinen Mann. Die Zeit ist so verdammt wertvoll, dass ich sie nicht teilen will.
Den franz. Erz.stil finde ich auch fragwürdig. Im Artikel fehlten mir auch die konkreten Tipps wie der umzusetzen ist.

Anonym hat gesagt…

Blablabla, ihr seid nicht nur unfähig sondern auch noch neidisch.kein wunder dass die deutschen aussterben.


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