Montag, 12. März 2012

«Im Job erhole ich mich»

 

Die viel beschworene Work/Life Balance muss nicht immer 50/50 betragen. Für diese drei Mütter sind 80/20 mehr Genuss als Muss.

«Wieso würde eine Mutter 80 Stunden pro Woche arbeiten wollen?» Eine solche Schlagzeile, wie sie die britische Dailymail gestern publizierte, bringt wohl jeden zum Grübeln, nicht nur Mütter. Wieso würde überhaupt jemand 80 Stunden pro Woche arbeiten wollen? Nach dem gestrigen negativen Abstimmungsresultat über die obligatorischen sechs Wochen Ferien, darf man vielleicht annehmen, dass die meisten Schweizer und Schweizerinnen gerne arbeiten. Daran gibt es natürlich nichts auszusetzen. Doch die Befragten Britinnen in der Dailymail geben etwas zu, was noch nicht viele hierzulande gewagt haben: Arbeiten ist weniger anstrengend als Kinder zu erziehen. Da! Es ist gesagt.

Die drei Mütter, die von der Dailymail interviewt wurden, sind erfolgreiche Frauen, die eben manchmal 80 Stunden pro Woche arbeiten. Alle haben sie Männer zu hause, die Kindererziehung und Haushalt übernehmen, um ihnen den Rücken freizuhalten. Also das Szenario, was im umgekehrten Fall der Standard ist und bei dem niemand nach dem Preis fragt, der dafür zu bezahlen ist. Wenn aber Mütter diese Art zu leben wählen, sieht die Sache anders aus. Dann machen sich «Experten» Sorgen.

Begeisterung trotz Erschöpfung
Natürlich haben sich die Frauen dieses Leben ausgesucht und der Erfolg gibt ihnen ja auch Recht. Doch so einfach ist es eben nicht, wie Dr. Gail Kinman, Professor für berufsbezogene Psychologie an der Bedforshire University, erklärt. Sie untersucht zur Zeit den jobbezogenen Stress bei Frauen und fand heraus, dass Frauen sich in Bezug auf ihre Familie aus evolutionstechnischen Gründen mehr unter Druck fühlen, als Männer dies tun. Ausserdem sind Frauen von Natur aus perfektionistischer, was zusammen mit ihrem Wunsch nach Multi-Tasking manchmal zu einem Workaholismus führt, der krank machen kann.

Doch diese Frauen scheint das nicht zu stören. Das interessante am Artikel ist nämlich, dass sich die Interviewten selber in keinster Weise beklagen, im Gegenteil. Unter all der Müdigkeit und Erschöpfung, ist die Begeisterung für ihre Arbeit und die Dankbarkeit, die damit einhergeht, unüberlesbar. Diese Frauen arbeiten gerne und sie sagen es auch. So meint Sally Fielding, 36, die eine eigene Cottage-Vermietungs-Agentur besitzt, zwar, sie würde manchmal gerne einen Gang runterschalten, doch eigentlich könne sie sich gar nicht vorstellen, nicht zu arbeiten. So weiss sie auch in den Ferien nicht viel mit sich anzufangen, weil ihre grauen Zellen weiterrotieren. «Ich finde es ehrlich gesagt erholsamer zu arbeiten, als nach den Kindern zu schauen.»

Hat nicht jede erwerbstätige Mutter genau das schon mal gedacht? Wenn die Kinder im Trotzalter sind, die Hausaufgaben gemacht werden müssen und der Staub langsam bedrohliche Ausmasse annimmt? In solchen Momenten erscheint einem Arbeit doch erholsam im Sinne von «aus dem Hause, aus dem Sinn», oder nicht? Doch es scheint kein rein räumliches Problem zu sein, denn Mütter, die zu hause arbeiten, empfinden die Zeit, in der sie sich ihrem Job widmen können, ebenfalls als erholsam.

Arbeiten = Erholung
Die Professorin Dr. Kinman findet das auch nicht weiter erstaunlich. «Beziehungen und Kinder sind viel schwieriger zu kontrollieren. Vielleicht nutzen erwerbstätige Mütter die Arbeit, um das wahre Leben nicht managen zu müssen. Bei der Arbeit kennst du die Regeln, das kannst du. Eine Familie zu managen, ist viel schwieriger.»
Arbeit als Flucht also? Tun Frauen nun das, was man Männern jahrzehntelang vorgeworfen hat? Flüchten sie vor ihren Pflichten in der Familie? Vielleicht. «Ich liebe es, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Doch arbeiten zu gehen, fühlt sich an wie eine Pause.» so Sally, die Cottage-Vermieterin.

Molly, 44, Anwältin fühlt sich am Besten, wenn sie gerade einen Fall gewonnen hat. «Ein besseres Gefühl gibt es nicht.» Auch die dritte Interviewte, Miriam, 45, die ein eigene Gesundheitsberatung führt, gibt zu: «Am Arbeitsplatz fühle ich mich so selbstbewusst, wie sonst nirgends.»

Ursprünglich lautete die Frage im Artikel, wie hoch der Preis dieser 80-Stunden-Arbeitswochen sei, für die Familie, für die Frauen selber. Leider ist die Antwort darauf nicht sehr neu: Es geht um die Balance. Doch was, wenn gewisse Frauen eine Balance von 80/20 bevorzugen, 80%Job, 20% Familie?

Viele Mütter müssen Geld verdienen, keine Frage. Doch es gibt vielleicht auch viele, die, auch wenn sie nicht müssten, eben wollen. Nicht, um sich selbst zu verwirklichen, nicht (oder nicht nur), um Karriere zu machen, sondern einfach, weil sie es gerne tun. Es gibt ihnen etwas, was die Familie ihnen so nicht geben kann. Und das darf auch mal gesagt werden.


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