Direkt zum Hauptbereich

«Im Job erhole ich mich»

 

Die viel beschworene Work/Life Balance muss nicht immer 50/50 betragen. Für diese drei Mütter sind 80/20 mehr Genuss als Muss.

«Wieso würde eine Mutter 80 Stunden pro Woche arbeiten wollen?» Eine solche Schlagzeile, wie sie die britische Dailymail gestern publizierte, bringt wohl jeden zum Grübeln, nicht nur Mütter. Wieso würde überhaupt jemand 80 Stunden pro Woche arbeiten wollen? Nach dem gestrigen negativen Abstimmungsresultat über die obligatorischen sechs Wochen Ferien, darf man vielleicht annehmen, dass die meisten Schweizer und Schweizerinnen gerne arbeiten. Daran gibt es natürlich nichts auszusetzen. Doch die Befragten Britinnen in der Dailymail geben etwas zu, was noch nicht viele hierzulande gewagt haben: Arbeiten ist weniger anstrengend als Kinder zu erziehen. Da! Es ist gesagt.

Die drei Mütter, die von der Dailymail interviewt wurden, sind erfolgreiche Frauen, die eben manchmal 80 Stunden pro Woche arbeiten. Alle haben sie Männer zu hause, die Kindererziehung und Haushalt übernehmen, um ihnen den Rücken freizuhalten. Also das Szenario, was im umgekehrten Fall der Standard ist und bei dem niemand nach dem Preis fragt, der dafür zu bezahlen ist. Wenn aber Mütter diese Art zu leben wählen, sieht die Sache anders aus. Dann machen sich «Experten» Sorgen.

Begeisterung trotz Erschöpfung
Natürlich haben sich die Frauen dieses Leben ausgesucht und der Erfolg gibt ihnen ja auch Recht. Doch so einfach ist es eben nicht, wie Dr. Gail Kinman, Professor für berufsbezogene Psychologie an der Bedforshire University, erklärt. Sie untersucht zur Zeit den jobbezogenen Stress bei Frauen und fand heraus, dass Frauen sich in Bezug auf ihre Familie aus evolutionstechnischen Gründen mehr unter Druck fühlen, als Männer dies tun. Ausserdem sind Frauen von Natur aus perfektionistischer, was zusammen mit ihrem Wunsch nach Multi-Tasking manchmal zu einem Workaholismus führt, der krank machen kann.

Doch diese Frauen scheint das nicht zu stören. Das interessante am Artikel ist nämlich, dass sich die Interviewten selber in keinster Weise beklagen, im Gegenteil. Unter all der Müdigkeit und Erschöpfung, ist die Begeisterung für ihre Arbeit und die Dankbarkeit, die damit einhergeht, unüberlesbar. Diese Frauen arbeiten gerne und sie sagen es auch. So meint Sally Fielding, 36, die eine eigene Cottage-Vermietungs-Agentur besitzt, zwar, sie würde manchmal gerne einen Gang runterschalten, doch eigentlich könne sie sich gar nicht vorstellen, nicht zu arbeiten. So weiss sie auch in den Ferien nicht viel mit sich anzufangen, weil ihre grauen Zellen weiterrotieren. «Ich finde es ehrlich gesagt erholsamer zu arbeiten, als nach den Kindern zu schauen.»

Hat nicht jede erwerbstätige Mutter genau das schon mal gedacht? Wenn die Kinder im Trotzalter sind, die Hausaufgaben gemacht werden müssen und der Staub langsam bedrohliche Ausmasse annimmt? In solchen Momenten erscheint einem Arbeit doch erholsam im Sinne von «aus dem Hause, aus dem Sinn», oder nicht? Doch es scheint kein rein räumliches Problem zu sein, denn Mütter, die zu hause arbeiten, empfinden die Zeit, in der sie sich ihrem Job widmen können, ebenfalls als erholsam.

Arbeiten = Erholung
Die Professorin Dr. Kinman findet das auch nicht weiter erstaunlich. «Beziehungen und Kinder sind viel schwieriger zu kontrollieren. Vielleicht nutzen erwerbstätige Mütter die Arbeit, um das wahre Leben nicht managen zu müssen. Bei der Arbeit kennst du die Regeln, das kannst du. Eine Familie zu managen, ist viel schwieriger.»
Arbeit als Flucht also? Tun Frauen nun das, was man Männern jahrzehntelang vorgeworfen hat? Flüchten sie vor ihren Pflichten in der Familie? Vielleicht. «Ich liebe es, Zeit mit den Kindern zu verbringen. Doch arbeiten zu gehen, fühlt sich an wie eine Pause.» so Sally, die Cottage-Vermieterin.

Molly, 44, Anwältin fühlt sich am Besten, wenn sie gerade einen Fall gewonnen hat. «Ein besseres Gefühl gibt es nicht.» Auch die dritte Interviewte, Miriam, 45, die ein eigene Gesundheitsberatung führt, gibt zu: «Am Arbeitsplatz fühle ich mich so selbstbewusst, wie sonst nirgends.»

Ursprünglich lautete die Frage im Artikel, wie hoch der Preis dieser 80-Stunden-Arbeitswochen sei, für die Familie, für die Frauen selber. Leider ist die Antwort darauf nicht sehr neu: Es geht um die Balance. Doch was, wenn gewisse Frauen eine Balance von 80/20 bevorzugen, 80%Job, 20% Familie?

Viele Mütter müssen Geld verdienen, keine Frage. Doch es gibt vielleicht auch viele, die, auch wenn sie nicht müssten, eben wollen. Nicht, um sich selbst zu verwirklichen, nicht (oder nicht nur), um Karriere zu machen, sondern einfach, weil sie es gerne tun. Es gibt ihnen etwas, was die Familie ihnen so nicht geben kann. Und das darf auch mal gesagt werden.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Die Hormonhölle

  Wer mich bzw. Rabenmutter (Blog und Buch) noch nicht kennt, braucht für diesen Text eine kurze Orientierung: Bei Sassines sind wir 2 Männer (Vater und Sohn, 21) und zwei Frauen (Tochter, bald 17, und ich). Soviel zur Demografie des Hauses. Als mein Sohn in die Pubertät kam, gab es schwierige Zeiten. Wir sind uns sehr ähnlich, will heissen, wir sagen, was ist. Sowohl im Positiven, wie aber auch im Negativen. Wenn uns also etwas nicht passt, meckern wir genauso, wie wir spontan «Ich liebe dich» sagen können. Jedoch gab es Zeiten, da war es kein meckern mehr, vielmehr gingen wir uns regelmässig an die Gurgel mit ausgewachsenen Wutanfällen, die einem Orkan ähnelten. Sowohl in der Kraft, als auch in der Lautstärke. Diese endeten jeweils mit einem Türenschletzen seiner- und einer Putzaktion meinerseits (Ich putze nicht gerne, ausser ich bin wütend. Meine Laune lässt sich also direkt an der Sauberkeit unseres Hauses messen.) Die anderen zwei Sassines, Vater und To...

Libido und Langeweile

Wer kennt das nicht? Den Mann hat man schon länger, die Kinder rauben einem den Schlaf und den letzten Nerv. Sex ist das Letzte, worauf man jetzt Lust hat. Für einen Artikel über die weibliche Libido würde ich gerne Aussagen von Müttern und Ehefrauen aufnehmen, wie das bei euch ist/war. Habt ihr regelmässig Sex mit eurem Mann? Oder vielleicht mit einem anderen? Und was heisst regelmässig? Habt ihr Freude am Sex oder ist es zur Pflichtübung geworden? Würdet ihr dagegen eine Pille nehmen? Es wäre schön, wenn ihr mir in der Kommentarfunktion (auch anonym) ein paar dieser Fragen beantworten könntet. Eure Aussagen würden mir sehr helfen! Herzlichen Dank!

Nie wieder WWF Tipilager!

Das erste Sommerlager für unseren Grossen. Nicht nur das Wetter machte nicht mit.... Unser Grosser wollte sich diesen Sommer – nachdem wir letztes Jahr den Anmeldetermin verpasst hatten – unbedingt für das WWF-Tipilager anmelden. Wie die Indianer leben, schlafen, Werkzeug bauen und Schmuck basteln, hiess es in der schön gestalteten Broschüre. Er freute sich seit Monaten darauf. Und wir freuten uns mit und für ihn. Einzig die Tatsache, dass sich – trotz umfangreicher Unterlagen -   die Lagerleitung mit keinem Wort vorstellte, fanden wir etwas befremdend. Für jedes der zahlreichen Lager, die mein Mann in seiner Hockey-Karriere leitete, gab er eine Liste der gesamten Leitung mit, damit die Eltern eine leise Ahnung haben, wem sie ihre Kids anvertrauen. Diese Lagerleitung befand das – trotz schriftlicher Nachfrage unsererseits – nicht für notwendig. Doch unser Grosser freute sich viel zu sehr, als dass wir ihn deswegen nicht hingeschickt hä...