Offroader verstopfen Tram und Bus

Denn Mütter haben gefälligst - zusammen mit Alten und Behinderten - während Stosszeiten ganz einfach nichts in der Öffentlichkeit zu suchen. Weder im Migros, noch im Tram. Denn Mütter, die abends um sechs Uhr ihre Kinder von der Krippe holen, sind ja sowieso Rabenmütter und entsprechend nicht existenzberechtigt. Oder?
Gleiche Rechte für alle: Hunde müssten auch nicht bezahlen, finden wir.
Text: Carmen Roshard für den Tages Anzeiger
Bild: Sophie Stieger
Passagiere stören sich daran, dass riesige Kinderwagen das Ein- und Aussteigen zu Stosszeiten im öffentlichen Verkehr erschweren.
Nach den Strassen halten die Offroader nun auch in Tram und Bus Einzug – die Passagiere dieser Monstergefährte sind allerdings Babys. Die heutigen Kinderwagen sind doppelt so gross wie die alten und so stabil, dass man mit ihnen getrost die Alpen überqueren könnte. Eine alltägliche Szene in Zürichs öffentlichem Feierabendverkehr: Durch Kinderwagen verstopfte Ein- und Ausgänge, unpassierbare Durchgänge in Tram und Bus. Die Vehikel des Anstosses: unförmige dreirädrige Offroad-Kinderwagen mit fantasievollen Namen wie Hauck Jeep Shopper 6, Hoco Big Foot oder Urban Jungle. Für den Gebrauch draussen ideal, in der abendlichen Feierabendplatznot jedoch ein Problem. Da diese Vehikel gratis mitfahren, sind vor allem Hundebesitzer verärgert, die für ihre Lieblinge, falls sie nicht in einer «Tasche oder einem Körbli» Platz finden, ein Billett kaufen müssen.
Das sehen VBZ und ZVV anders. Andreas Uhl, Pressesprecher VBZ: «Kinder sind unsere Zukunft und der Mensch kommt vor dem Tier.» Beatrice Henes vom ZVV doppelt nach: «Wir stellen das Kind über den Hund und das Velo.» Zudem würden Kinder bis zum sechsten Lebensjahr in der ganzen Schweiz gratis transportiert, und der Kinderwagen sei das Transportmittel des Kindes. Gründe, etwas an dieser Praxis zu ändern, gibt es weder für die VBZ noch den ZVV.
Die Rentnerin und Hundebesitzerin Nelly Schaller aus Altstetten findet diese Praxis ungerecht. Für ihren Hund, den sie in Bus und Tram stets auf ihren Schoss setzt, braucht sie ein Regenbogen-Abo Junior. Sie müsse manches Mal froh sein, wenn «diese jungen Mütter mit den grossen Kinderwagen» sie überhaupt aussteigen lassen. «Die meinen, der Platz gehöre ihnen», sagt die Rentnerin. Schon ein paar Mal habe sie sich mit einer dieser «frechen Mütter» gestritten und sich auch schon an einen Chauffeur gewandt. Dieser gab ihr zu verstehen: «Das sind unsere Gäste der Zukunft.»
Gehässigkeiten unter Müttern
Das Platz-da-jetzt-komm-ich-Phänomen kennt auch die Tram-Chauffeuse Maya Mägeli: «Die Wagen sind tatsächlich sehr gross, und es steckt auch eine gewisse Arroganz dahinter, wenn man mit einem solchen Gefährt während der Stosszeiten das Tram verstopft.» Von einer eigentlichen «Kampfzone der Kinderwagen» spricht die werdende Mutter Yaël Herz – vor allem in den Linien, die Richtung Zoo und Zürichberg fahren. «Dort kommt es manchmal zu gehässigen Szenen unter den Müttern.» Würden diese ihre Wagen nicht schön quer zur Fahrtrichtung parkieren, könne die eine oder andere ziemlich unfreundlich reagieren. Unter den Müttern herrscht dann plötzlich keine Solidarität mehr, sondern eher ein Konkurrenzkampf wie bei der Parkplatzsuche fürs Auto.
VBZ-Sprecher Andreas Uhl ist sich bewusst: «Das Mobilitätsbedürfnis ist sehr gross», und dafür gebe es in den neuen Trams Sondernutzungsflächen für Kinderwagen und Behindertengefährte. «Wir nehmen beim Kauf neuer Tramwagen Rücksicht auf die Bedürfnisse unserer jungen Kundschaft: Platz, breite Türen, Niederflureinstieg.
Gang an Migroskasse ist zu schmal
Szenenwechsel: Am Vormittag im Soussol des H&M. Zwei junge Mütter mit grossen Babywagen stöbern im Ausverkauf. Angesprochen auf die Grösse ihrer Wagen erwidert die eine: «Ich spaziere viel am Stadtrand und im Wald herum, und zudem lassen sich Trottoirs und sonstige Hindernisse leichter bewältigen.» Und, sagt die zweite, es gebe ihr ein Gefühl von Sicherheit und der Wagen sehe erst noch hipp aus. Einen zweiten Kinderwagen für den Stadtgebrauch können sich beide nicht leisten. Und – es gebe weitaus grössere Wagen als die ihrigen: «Eine Freundin von uns kommt in der Migros nicht mehr an der Kasse vorbei.» Für Diana Gassmann vom Babycenter Zürich West sind nicht die Kinderwagen für den Platzmangel im öffentlichen Verkehr verantwortlich, sondern die Mütter, die während der Stosszeiten in Tram und Bus unterwegs sind.
Glaubt man den Prognosen von Andreas Fritschi vom Bébéhaus Wehrli, so lösen die modernen 4-Rad-Wagen mit schwenkbaren Vorderrädern die grossen Dreiradgefährte langsam ab. Das Platzproblem in Tram und Bus ist ihm bekannt: «Der ÖV ist stark beansprucht, da stört sogar ein Rucksack.» Beim Kauf eines Kinderwagens müsse der Verkäufer fragen, wofür der Wagen gebraucht werde. Ob für die Stadt und das Tram oder für den Feldweg. «In den letzten Jahren war es trendy, einen 3-Rad-Wagen zu stossen – eine Modeerscheinung halt», meint Experte Fritschi. Er ist jedoch überzeugt: «Das Vierrad hat wieder Terrain gewonnen.»
Kommentare
Mit ein wenig mehr Toleranz, Rücksicht und gesundem Menschenverstand auf beiden Seiten lassen sich die Tram-, Bus oder Zugfahrten leichter ertragen. Und vergesst eines bitte nicht: Die Kinder sind unsere Zukunft, die Kinder von morgen, merci!