Freitag, 6. September 2013

"Hochbegabt? Ich? Hoffentlich nicht!"


Was soll eine Frau mit einem hohen IQ schon anfangen? Sie finden die Frage sexistisch? Das ist sie. Aber auch realistisch.

«Ich mag es nicht, wenn Leute zu mir sagen, ich sei so gescheit oder mit mir darüber reden wollen, dass ich zwei Klassen übersprungen habe. Ich möchte dann lieber das Thema wechseln.» Im Mamablog ein Mädchen anfangs Jahr, sie fühle sich weder aussergewöhnlich klug noch hochbegabt. Doch sie ist es. Deshalb besucht die Zehnjährige seit drei Jahren die Zürcher Schule für Hochbegabte «Talenta», welche dafür sorgt, dass sie in der regulären Volksschule nicht zu kurz kommt.
Ja, auch die Schweiz ist in den letzten Jahren aus ihrem Dornröschen-Schlaf erwacht und fördert hochbegabte Kinder mit einem IQ von über 130 (dieser trifft für geschätzte 2 Prozent der Bevölkerung zu). Es gibt vermehrt Programme, Stiftungen und Schulen, die diese in ihren Begabungen unterstützen, damit sie ihr Potential voll ausschöpfen können. Denn es gibt kaum etwas Schlimmeres für ein Kind, als sich in der Schule zu langweilen.
Das sei vor allem für die Mädchen wichtig, da diese nicht automatisch von den Eltern gefördert würden, so Wolfgang Schmidbauer, Autor von «Kassandras Schleier. Das Drama der hochbegabten Frau.». Darin zitiert er unter anderem Ulrike Grote, bildungspolitische Sprecherin der Grünen in Bayern. Diese hat in diversen Projekten festgestellt, dass in sieben der insgesamt acht Hochbegabten-Klassen doppelt so viele Jungen wie Mädchen gefördert werden. Angesichts der – auch für die Schweiz repräsentativen – Statistiken, wonach mehr Mädchen den Übertritt ins Gymnasium schaffen und bessere Matura-Noten erzielen, ist dieses Verhältnis rätselhaft.

Angst, keinen Mann zu finden
So sieht es auch Jean-Jacques Bertschi, ehemaliger Politiker und Präsident der Hochbegabten-Schule «Talenta». In seiner Schule sitzen gerade mal ein Drittel Mädchen und dieses Verhältnis scheine sich weltweit zu bestätigen. «Für ein Mädchen ist ein hoher IQ immer noch etwas, das bereits im Elternhaus als Hindernis angesehen wird.» Generell sind die allgemeinen Gefühle gegenüber Hochbegabten eher negativ, bei Mädchen potenziere sich dieser Eindruck noch. Fragen wie «Was soll eine Frau schon mit soviel Intelligenz anfangen?» und die Angst, «keinen Mann zu finden» muten zwar sehr altmodisch an, sind aber auch heute noch in vielen Köpfen verankert. Das ist aber nur einer der Gründe, wieso Mädchen weniger gefördert werden.
Sowohl Schmidbauer wie auch Bertschi erklären es sich weiter hiermit: Die mit der Hochbegabung einhergehende Langeweile in der Regelklasse zeigt sich bei Mädchen nämlich nicht im Rumtoben und nicht stillsitzen können, wie das eher bei Jungs der Fall ist. «Jungs...langweilen sich deutlicher und stören den Unterricht. So wird ihre Begabung öfter erkannt und sie werden gefördert. Mädchen langweilen sich ebenso, wollen aber nicht auffallen und vermeiden es, sich bemerkbar zu machen.» Eine allfällige Hochbegabung läuft aus diesem Grund Gefahr, unterzugehen und nicht erkannt zu werden.
Das Elternhaus spielt auch hier eine grosse Rolle. Wenn ein Kind bemerkt, dass es anders ist, kann es dieses Anderssein als Gefahr erleben. Zur menschlichen Entwicklung gehört «eine lang dauernde und verwundbare Kindheit, in der Menschen bereit sind, sich zu verbiegen, um sich den Schutz der Eltern zu erhalten.» so Schmidbauer. Denn Eltern sind narzisstisch. Ihre Kinder sollen es zwar mal besser haben als sie. Sie dürfen – und sollen – durchaus auch schlauer sein, um ihre Ziele zu erreichen. Solange die Ziele dem entsprechen, was wir uns für sie vorstellen. Darüber hinaus wird es gerade für Mädchen kompliziert.

Keine Macht den Frauen
Das stellte Alice Rowe bereits vor 15 Jahren in ihrem Buch «Where have all the smart women gone?» mit Erstaunen fest. Um die Joan-Baez-inspirierte Frage «Sag mir, wo die schlauen Frauen sind» beantworten zu können, sprach sie damals mit vielen hochbegabten Frauen und kam zu dem Schluss, sie seien umgezogen. In ein Land namens Dilemma. Dem Dilemma zwischen den eigenen Träumen und der Realität, in der es meist keine Vorbilder gibt, um diese zu realisieren. «Ich wollte Atom-Wissenschaftlerin werden, aber ich konnte mir nicht vorstellen, eine Krawatte zu tragen.» wird eine Teilnehmerin zitiert. Hinzu kommt das Dilemma des Schlau-Seins, sich aber dumm stellen zu wollen/müssen, weil Anders-Sein unsexy wirkt. Wie bereits Marilyn Monroe in «Some like it hot» bemerkte, scheint auch heute noch die Maxime zu gelten «Männer mögen es nicht, wenn Frauen intelligenter sind als sie». Viele Frauen befürchten, soziale Ablehnung zu erfahren, wenn sie Einblicke in ihre grauen Zellen gewähren.
Intelligenz bedeutet Macht. Und welcher Mann möchte schon eine Frau, die mächtiger ist als er? Nicht sehr viele, wie auch der «Shriver-Report: A Woman’s Nation» des «Center for American Progress» und der Kennedy-Nichte und Ex-Frau von Arnold Schwarzenegger Maria Shriver 2009 feststellte: 69 Prozent der Frauen glauben, Männer nähmen ihnen zu viel Intelligenz übel. Nur knapp die Hälfte der befragten Männer stimmten dem zu. Wer nun richtig liegt, bleibt ein Rätsel. Doch die Erfahrung zeigt, dass die Frauen vermutlich Recht haben - und die Männer Mühe damit, dies zuzugeben. Mal sehen, ob die Kleine aus dem Mamablog in 15 Jahren «einen Mann gefunden hat». Und ob sie das überhaupt will.

Dieser Artikel erschien gestern erstmals auf clack.ch und tagesanzeiger.ch 

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