Montag, 24. September 2012

Pippi und Prinz Lillifee



Wieso sind freche Mädchen cool und freche Jungs einfach nur anstrengend? Ein Plädoyer fürs Umdenken.

Immer wieder lese und höre ich über die ach so schwer zu erziehenden Jungs, die nicht denken, bevor sie handeln, die nicht still sitzen können, die sich mindestens einmal täglich prügeln müssen und die mit Vorlieben das eigene Heim Schritt für Schritt zerstören. Ach ja, und es sind ja auch die Jungs, die so schlecht in der Schule sind!
Nun bin ich ja mit einem Sohn gesegnet. Und einer Tochter. Und lassen Sie mich eines klarstellen: Das einzige Kind, dass bei uns, ohne zu denken, vor sich hinlabert, das Haus (und ihre Mutter) täglich von Neuem auf eine harte Probe stellt, nicht still sitzen kann und sich gerne lautstark streitet, ist weiblich! Schulische Leistungen können wir noch nicht kommentieren, sie ist erst vier. Aber das Alphabet konnte ihr Bruder in dem Alter schon.


Nun gehört unsere Tochter zwar zur Sorte «alles muss rosa sein, sonst ziehe ich es nicht an» und findet, sie sei seit ihrem neuen Haarschnitt (der ihr von ihrer Freundin verpasst wurde) noch viel schöner als vorher, doch sonst? Sonst hat sie alle Attribute, die man einem Jungen zugesteht. Mein Sohn hat sich noch nie Zahnpasta, Stempelfarbe oder sonstige Flüssigkeiten ins Gesicht, die Haare und an verschiedenen Orten seines Kinderzimmers gestrichen. Auch hat er noch nie verbotenerweise die Siedlung verlassen, um dann einer fragenden Mutter lügenderweise zu versichern, doch, doch, Mami wisse Bescheid, dass er hier sei. Auch ist unser Junge noch nie viermal während des Abendessens vom Tripp Trapp gefallen, bloss weil er nicht auf seinen Backen sitzen bleiben wollte. Meine Tochter schon. Nicht nur einmal.


Jetzt hätte ich aber gerne gewusst, wieso solche Anekdoten bei den Zuhöhern (und oft auch bei den betroffenen Eltern) meist ein Schmunzeln hervorrufen, während dieselben Episoden – hätte eine Junge sich das alles erlaubt – meist nur Kopfschütteln und tiefe Seufzer auslösen. Freche Mädchen, die sich einen Dreck um Regeln scheren, sind cool. Jungs anstrengend. Das ist wie fussballspielende Girls: Toll, dass es so viele davon gibt! Ballet-tanzende Knaben? Weniger hip, nicht? Aus diesem Grund gibt es wohl auch Fernsehserien wie «Rote Zora» und «Pippi Langstrumpf». Doch können Sie sich einen Serienstar vorstellen, der daherkommt wie die Prinzessin Lillifee? Eben.


Diese Genderfrage ist doch bei Erwachsenen schon langweilig. Frauen sind sozial kompetent und Männer Testosteron-getrieben etc. Kein Wunder, wenn man ihnen dieses Image bereits als Kind überstülpt.
Wieso tun wir das? Fühlen sich Jungs in der Schule nicht schon genug unter Druck, ohne dass man ihnen auch noch einen Stempel aufdrückt? Sollten wir nicht einfach die Stärken unserer Kinder fördern und nicht auf deren Schwächen herumreiten? Ich muss jetzt los, im Zimmer meiner Tochter ist es gerade etwas zu ruhig...

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