Montag, 13. Dezember 2010

Hausgeburt mit Kind?

Kann die Anwesenheit der Kinder bei einer Geburt wirklich so romantisch sein?

Ich gebe es zu: Als ich im letzten wir eltern den Titel “Die Geburt als Familienevent” lese und die Bilder dazu überfliege, reagiere ich erst einmal empört. Als erstes fällt mir mein damals viereinhalbjähriger Sohn ein, der die Tränen unterdrücken musste und sehr eingeschüchtert war, als er mich im Krankenhaus besuchen kam, in dem ich ein paar Stunden zuvor seine kleine Schwester zur Welt gebracht hatte. Er schaute mich etwas ängstlich an, wahrscheinlich weil ich immer noch Schläuche im Unterarm habe und aussehe wie ein Zombie nach einer durchzechten Nacht. Mein erster Impuls besteht darin, ihm zu versichern, dass es Mami gut geht, dass er sich keine Sorgen zu machen brauche. Als ich ihn beruhigt habe, da erst erkundigt er sich nach seiner Schwester, die er sogleich ins Herz schliesst und mit der er auch nach zwei Jahren noch sehr gut auskommt.


Ob ich ihn hätte dabeihaben wollen, als ich mit Wehentropf dalag und mir während Stunden die Schmerzen aus dem Leib schrie? Natürlich nicht! Und zwar nicht nur deshalb, weil er vielleicht ein Leben lang nie vergessen würde, wie er seine Mutter hatte leiden sehen müssen. Auch weil ich Angst hätte, er würde der kleinen Schwester eventuell übelnehmen, dass Mami „wegen ihr“ so weh gehabt hatte. Das mag bei grösseren Kindern anders sein, denen kann man besser erklären, was eine Geburt mit sich bringt, aber einem kleinen Jungen, der gerade erst den Kindergarten begonnen hat?

Glauben Sie mir, ich bin keine dieser Mütter, die ihre Kinder überbeschützt, aber sie unnötig beunruhigen, damit es eine Geburt miterlebt, um daraus einen Familienevent zu machen? Es ist doch so: Im Endstadium meiner Schwangerschaften wollte ich ähnlich wie ein Kiffer die ganze Welt umarmen, ich liebte sogar den Taxifahrer, der uns zum Krankenhaus fuhr. Ich kann das Bedürfnis, seine Familie bei diesem einzigartigen Erlebnis um sich zu scharen also sehr wohl nachvollziehen. Trotzdem finde ich die Idee, die Kinder hier dabeihaben zu wollen trotz allen plausiblen Erklärungen einfach egoistisch. Und was ist daran auszusetzen, die Geburt einfach nur mit dem Kindsvater zu verbringen? In trauter Zweisamkeit? Schliesslich nehme ich meine Kinder auch nicht ins Restaurant mit, wenn wir Hochzeitstag feiern.

Ich habe mir damals viele Gedanken gemacht, wie wir unseren Grossen vorbereiten, damit er sich nicht ausgeschlossen fühlt, wenn Mama und Papa ins Krankenhaus müssen. Ein Wochenplan half uns dabei, unser Kind versorgt und in vertrauter Umgebung zu wissen. Er besuchte mich nach der Geburt jeden Tag und zu hause ging das Leben weiter, wir waren jetzt einfach zu viert.

Wie ich mich gefühlt hätte, wäre der kleine Mann im Gebärsaal anwesend gewesen? Schlecht, soviel steht fest. Ich erinnere mich, wie ich mich bei uns zu Hause zusammenreissen musste, als ich mir einmal ziemlich tief in die Hand geschnitten hatte. Damit er keinen Schrecken kriegt, da ich ziemlich viel Blut verlor. Nun, ich glaube nicht, dass ich mich während der Wehen, die irgendwann alle paar Minuten kamen, so hätte zusammenreissen können. Im Artikel steht zwar, das Kind müsse die Gelegenheit haben, nach draussen gehen zu können. Aber kann sich die Mutter dann noch konzentrieren, wenn sie weiss, der Kleine musste raus, weil es ihm zuviel wurde? Wenn er jetzt draussen steht und weiss ich was denkt? Und was, wenn man seine Anwesenheit auf einmal mitten drin bereut?

Kürzlich erzählte ich im Bekanntenkreis, ich hätte bei der letzten Geburt gar nicht soo lange und schlimme Wehen gehabt. Worauf mein Mann mich konsterniert anschaute und fand, ob ich wirklich an derselben Entbindung gewesen sei wie er? Anscheinend hatte ich die Situation etwas anders in Erinnerung. Kann es sein, dass die portraitierten Familien sich ihre romantischen Erinnerungen mit Kind im Nachhinein schön reden?

Der andauernde Trend "Back to Nature" ist zusammen mit der Tragetuch- und Still-Diskussion einfach nicht mein Ding. Ich lebe in einer modernen Welt, habe einen Blackberry und einen Facebook-Account, bin meistens mit dem Auto unterwegs und benutze die Mikrowelle. Weil ich im 21. Jahrhundert lebe und nicht einsehe, wieso ich mich künstlich darum reissen soll, auf die uns gegebenen Annehmlichkeiten zu verzichten. Und ja, ich hatte einen Kaiserschnitt. Nicht freiwillig, aber im Nachhinein froh drum.

Mir geht es nicht darum zu sagen, dass eine Geburt mit Kindern etwas Schreckliches ist. Aber für mich wäre sie nie in Frage gekommen, auch dieser sehr einfühlsam geschriebene Artikel hat daran nichts ändern können.

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