Freitag, 26. November 2010

Big mother's watching you

Kinder können rund um die Uhr überwacht werden. Gut?

Lesenacht im Kanton Zürich. Wo Nacht drauf steht ist meist auch Nacht drin, um sechs Uhr abends ist es bereits stockdunkel. Trotzdem wollen unsere Kinder alleine in die Schule gehen. Da wir in einem sehr kleinen Dorf leben und die Beleuchtung um diese Zeit ganz o.k. ist, willige ich ein. Schliesslich geht eine ganze Gruppe Erstklässler, um sich die Geschichten von „Schnädi und Höppi“ anzuhören.Total aufgeregt zieht mein Grosser los, er soll bei seinem Freund klingeln und dann an der Ecke auf die anderen warten.

Zehn Minuten später steht eben dieser Freund bei uns vor der Türe. Ich bin keine hysterische Mutter, meistens nehme ich kleine Missgeschicke wie blutige Knie und Schlägereien sehr gelassen. Den Schulweg bin ich nur ein paar mal mit meinem Sohn gegangen, danach vertraute ich ihm voll und ganz, dass er das alleine kann.

Doch wenn es darum geht, nicht zu wissen, wo er ist, sieht die Sache vollkommen anders aus. Leichte Panik überkommt mich, wenn ich mir vorstelle, dass er an der nächsten Ecke in den Wagen eines wildfremden Mannes gestiegen ist. Oder er hat sich verlaufen und irrt ängstlich herum.



Nun wäre ich plötzlich froh, hätte mein Sechsjähriger ein Handy dabei, auf dem ich ihn anrufen könnte. Schliesslich kann ich meinen Mann auch telefonisch erreichen, wenn er sich wieder einmal zum Abendessen verspätet. „Wo bisch?“ ist doch wohl die meist gestellte Frage im Zeitalter der Überkommunikation.

Doch wir pädagogisch hoch entwickelten Eltern wollen ja unsere Kinder nicht zu sehr verwöhnen. Als mein Grosser mich fragte, wann er ein Handy haben dürfe, habe ich schlichtweg ausgelacht und vertröstet. Astrid Lindgren und Erich Kästner hätten kaum Karriere als Kinderbuchautoren gemacht, hätte es damals Handy und GPS gegeben. Die meisten spannenden Geschichten entwickelten sich früher doch eben genau deshalb, weil Eltern keine Ahnung hatten, wo sich die Kinder aufhielten.

Wäre mir mein Anliegen wirklich ernst, hätte ich heute eine immer länger werdende Liste an Hilfsmitteln, um mein Kind zu „tracken“. Handybesitzer sind sich schon lange im Klaren, dass man sie per Ortungs-Software finden kann, wenn man will. Doch auch Kinder, die eben noch kein Mobiltelefon besitzen, sind auf ihrem Schulweg vor elterlicher Aufsicht heute nicht mehr sicher.

Ion Kids Child Tracking System ist ein armbanduhrähnlicher Sender mit sicherem Verschluss, den das Kind nicht unbemerkt öffnen kann. Sollte der Bengel es doch wagen, meldet ein Sensor, dass kein Hautkontakt mehr besteht. Was das Kind selber dazu meint, wenn es wie ein Verbrecher eine Handfessel erhält, wird nirgends erwähnt. Das überlässt der Hersteller den ängstlichen Eltern.

Damit das Kind gar nicht erst erfährt, dass es überwacht wird, gibt es den Kidfinder vom Frauenhofer-Institut: Diese kleine Karte legt man in eine gängige Spielkonsole ein und schon wird das Kind über GSM oder GPS überwacht. Die Eltern erhalten bei Anfrage ein SMS und wissen so immer genau, wo sich der Nachwuchs aufhält. Auch hier werden den Eltern keine Tipps gegeben, wie sie sich zu verhalten haben, sollten die Kinder vom Schulweg abgekommen sein.

Pädagogen sind sich indes einig: Dem Kind wird es massiv an Selbstvertrauen fehlen, wenn es ständig von den Eltern überwacht wird und sie ihm zu verstehen geben, dass sie ihm nicht genug vertrauen. Doch leider scheint die Angst der Eltern in der Prioritätensetzung die Überhand zu nehmen.

Auch die Kosten scheinen Eltern nicht abzuschrecken. Die Angst um den Nachwuchs ist nämlich viel Wert, die Kinder-Finder kosten ein Vermögen! Diese Art von Marketing schlägt bekanntlich immer wieder in dieselbe Kerbe: Bisphenol-freie Flaschen, Atemüberwachungsgeräte oder Kinderleinen wie bei Hunden). Das Spiel mit der elterlichen Angst funktioniert und setzt weltweit Millionen um.

So auch bei mir. Wie sehr hätte ich mir an jenem Abend gewünscht, ein solches Kid-Finder-Tracker-Du-Kommst-Sofort-Nach-Hause-Sonst-Erfährst-Du-Was-Ein-Elektroschock-Ist-Armband zu besitzen. Ich hätte auch nicht gezögert, unser Erspartes dafür hinzublättern. Glücklicherweise konnten wir das Problem anders lösen: Meine liebe, hilfsbereite Nachbarin, die ihren Sohn im Kindergartenalter sowieso an die Lesenacht begleitete, hat mir nach zehn Minuten Bescheid gegeben, dass mein zerstreuter Sohn sicher in der Schule angekommen sei. Erleichtert atmete ich auf und war froh, ihm keine Fussfessel angezogen zu haben. Er hatte vor lauter Aufregung einfach vergessen, bei seinem Freund zu klingeln und lief schnurstracks in die Schule. Das Beste daran? Er war total stolz auf sich, dass er im Dunkeln keine Angst gehabt hatte!

Was meinen Sie? Soll man Kinder ständig überwachen können, um ihrer Sicherheit willen? Oder schadet es ihrer Entwicklung?

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