Montag, 3. November 2008

Hey Stapipapi

Bänz Friedlis offener Brief an Zürichs Bald-Ex-Stadtpräsidenten.

Herr Ledergerber, lieber! Respekt. «Vom Stapi zum Papi», das ist der coolste Rücktrittsgrund, den ich je gehört habe. (Für Nichtzürcher: Unser Stadtpräsident tritt vorzeitig zurück, damit er sich vollzeitlich um seinen Sohn kümmern könne.) An jenem Nachmittag hatte ich gerade Hans und seinen Freund, den Aurel, in den Kletterkurs begleitet und mir in der Cafeteria der Kletterhalle eine Schale bestellt, als ich aus einem entfernten Lautsprecher Nachrichtenfetzen vernahm: «Rücktritt …», «völlig überraschend …», «… «Elmar Lederger… – mehr Zeit für seinen Sohn …»

Zunächst denke ich, ich spinne, frage meine Frau per SMS, ob sie Genaueres wisse, schon werweissen wir, was mit Ihrem Sohn wohl nicht stimme. Schwer krank? Drogen? Gravierend muss es sein, dass es den Vater bewog, sein Amt abzulegen. Ist der Bub kriminell? Vom Gymi geflogen? Oder, schlimmer, UBS-Lehrling? Nein, erfahre ich am Abend am Lokal-TV, Ihr Sohn sei ein ganz normaler Pubertierender. Ihm ist der Rummel vermutlich zuwider. Als wärs für einen Jugendlichen nicht peinlich genug, den Stapi zum Papi zu haben – peinlicher ist nur Migros-Kolumnist –, tritt der Vater nun auch noch seinetwegen zurück.

Den Slogan «Vom Stapi zum Papi» hielten Sie, um Worte nie verlegen, grad selber parat. Prompt hält man Ihnen vor, Sie müssten aber auch aus allem einen PR-Gag machen. Ich finde den Gag verzeihlich. Immerhin gestehen Sie mit dem Schritt ein, dass die von Politikern gern zitierte «Quality Time» eine Lüge ist. Väter können nicht jedes vierte Wochenende schampar abenteuerlich mit ihren Kindern in einen Freizeitpark fräsen und meinen, das mache all ihre Abwesenheit wett. Für Kinder gibt es keine «Quality Time», nur Zeit. Die nehmen Sie sich nun für Ihren Sohn. Und noch gibt es so viele Männer, die fürchten, sie verlören jede Männlichkeit, wenn sie sich um Kinder und Küche kümmerten, dass ich um jeden Promi froh bin, der mit dem Beispiel vorangeht. Selbst wenn der Karriereverzicht mit 64 Jahren nur mehr ein -verzichtchen ist.

Kommen Sie doch mal zum Zmittag, Stapipapi! Und bringen Sie Ihren Sohn mit, wenn er mag. Er ist ja schon doppelt so alt wie mein Bub. Der wurde grad acht, ich muss dieser Tage sechsmal Kuchen backen: für den Kindergeburtstag, das Znüni in der Schule, für die Feier en famille, die mit dem Götti, die mit Ömi und diejenige mit Grosi und Grossätti. Und ich gebe es zu: Einmal habe ich in der Eile eine Fixfertigmischung aus der Plastiktüte in die Backform gestreift. Das Resultat hat mich beruhigt: Der Kuchen schmeckte abscheulich. Sie wollen ja nun ein echter Hausmann sein: «Schluss mit Fertigpizza! Ich werde richtig kochen.» Mich nähme wunder, was man zu einem 16. Geburtstag bäckt. Haschküchlein? Und ist man da als Vater überhaupt noch genehm? Oder drängen Sie sich Ihrem Sohn just zu einem Zeitpunkt auf, da er sich von Ihnen lösen möchte?

Einzig dies irritierte mich: «Jetzt ist die Phase, in der der Sohn den Vater braucht», diktierten Sie in die Mikrofone. Ihr Sohn ist fünfzehneinhalb. Nicht, dass ich Sie als den verlässlich jovialdemokratischen Stadtpräsidenten, der Sie waren, hätte missen wollen – aber mit Verlaub, Herr Ledergerber, die Phase, in der Ihr Sohn den Vater braucht, hätte vor ungefähr fünfzehneinhalb Jahren begonnen.

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