Sonntag, 9. November 2008

Die ewigen Jagdgründe

Glück und Unglück in der Ehe liegen oft nur einen Seitensprung auseinander. Und untreu, sagt die Statistik, sind meist die Männer. Warum tun sie das? Und wie? Unser Autor befragte seine Freunde über sexuelle Abenteuer ausserhalb ihrer Beziehung.

Als ich das erste Mal von Untreue hörte, sass ich neben meinem Vater im Auto. Es war ein Samstag, und wir hatten mit dem Auto Leerflaschen weggebracht, etwas, das ich sehr gern mit meinem Vater tat. Wir sassen schon eine Zeit lang schweigend nebeneinander, als mein Vater plötzlich zu mir sagte: «Du sollst wissen, dass ich deine Mutter nie betrogen habe.» «Äh... okay», sagte ich. Dann legte er eine TKKG-Kassette ins Autoradio, und ich lernte, dass Männer wenig miteinander sprechen. Kurz darauf verliess er meine Mutter für eine andere Frau. Ich war neun Jahre alt.

Jahre später erzählte ich meiner Schwester von der Autofahrt. Sie meinte sofort, dies sei der Beweis dafür, dass er schon früher fremdgegangen war. Es sei sein schlechtes Gewissen gewesen, das da aus ihm gesprochen hätte. Aber ich war mir sicher, dass sie Unrecht hatte. Es war wohl eher so, dass mein Vater in dieser ausweglosen Situation versuchte, vor sich selber seine Würde zu retten. Er wollte, dass ich ihm bestätigte, dass er nicht völlig wertlos war. Okay, das klingt wie der Quatsch auf der Rückseite einer DVD-Box, aber manchmal sind die Sünden, die wir nicht begangen haben wollen, das Einzige, an das wir uns halten können. Wir klammern uns an das, was wir uns selbst vormachen.

Über Treue und Untreue habe ich seither eigentlich nur mit Frauen gesprochen. Die herrlich verruchten Sexgespräche unter Männern? Sie sterben aus, sobald die Männer in festen Händen sind. Dafür wird in der Wissenschaft eifrig über männliche Untreue geforscht. Zum Warmwerden gleich eine unangenehme statistische Erkenntnis: Rund 55 Prozent aller verheirateten Männer gehen fremd oder ziehen es in Erwägung (und übrigens erwarten fast 100 Prozent aller Ehemänner sexuelle Treue von ihrer Partnerin). So weit die Zahlen, aber warum geht die Hälfte der Männer fremd - und warum tut es die andere nicht?

Ich schrieb E-Mails an zwölf verheiratete oder in einer festen Beziehung lebende Freunde, mit der Frage, ob sie mit mir über das Fremdgehen sprechen würden. Bei der Hälfte von ihnen wusste ich von ausserehelichen Aktivitäten. Einer sagte sofort begeistert zu, drei zögerten und willigten nur ein unter der Bedingung, anonym bleiben zu dürfen, drei weigerten sich, einer sagte zu und dann wieder ab und dann wieder zu, vier meldeten sich überhaupt nicht.

In den nächsten Wochen traf ich also fünf Freunde an unauffälligen Orten zu halbkonspirativen Gesprächen oder interviewte sie am Telefon. Einer stand während des fast einstündigen Gesprächs in Unterwäsche auf seinem Balkon - aus Sorge, seine Frau würde etwas mitbekommen.

Als Erstes sprach ich mit einem notorischen Fremdgänger. W. ist ein robuster 34-jähriger Mann, der auf eine Art gut aussieht, wie Filmschauspieler aus den Fünfzigerjahren auf Fotos gut aussehen. Gutes Haar, schöne Augen und eine schamlose Nonchalance im Umgang mit Frauen. Wir kennen uns seit der Schule. Er vögelte schon Frauen, als wir noch Ritter spielten. Wir wollten alle so sein wie W.

Heute arbeitet er in leitender Position in einer Werbeagentur, «14-Stunden-Tage». Seit vier Jahren ist er verheiratet. Seine Frau beschreibt er als «gut, aber anstrengend». Ich kenne sie. Sie ist klug und selbstbewusst und, sagen wir es so, ihr Hirn ist grösser als ihr Busen. Anfangs waren sie sehr verliebt. Probierten sich aus. Gehörten zusammen. Gehörten einander. Und irgendwann ging er fremd. Ein halbes Jahr nach der Hochzeit lernte er Alexandra, die neue Volontärin, kennen. Sie war jung und unverschämt und konnte trinken wie ein Mann. Nach einem der vielen Apéros brachte er sie im Taxi nach Hause. Sie knutschten herum, der Beginn einer Affäre.

Die späten Arbeitsstunden, die Geschäftsreisen - seine Frau war das gewohnt. Falls sie einen Verdacht hatte - sie äusserte ihn nie. Nach einigen Wochen offenbarte Alexandra ihre Gefühle. Dann tat W. das, was man, wie er sagt, in solchen Fällen tun muss: Er lud Alexandra zum Nachtessen ein. Ein gutes Restaurant, gedämpftes Licht, livrierte Kellner - und erklärte ihr, dass er nie seine Frau verlassen würde. Später hatte W. eine weitere Affäre, nichts Ernstes. Natürlich hatte er Gewissensbisse, aber, sagt W., beim Fremdgehen ginge es ihm nur um Sex beziehungsweise um den fehlenden Sex. «Anfangs schliefen meine Frau und ich mehrmals die Woche miteinander, aber mit der Zeit wurde es zu einem Riesenaufwand, sie rumzukriegen, unser Sex wurde immer seltener. Aber ich bin ein Mann, alle zwei Wochen ist mir zu wenig.» W. behauptet, er würde seine Partnerin und die Beziehung schonen, indem er nicht so viel von ihr erwarte, sondern stattdessen woanders Befriedigung suche. Er habe halt «das Fremdgeh-Gen».

Für Sexualtherapeutinnen wie Simone Plüss aus Basel ist W.s Verhalten recht typisch: «Es geht meistens für Männer nicht darum, dass die Ehefrau nicht die Richtige ist, sondern dass sie so anstrengend, fordernd für den Mann ist und dass er sich neben ihr nicht genug Raum nehmen kann. Die meisten Männer haben bereits als Bub erfahren, dass sie mit ihren Bedürfnissen und Handlungsimpulsen nicht akzeptiert werden. Sie leben als erwachsene Männer das Kindermuster weiter, indem sie sich einfach hintenrum nehmen, was sie nicht artikulieren können.» Ein befreundeter Therapeut, dem ich W.s Verhalten schilderte, geht noch weiter: «Vielleicht fühlt sich W. seiner Ehefrau gegenüber unterlegen, fühlt sich von ihr dominiert oder eingeengt. Er ist aber offensichtlich nicht bereit, sich dagegen aufzulehnen. Lieber nimmt er die Verhältnisse so hin, wie sie sind, und entwickelt im Stillen eine Wut gegen sie. Mit der Zeit staut sich dann der Wunsch auf, wieder einmal der zu sein, der wichtig ist für eine Frau, der er seine Bedürfnisse mitteilen kann. All dies bietet ihm seine Affäre.» Häufig, so sagen beide Therapeuten, suchen untreue Männer keinen «exotischen Kick», sondern eine «harmlosere Variante der Ehefrau»: Sie ist meist kleiner, weiblicher, von geringerem Bildungsstand, liebevoller und an ihnen interessierter als die Ehefrau.

So viel zur psychologischen Einschätzung, aber was ist mit W.s perfekter Ausrede aller Seitenspringer, dem Fremdgeh-Gen? Sexualtherapeutin Plüss winkt ab: «Ein überhöhter sexueller Antrieb ist meiner Erfahrung nach selten die Ursache für Untreue. Der Glaube, Männer müssten fremdgehen, liegt eher in der Sozialisation begründet. Das Männerbild, das auch schon Jugendlichen vermittelt wird, ist: Der Mann ist triebhaft.»

Die jüngere Wissenschaft widerspricht Simone Plüss. Die Argumente greifen auf Erkenntnisse der Evolutionspsychologie zurück, einer seit 15 Jahren hochpopulären Disziplin, nach der der Sexualtrieb genetisch programmiert ist. Schwedische Forscher haben diesen Sommer das Fremdgeh-Gen bei vier von zehn Männern entdeckt, ein weiteres Argument für die weit verbreitete These «Wir können halt nicht anders». Einer der Wortführer der Evolutionspsychologie, David Buss, Professor für Psychologie, erklärt die Untreue der Männer so: Ein Mann, der mit fünfzig Frauen schläft, hinterlässt mehr Nachkommen als ein Mann, der bloss mit einer Frau schläft. Und im Kopf habe dieses Erbe der Steinzeit sämtliche Beziehungsmuster und Verhütungsfortschritte bis in die Jetztzeit überdauert. Kritik erhält die Evolutionspsychologie aus der feministischen Ecke: Melissa Hines, Psychologin und Autorin («Brain Gender»), schreibt: «Im Gehirn der Geschlechter gibt es Unterschiede. Aber zu behaupten, dass all unsere Klischees von Männern und Frauen auf Biologie beruhen, ist falsch.» Denn die genaue Wechselwirkung zwischen Sozialisation und Biologie konnte bisher nicht entschlüsselt werden. Wie viel ist Erziehung, wie viel ist genetisch bestimmt? Auch kritische Evolutionspsychologen sagen: Wir wissen es nicht. Sie gehen davon aus, dass Gene und Gehirn zwar Träger von Dispositionen sind, aber was daraus entsteht, wird mitbestimmt durch frühkindliche und lebenslange Prägung.

Wenn es also das Fremdgeh-Gen gibt, heisst das noch lange nicht, dass sein Träger tatsächlich fremdgeht. Und wenn man einen Mann ohne dieses Gen erwischt, garantiert das noch keine lebenslange Treue.

Mein Freund J. (38, jener, der während unseres Telefonats in Unterwäsche auf dem Balkon stand), ist das Gegenteil von W.: treu bis unter die Kopfhaut. Er ist Human Resource Manager, gross gewachsen, sportlich, verheiratet seit fünf Jahren, aktiver Vater dreier Kinder - keine Ahnung, wie er das alles schafft -, ein Traumschwiegersohn an der Grenze zum Spiesser. Obwohl er manchmal gern mehr Sex hätte, betrügt er seine Frau nicht, weil er «zeitlich nicht dazu kommt», wie er halb scherzend anmerkte, und weil er die Vorstellung nicht ertragen kann, dass seine Familie daran zerbricht. Nach einigem Nachdenken fügt er hinzu: «Und wer weiss, ob ich überhaupt eine bessere Frau fände.»

J.s Situation entspricht ziemlich genau der Faustregel, die sich auch aus den einschlägigen Studien destillieren lässt: Paare mit Kindern sind weniger glücklich, haben weniger Sex, bleiben aber länger zusammen. Etwas erschrocken stellte ich fest, dass J. nicht aus Liebe zu seiner Frau treu war, sondern aus Sorge um sein Kleinfamilienidyll. Dabei träumt J., wie eigentlich alle meiner Informanten, von einer perfekten Welt, in der es absolut normal wäre, ausserhalb der Beziehung Sex zu haben und sagen zu dürfen, dass das nichts zu bedeuten hat.

J. fand eines Abends nach viel Bier ein Bild, mit dem er seine langjährige Treue zu illustrieren versuchte. «Die Ehe ist ein Spiel», sagte er, «die Regel ist: Man spielt es zuzweit. Natürlich wäre es spannender mit mehreren Mitspielern, aber du hältst dich an die Regeln, weil du sonst nicht mitspielen darfst.»

Den Grund, warum Männer diese Regeln gern brechen würden, erklärt J. sich damit, dass bei Frauen mit zunehmender Dauer der Beziehung die Lust abnimmt. Jedenfalls habe ihm seine Frau mal gesagt, dass keine ihrer Freundinnen mehr grosses Interesse an Sex hätte. Laut Therapeutin Simone Plüss wird die Frage nach der «Koitusfrequenz» vor allem für Paare mit Kindern wichtig: «Dass Eltern ihr romantisches Liebesideal der Realität anpassen und es weniger erotische Kontakte gibt, heisst noch nicht, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt.» Während die durchschnittliche «Koitusfrequenz» bei 66 Mal pro Jahr liegt, gilt eine Beziehung mit weniger als zehnmal jährlich als «sexlos». Solche Beziehungen hält Simone Plüss oft für problematisch: Bei diesen Paaren drohe der gemeinsame Alltag zum blossen Arbeitsplatz zu verkommen. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt die Therapeutin Paaren mit Kindern, mindestens alle zwei Wochen Sex zu haben. Andererseits: Ist es nicht so, dass man oft Lust aufeinander hat, aber im Gefecht des Alltags den Sex nicht immer umsetzen kann? Warum zählt man, wie oft man Sex hat, und nicht, wie oft man Lust aufeinander hat?

Bei meinen Freunden brachte die Frage nach dem «Wie oft?» folgendes Ergebnis: «Zweimal die Woche», antwortete K., seit vier Jahren in einer Beziehung. Er ist damit der Spitzenreiter - und einer der untreuen Ehemänner. J., der liebende Familienvater, bildete mit «alle zwei Monate» das Schlusslicht. Die restlichen Männer gaben an, alle zwei Wochen Sex mit ihren Frauen zu haben, zwei von ihnen sind de facto untreu.

In einer Umfrage wurden Männer befragt, was sie am stärksten in ihrer sexuellen Beziehung vermissten. Die meisten Nennungen erhielt: Spannung. Anders als ich vermutet hatte, klagten auch meine Männer nicht über zu wenig Sex, sondern über zu wenig spannenden Sex. Aber wie soll man auch für einander spannend bleiben, wenn man sich immer mal wieder zähneputzend auf dem Klo begegnet?

Dazu schrieb die holländische Schriftstellerin Connie Palmen einmal sinngemäss: Jemanden haben wollen ist spannend. Jemanden haben wollen, der einen mal will und mal nicht, ist spannend. Jemanden haben, der einem das Gefühl vermittelt, man sei es nicht wert, jemanden zu haben, ist spannend. Spannung ist das Wesen einer unglücklichen Liebe. Muss in eine Liebe unbedingt Spannung gebracht werden, liegt sie in den letzten Zügen.

Der Grund abnehmender sexueller Leidenschaft muss also nicht unbedingt zunehmende Vertrautheit sein. Obwohl es noch keine verlässlichen Studien gibt, vermuten Sexologen eine der Ursachen auf einem ganz anderen Gebiet: dem grassierenden Pornografiekonsum der Männer, der ihre Lust auf die Partnerin schmälere. Meine Männer - vier von fünf bekannten sich zu Pornokonsum mit Masturbation - bestätigten das. «Es hinterlässt ein Gefühl der Leere und Unlust auf realen Sex mit der Partnerin», sagte einer. Ein anderer bemerkte, der Kick mit den Bildern sei so etwas wie harmloses Fremdgehen.

Ist Pornokonsum bereits Untreue? Anders gefragt: Ab wann beginnt Untreue? Die meisten erklärten, bei Küssen sei die Grenze überschritten. Gleichzeitig ist es wohl unbestritten, dass schon das Lachen der eigenen Frau am Ohr eines anderen schlimmer schmerzt als ein Bandscheibenvorfall.

Ich stehe mit K. (35, «zweimal die Woche Sex») am Bellevue. Wir schauen den knapp bekleideten Gymnasiastinnen hinterher. K. ist Architekt, seit vier Jahren in einer festen Beziehung. Vorher war er mit einer Frau zusammen, bei der er nie sicher war, ob sie am nächsten Morgen noch neben ihm liegen würde. Seine neue Freundin schaut höchstens Kindern nach. K. kann sich nicht vorstellen, dass sie ihn betrügen würde. Und auch er sei ihr nicht untreu. Eigentlich. Nach einigem Zögern berichtet er dann von seiner Art des Fremdgehens: Da er seine Freundin liebe und die Beziehung nicht gefährden wolle, besuche er Prostituierte. Es sei der sicherste Weg, um sexuelle Erleichterung zu bekommen, ohne das Risiko, sich zu verlieben. Er nennt es «das kleine Geheimnis zwischen dem letzten Bier und dem Nachhauseweg». Der Kick der Strasse, ein wenig exotisch, ein wenig fremd, «wie koreanisch essen gehen». Danach habe er wieder Lust auf die Innigkeit mit seiner Freundin. Und kein schlechtes Gewissen.

Mal ganz unabhängig von der moralischen Wertung: Ist das Untreue?

Nein, sagten die Männer.

Ja, sagten Sexologen. Wir sind untreu, sobald wir das Gefühl haben, etwas vor unserem Partner verheimlichen zu müssen. Man müsse nicht jedes Vergehen beichten, gerade in Verbindung mit Alkohol könne es zu Seitensprüngen kommen, die nichts zu bedeuten haben. Aber sobald man regelmässig etwas nachgeht, das man glaubt verheimlichen zu müssen, hintergehe man den Partner.

Es ist die Gretchenfrage des Fremdgehens: Lügen oder Beichten? Meine Männer waren sich einig: «Auf keinen Fall gestehen!» Ich fragte auch W., den notorischen Fremdgeher, ob er seiner Frau schon einmal etwas gestanden hätte. W. lächelte, liess den Espresso-Satz in der Tasse kreisen, trank den letzten Schluck und sagte: «Willst du wissen, wie man fremdgeht?» Ich nickte verlegen. W. beugte sich vor und verriet mir seine Regeln des sicheren Fremdgehens:

1. Die Frau darf sich nicht in dich verlieben. Suche dir Frauen aus, die gebunden sind und die eine Affäre wollen, um ihre Ehe zu retten.
2. Erzähle deiner Frau nichts von der anderen Frau. Also keine Notlügen über eine freundschaftliche Beziehung zu deiner neuen Arbeitskollegin.
3. Leugne. Ehrlichkeit führt nur zu Verletzungen, Gefühlschaos und Rachegefühlen. Natürlich wird deine Frau instinktiv spüren, dass etwas nicht stimmt, aber auch sie hat ihre Lebenslügen. Zum Beispiel, dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Also muss sie sich ihre Geschichte zurechtlegen, um zu überleben. Sie wird für dich lügen.

Wer unbehelligt fremdgehen will, muss also bereit sein, etwas dafür zu tun, vor allem zu lügen. Er muss sich wichtige Geschäftsessen nach Büroschluss ausdenken und Fortbildungsseminare, am besten im Ausland, erfinden. Er muss gesendete SMS löschen, E-Mail-Programme mit Passwörtern versehen (und sich diese merken!), und er muss, wenn er doch erwischt wird - das ist keine Regel, sondern ein Gesetz - eisern weiterlügen, während sich der Abgrund unter ihm auftut. Ein grosser Aufwand. Wie einen Job ausüben und sich zeitgleich für einen neuen bewerben.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum 45 Prozent der Männer nicht fremdgehen. Es entspricht der Vermutung einiger Sexologen, dass manche Männer schlicht zu träge sind, um die Mühen des Fremdgehens auf sich zu nehmen, andere wiederum gern fremdgehen würden, aber keine Frau finden. P. (41) gehört in diese Gruppe. Der zweifache Familienvater, der einen glücklichen Eindruck macht, bestätigte, was in keiner Statistik Eingang findet, weil selbst bei anonymen Umfragen kein Mann sich dazu bekennen möchte: Er würde gern mal fremdgehen, aber er findet keine Frau. «Ich bin keine zwanzig mehr, ich stehe nicht betrunken an einer Bar und spreche zehn Frauen an, in der Hoffnung, dass eine mitkommt», erzählt P. mit etwas gedämpfter Stimme von seinem Dilemma.

Es ist aber gar nicht sicher, ob die Hälfte aller Männer fremdgeht. Ein Forscher des Kinsey-Instituts für Sexualforschung schrieb mir: «Männer sind bei keinem Thema unaufrichtiger, als wenn es um die sexuelle Treue geht.» Nach seiner Erfahrung prahlen Männer bei Erhebungen damit, dass sie fremdgehen, obwohl sie tatsächlich treu wie Schosshunde bei ihren Frauchen sitzen.

Allerdings möchte ja auch keine Frau einen Ehemann, der treu ist, weil er zu müde ist zum Fremdgehen oder keine andere abkriegt. Der Schriftsteller Markus Werner hat einen interessanten Gedanken dazu formuliert. Sinngemäss schreibt er: Wir denken, dass zur wahren Liebe eine natürliche Treue gehört. Sobald man untreu wird, war es keine grosse Liebe. Aber verhält es sich nicht mit der Treue wie mit dem Mut? Wer sich nie in Gefahr begibt, dessen Mut bleibt ungeprüft und unbewährt und also unverwirklicht. Folgt man Markus Werners Gedankengang, so müsste also die Treue, um echt zu sein, von der Versuchung heimgesucht werden. Nur die geprüfte Treue zeichnet die wahre Liebe aus.

Der Treueschwur in der Ehe ist eine Erfindung des Christentums, also fragte ich einen befreundeten reformierten Pfarrer, wie er sich männliche Untreue erkläre. Für ihn ist Fremdgehen Ausdruck von Unzufriedenheit in der Beziehung. Vermutlich, so der Pfarrer, habe die Person noch nicht die Richtige gefunden. Aber woran erkennt man die Richtige? «Wenn du die folgenden beiden Fragen mit Ja beantwortest: Kannst du dir deine Frau als die Mutter deiner Kinder vorstellen? Magst du dich selbst, wenn du mit ihr bist?» Am gleichen Abend stellte ich meiner Männergruppe per E-Mail diese zwei Fragen. Bis auf einen antworteten alle Männer Ja auf die erste und Nein auf die zweite Frage.

Zuerst war ich schockiert, aber als ich mit ihnen darüber sprach, verstand ich: Was die Männer meinten, war nicht, dass sie unglücklich sind, sondern dass sie alle hoffen, eigentlich irgendwie anders sein zu können; zuverlässiger, spektakulärer, grossartiger, einfach besser. Sie waren es leid, von ihren Frauen zu hören, was sie wieder vergessen oder nicht beachtet hatten. Manche (W., der Fremdgeher!) waren sich selbst leid, ihre Frauen nicht so zu lieben, wie diese es verdient hätten.

Der jüngste meiner befragten Männer, U. (29), hatte als Einziger mit Ja auf die Frage geantwortet, ob er sich selbst in der Gegenwart seiner Frau möge. U. sieht jünger aus, als er ist. Er sieht gut aus. Er sieht aus, als ob er schon mehr erlebt hätte als ich und auch noch mehr vor sich hat. U. hat auch einen radikal anderen Umgang mit der Treue. Er bevorzugt die offene Beziehung, die Polyamorie. Was häufig für die Lebensform unzivilisierter Dschungelbewohner gehalten wird, hat in der Sexualforschung einen anerkannten Platz bekommen: Das Kinsey-Institut geht seit längerem der Frage nach, ob Polyamorie nicht die klügere Beziehungsvariante ist.

Polyamorie - nicht zu verwechseln mit Polygamie, der Vielehe - ist die Idee einer Gemeinschaft von freiliebenden Paaren in verschiedenen Konstellationen. Zwei Männer mit einer Frau, zwei Frauen mit einem Mann, Doppelpaare - im Unterschied zur «offenen Ehe» ist Polyamorie keine Spielart der Zweierbeziehung, sondern der Versuch, eine Intimität zu schaffen, die auf gegenseitigem Respekt gründet und frei ist von Besessenheit, Bedürftigkeit und Besitzanspruch der Verliebtheit. U. findet, das sei die ideale Lösung. Das einzige Problem: Seine Beziehung zerbrach gerade daran. Seine langjährige Freundin begegnete seiner Offenheit und Ehrlichkeit in Bezug auf Untreue anfangs mit grosser Neugierde. Als sie ihre eigene Exklusivität bedroht sah, ging sie selbst fremd. U. störte es nicht im Geringsten. «Unsere beste Zeit hatten wir, als wir zeitweise in einer Dreiecksbeziehung mit einem anderen Mann waren. Da gab es plötzlich diese romantischen Normen der perfekten Zweierbeziehung nicht mehr.» Am Ende war es seine Freundin, die es dann nicht mehr ertrug, nicht die Einzige in seinem Leben zu sein.

Wenn eine Ehe an der Untreue des Partners zerbricht, heisst esschnell: Das ist nur Ausdruck von etwas anderem, da war irgendwas nicht mehr gut in der Beziehung. Aber vielleicht, überlegt U. laut, vielleicht war ja alles gut, es war aber auch ein verdammt guter Moment, um mit jemand anderem zu schlafen? Treue ist nur ein anderes Wort für Exklusivität, sagt U., was würde schon passieren, wenn wir das Treueideal aufbrächen? Die meisten würden wohl weiterhin in Zweierbeziehungen leben, heiraten und treu sein. Aber es gäbe eine Nische, die vielleicht interessanter wäre.

Ist es wirklich so einfach? Ich konfrontiere die Sexualtherapeutin Simone Plüss mit dem Fall: «Ich würde mit Blick auf sein Alter von einer Phase der Persönlichkeitsentwicklung sprechen. Die meisten Männer entwickeln ab 35 eine grosse Sehnsucht nach einer festen Partnerin oder einem festen Partner. Das Verhalten von U. ist also Ausdruck seiner derzeitigen sexuellen Ausrichtung und auf keinen Fall neurotisch», sagt sie. «Aber es kann Schwierigkeiten geben, eine Partnerin zu finden, die ähnlich tickt.»

Bei einem der letzten konspirativen Treffen sass ich mit U. in einer Beiz. Es war spät geworden. Ich war ratlos. In den letzten Wochen hatte ich vor allem erfahren, dass Männer viel reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Dass manche fremdgehen, ohne es nötig zu haben, und andere treu bleiben, obwohl sie längst ihre Frau verlassen haben. Mehr als alles andere, was ich in den letzten Wochen über Untreue erfahren hatte, faszinierte mich aber die fehlende Eifersucht von U. Sie schien mir wie der lang verborgene Schlüssel zu einem komplexen Rätsel. Aber wie macht er das? U. antwortete mit einer Gegenfrage: Wann bist du eifersüchtig? Ich erzählte von meinem schlimmsten Eifersuchtsanfall: Vor acht Jahren liebte ich jemanden. Sie liebte mich. Dann hörte sie auf, mich zu lieben. Dann liebte sie mich wieder. Dann liebte sie jemand anderen, dann uns beide, dann nur mich und dann nur noch ihn. Es machte mich verrückt. Wir waren nicht gleich alt. Sie sagte, das sei ein Vorteil für mich: Du hast noch so viel vor dir. Ich sagte: Ja, so viel Leid. Als die Dame aus meinem Leben verschwand, nahm sie meinen Verstand mit. Schloss ich meine Augen, sah ich sie vor mir, wie einen Film, der sich über der Netzhaut bildet und somit den Blick auf die Wirklichkeit verbaut. Nachts träumte ich von ihr. Ich träumte, dass sie neue Liebhaber hatte, bessere Liebhaber. Ich war so eifersüchtig, dass ich alle Männer, die vor mir mit dieser Frau geschlafen hatten, umbringen wollte, und die, mit denen sie nach mir schlafen würde, auch gleich.

U. hatte ruhig zugehört. «Eifersucht ist das egoistischste aller Gefühle, es handelt immer nur von dir selbst, nie vom anderen», sagte er. Ich nickte. «Und Treue», fuhrt U. fort, «Treue ist der grosse Bruder der Eifersucht.» Was U. meinte: Treue scheint auf den ersten Blick als ein erhabenes, zutiefst erstrebenswertes Gefühl. Aber der Treueschwur in einer Partnerschaft entspringt der Furcht, dass das, was ist, sich ändern könnte. Es ist die Betonmischung für das momentane Glücksgefühl der Liebe. Und vielleicht ihr Grabstein.

Mikael Krogerus ist Redaktor beim «NZZ Folio».

Erschienen in der annabelle 20/08
Text: Mikael Krogerus

1 Kommentar:

seitensprung-fibel hat gesagt…

Ein interessanter Artikel, der viele Facetten zum Thema Seitensprung anschneidet.

Weitere umfangreiche Informationen zu Themen wie Polyamorie, Beichten oder nicht beichten, wann beginnt Untreue bzw. wie definiert man denn Treue überhaupt, Gründe, warum wir fremdgehen und viele Themen mehr, finden sich unter http://www.seitensprung-fibel.de/expertenrat/.

Hier sind Interviews mit Autoren sowie Buchrezensionen aufgeführt, die Lust aufs Lesen machen. Viel Spaß!

rabenmutter.ch abonnieren