Freitag, 23. November 2007

Sau(g) Stress


Wie freundlich ist stillfreundlich? Müssen wir uns bevormunden lassen von sogenannten Experten, die sich stillfreundlich auf die Brust tätowiert haben? Nein, finden wir!

„Stillen ist eine Kunst!“, sagt Still- und Laktationsberaterin Verena Marchand.

Oh bitte! Mich machen solche Äusserungen so was von sauer. Ich meine, wie kann man so einfühlsam und natürlich tun, und dabei das angeblich normalste der Welt als Kunst bezeichnen?!

Stillen ist keine Kunst, und es braucht dazu auch keinen Hochschulabschluss. Stillen ist oft einfach nur Glückssache. Kein Wunder, das es bei vielen Frauen nicht klappt, wenn sie das Gefühl haben sie müssten eine Prüfung absolvieren, und dies vor einer „Laktationsberaterin“. Was ist das überhaupt für ein hässliches Wort? Hört sich eher an wie die Berufsbezeichnung von jemandem, der mit einer ekligen Krankheit zu tun hat.

Ich hatte Glück und ich bin ein Macho. Das heisst, ich habe mich gezwungen durchzuhalten, als meine Brustwarzen beim ersten Kind bluteten, und ich fast umfiel vor Schmerz. Ich wollte unbedingt stillen, um wirklich zu erleben was es heisst ein Säugetier zu sein. Etwas masochistisch, ich gebe es zu.
Aber abgesehen von den Schmerzen, der mit dem Stillen einhergehenden Dummheit und den sabbernden Brüsten hab ich’s sehr genossen. Ich stillte beide Kinder sechs Monate lang und war dann auch froh als meine Brüste wieder mir gehörten.

Der heutige Stillzwang und die damit verbundene Wissenschaft macht einem eher Angst vor dem Stillen, als dass es einem ermutigt. 90% der Mütter versuchen am Anfang zu stillen, aber nur 20% stillen ihr Kind in den ersten sechs Monaten ausschliesslich. Wieso eigentlich? Anscheinend sind viele Mütter so enttäuscht das es nicht auf Anhieb klappt, dass sie es lieber bleiben lassen. Ich kann das gut nachvollziehen. Immer wird einem das Stillen als fast himmlischen Zustand verkauft. Absolute innige Zweisamkeit mit dem Kind. Auf den Bildern sehen Mutter und Kind so schön und gesund aus, dass es einem fast schlecht wird. Die Realität mit den Schmerzen, und das Gefühl eine müde alte Milchkuh zu sein wird nirgends erwähnt. Es ist schwierig, diesem Bild der entspannten Mutter, die sich voller Hingabe um’s Kind kümmert, gerecht zu werden.

Und genau da liegt das Problem. Die Erwartungen sind viel zu gross und die Vorbilder sind kitschig und realitätsfremd.

Das „Drumherum“ des Stillens ist mittlerweile auch erschreckend. Es gibt Stiftungen zur Förderung des Stillens die zu Weltstillwochen aufrufen. Es gibt ein Unicef-Label, das Spitäler und Geburtshäuser als „stillfreundlich“ auszeichnet. Man kann die eigene elektrische Brustpumpe in einem Rucksack überall mitnehmen und sich schnell und unauffällig die kostbare Muttermilch abpumpen.

Das ist ja alles gut und recht, aber ist es nicht ein wenig heuchlerisch, wenn diese angeblich so stillfreundlichen Spitäler nicht mehr die Zeit nehmen, verunsicherte Mütter zu beraten? Da gibt es so Geschichten, wie die der Frau Ammann, die mich schon ziemlich nachdenklich stimmen. Als sie ihr Kind in so einem Krankenhaus gebar und es mit dem Stillen nicht klappen wollte, übergab man ihr ein Stilltechnik-Video, dass sie sich dann im Zimmer anschauen sollte.
Ich stelle mir das sehr angenehm vor wenn man beispielsweise in einem Allgemeinversicherten-Zimmer, umgeben von anderen Müttern, die keine Still-Probleme haben, sich ein Stilltechnik-Video anschauen muss.


Es gibt keinen Grund warum ein Schoppenkind nicht genauso gesund und glücklich sein soll wie ein gestilltes. Es liegen zwar immer wieder neue Studien vor, die besagen, dass Muttermilch gesundheitliche Vorzüge gegenüber der industriell hergestellten Säuglingsnahrung hat. Aber das soll nicht bedeuten das Mütter, die nicht Stillen wollen oder können schlechte Mütter sind.

Seien wir doch einfach froh, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, und kein Kind (hierzulande) hungern muss. Meine Generation, die in den 70er zur Welt kam, wurde oftmals auch nicht gestillt oder nur sehr wenig, und sind wir nicht ein Haufen super cooler Zeitgenossen?

Ich wünsche euch allen viel Spass beim Ernähren eurer Kinder, egal ob Schoppen oder Brust. Schliesslich ist die grösste Befriedigung zu sehen, wie ein Kind mit gesundem Appetit trinkt und dann friedlich einschläft.

Quellen: Beobachter, Nr. 20/07











1 Kommentar:

Sib hat gesagt…

DANKE, DANKE, DANKE für diese klaren Worte! Und für die Schmunzler, die ich bein Lesen hatte. "Müde alte Milchkuh" — es kam mir so bekannt vor. Hab mir beim ersten Kind auch gedacht, wenn ich jetzt eine Mahlzeit mit Schoppen ersetze (vor 6 Monaten), dann bin ich schuld, wenn das Kind ne Allergie kriegt! So ein Scheiss! Frauen: Wenn ihr Lust habt und es Spass macht, dann stillt. Wenn nicht, eben nicht —oder eben nicht voll, es gibt ja nicht nur Schwarz udn Weiss.
Liebe Grüsse
Sibylle

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