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Zerreissprobe für Familienbanden

Wie sieht die Zukunft der Familie, der kleinsten Zelle der Gesellschaft, aus? Welche Herausforderungen kommen auf die ohnehin schon überforderten Mütter und Väter zu? Eine OECD-Studie gibt Antworten.

Von Nina Toepfer für clack.ch

Wer weiss, ob wir alles haben können. Aber ob man es haben wollen soll oder überhaupt erst kann, darüber kann man streiten. Die Debatte um berufstätige Mütter wird oft geführt, als gäbe es da prinzipiell richtige und falsche Entscheidungen zwischen Job und Familie. Dabei wäre gut zu wissen, wie denn die beste aller Welten aussähe, in der Frauen und Männer überhaupt erst die Möglichkeit hätten, zwischen Beruf und Familie zu entscheiden. (Lesen Sie auch: «Die Kündigung an den Mann»)

Die Protagonistinnen der Diskussion sind hier schon mehrfach erwähnt worden. Nach den Tiger Moms und ihren französischen Gegenspielerinnen erregte Anne-Marie Slaughter damit Aufsehen, dass sie sich als Hillary Clintons Beraterin im Aussenministerium zurückzog, um für ihren Sohn dazusein. (Lesen Sie auch: «Können Mütter alles haben?») Dann kam die neue Yahoo-CEO Marissa Mayer, die Gratulationen zu ihrem Job entgegennahm, sich kurz darauf aber, als sie ihre Schwangerschaft bekannt gab, den Kommentar anhören musste, es wäre doch jetzt wohl eher Zeit für das Kind. Dabei geht unter, dass man sich die Diskussion der Vereinbarkeit erst mal leisten können muss. Viele Frauen arbeiten aus wirtschaftlichen Gründen. Das wird zwar auch schon pflichtbewusst erwähnt, aber oft auch nur am Rand. Wie gut man Familie und Beruf vereinen kann, hängt von der Ökonomie ab, von den Kräften und von dem Netz der Unterstützung, auf das man sich verlassen kann. Im Beruf helfen Dinge wie etwa flexible Arbeitszeiten. Nur: Von welcher Familie ist die Rede?
Mehr offene Formen
Wie die Familie im Jahr 2030 aussehen könnte, hat eine Studie der OECD kürzlich skizziert und ihren «experimentellen» Charakter unterstrichen. Sie hält fest: Patchwork, living apart together, gleichgeschlechtliche Partnerschaften – neue Formen lösen mehr und mehr das Muster der traditionellen Familie ab. Was passiert dabei mit all den familieninternen Bertreuungsjobs und Verpflichtungen, die in einer traditionellen Familie klar zugeordnet waren, von der Erziehung der Kinder bis zur Pflege der Alten – was traditionell den Frauen obliegt? (Lesen Sie auch: «Weibliche Singles: Allein und ganz fröhlich»)
Die Autoren der Studie untersuchen drei Themenkreise: die Konsequenzen der wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung auf Familien mit niedrigem Einkommen und den sozialen Zusammenhalt; das Gleichgewicht zwischen Familie und Arbeit; die Rolle der älteren Familienmitglieder. Entscheidend, wenn auch nicht überraschend: Die wirtschaftliche Situation spielt selbst in Genderfragen eine grosse Rolle. Ein paar Punkte dazu aus der Studie über die Familie bis 2030.
  • Wenn derzeitige Trends anhalten, werden 2030 mehr Menschen dem Risiko der Armut ausgesetzt sein, die Kluft zwischen gut und schlecht Ausgebildeten und gut und schlecht Verdienenden verschärft sich. Vor allem Einpersonenhaushalte, Haushalte mit nur einem Verdiener, Working Poor wegen reduzierter Arbeitsstunden und niedrigem Lohn gelten als dem Risiko der Armut ausgesetzt.
  • Offene Familienstrukturen erhöhen das Risiko von wirtschaftlichen Schwierigkeiten sowie Familienereignissen wie Trennung und Scheidung. (Lesen Sie auch: «10 Warnsignale dafür, dass ihre Partnerschaft bald zerbricht»)
  • Der Trend, dass immer mehr Mütter berufstätig sind, ist unumkehrbar; über 65-Jährigen steht vor allem in Europa und den USA die Berufswelt länger offen.
  • Während einerseits manche Berufstätige immer längere Stunden arbeiten, werden andere immer mehr Teilzeit- und Temporärstellen innehaben, die nicht geregelte und/oder unvorhergesehene Arbeitszeiten mit sich bringen. Was wiederum keine guten Nachrichten sind für die Work-Family-Balance.
  • In einer allgemein günstigen Wirtschaftslage gäbe es eine positive Entwicklung der Work-Family-Balance: Gleichstellung von Männern und Frauen bekäme mehr Gewicht in der Politik und bei den Unternehmen, öffentliche und private Kinderbetreuung würde vermehrt angeboten, grosse Unternehmen würden flexible, familienfreundliche Arbeitszeiten einführen, um gut ausgebildetes Personal zu gewinnen und zu behalten. Als negativ andererseits sieht die Studie auch immer mehr nicht geregelte Arbeitszeiten und lange Arbeitstage kommen, auch Kinderbetreuung wäre für Familien mit kleinem Einkommen nicht immer zugänglich.
  • In einem allgemein weniger günstigen Wirtschaftsszenario drohen anhaltende Langzeitarbeitslosigkeit und knappe öffentliche Budgets. Öffentliche Kinderbetreuung würde zurückgehen, Arbeitsstunden würden länger, Arbeitszeiten unflexibler werden. Was für die genderspezifische Verteilung der unbezahlten Arbeit hiesse: zurück zur traditionellen Rollenverteilung. (Lesen Sie auch: «Was ist mit der guten alten Romantik?»)
Was rechnet sich?
Man hat es sich denken können: Die Work-Family-Balance hängt von der Wirtschaftslage ab. Und davon, wie sich die neuen Familienstrukturen in der Gesellschaft etablieren.
Zum Beispiel sei es nicht wirtschaftlich, wenn sich zwei Erwachsene um ein Kind kümmerten, meinte einer der Autoren, der Soziologe Klaus Haberkern, kürzlich in einem Interview im «Tages-Anzeiger». Er schlug vor, dass sich Familien zusammenschliessen, um Kinder und ältere Familienmitglieder zu versorgen, und wie sie dabei etwa mit Infrastruktur und Betreuungsgeldern unterstützt werden könnten. Gleichzeitig müsse man sich fragen, so Haberkern, wie mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt kommen, denn: «Es ist viel zu teuer, auf all die gescheiten Frauen zu verzichten.»
Es geht ja offensichtlich nicht nur darum, herauszufinden, wer es zwischen Beruf und Familie, zwischen Sorge um die Kids und Sorge um den Job erzieherisch, moralisch, fachlich richtig macht und besser aussieht dabei, sondern auch darum, was sich besser rechnet. «Womenomics» zumindest hat ja schon behauptet, Unternehmen, die von Frauen geführt würden, erzielten die besseren Gewinne.
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