Donnerstag, 23. August 2012

Ferien forever!





Das gibt es wirklich. Es nennt sich «Radical Unschooling» und erinnert an die 68er. Aber ist es auch realistisch?


Die Schule hat uns wieder. Ja uns, nicht nur die Schüler. Denn wer schulpflichtige Kinder hat, weiss, dass der Stundenplan nicht nur sie angeht, sondern uns Mütter (und machnmal die Väter) genauso mit einbezieht. Vom anstehenden Elternabend, dem lärmigen Besuchstag, über die nervtötenden Hausaufgaben bis hin zum Schwimmunterricht, für den man das Badezeug eben nicht vergessen sollte.

Wer ausserdem vor den Sommerferien eines dieser wahnsinnig angenehmen Gespräche mit einem Lehrer hatte, bei dem einem nahegelegt wird, das eigene Kind wegen mangelnder schulischer Leistungen doch bitte abklären zu lassen, wünscht sich wohl erst recht gaaaanz lange Ferien.

Montagnachmittag kam unser Sohn bereits wieder mit Hausaufgaben nach Hause. Und leider nicht die beliebte Sorte mit Wörtern und Buchstaben, sondern eben die mit den vielen Zahlen. Bis hundert. Wieso der Kleine Zahlen nicht mag, scheint genetisch gegeben zu sein, wieso sonst würde ich einen schreibenden Beruf und nicht den einer Buchhalterin ausüben? Weil mir (und seinem Vater) Zahlen genauso wenig liegen wie ihm.

Was also klingt in verzweifelten elterlichen Ohren wie ein Segen in Sachen Schule? «Un-Schooling»! Genau! Kinder aus der Schule nehmen und selber lernen lassen scheint doch DIE Lösung.

Keine Zwänge, keine Verbote
Gemäss der Philosophie des «Radical Unschooling» sollten Kinder nicht gezwungen werden, zu lernen. Ganz zu schweigen vom Haare-kämmen, Gemüse-essen oder gar ihre Kleider anzubehalten. Für den «Atlantic» hat eine Mutter, die ihre Tochter zu Hause unterrichtet, das Phänomen näher betrachtet. 

Eigentlich weiss die Forschung – und wir Eltern grundsätzlich auch – dass die Schule, wie wir sie kennen, nicht dem entspricht, wie ein Mensch lernt. Es sind nicht die endlosen Wiederholungen, das Auswendiglernen und das viele Lesen, wodurch wir Dinge lernen. Vielmehr lernt wir durch Leidenschaft, Ausprobieren und Durchhaltevermögen, bis wir ein Problem gelöst haben oder das Interesse daran verlieren. Das wusste schon der amerikanische Lehrer John Holt 1970. 

Wie Quinn Cummings im «Atlantic» schreibt, wissen Eltern schon längst, was die Forschung immer wieder neu entdeckt. So sind Teenager erwiesenermassen keine Morgenmenschen. Obwohl die Versuche, den Schultag später anzusetzen durchwegs Erfolge brachten, haben die wenigsten Oberstufen dieses Prinzip übernommen. Auch standartisierte Tests werden immer wieder angezweifelt, es wird teilweise gar davon abgeraten, weil es Schüler dazu ermutigt, lediglich wiederzugeben, statt für sich selbst zu denken.


Weshalb Cummings sich intensiver für die Spezies der «Radical Unschoolers» zu interessieren begann: Diese Kinder dürfen den ganzen Tag genau das tun, was ihnen gerade gefällt. Sie haben weder Bett- noch Essenszeiten, keine Verbote, frech zu sein oder sonstige Zwänge, die unsere Gesellschaft wie zu oft verlangt. Es geht grundsätzlich darum, einem Kind nicht zuzumuten, was wir auch keinem anderen Erwachsenen zumuten würden. Wenn meine Tochter also beim Haarekämmen brüllt, soll ich es eben lassen und die Mähne zu einem Dreadlock-Knäuel wachsen lassen. Es seien schliesslich ihre Haare und nicht meine. 

In ihrem Artikel beschreibt die Journalistin auch eine Konferenz der «Radical Unschoolers», an der sie teilnahm und die doch sehr an Hippies erinnerte, die weisse Poloshirt-tagende Mütter und Väter bekehren möchten. Nackte Kinder, die lautstark über ihre Genitalien referieren und Mütter, die ihnen ihre Brüste anbieten, um diese stillend zu beruhigen.

Kommen Ungeschulte im Berufsleben zurecht?
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin bei solchen Theorien immer hin- und hergerissen. Einerseits klingt es toll, unsere Kinder so aufwachsen zu lassen, wie es die Natur eigentlich vorgesehen hat. Ohne Zwänge und ohne nervenaufreibenden Additionen und Subtraktionen. Andererseits muss ich mich natürlich fragen, wie diese Kinder denn später im Berufsleben zurechtkommen werden. Oder züchten sich radikale Unschuler sowieso nur Künstler heran, die eben nichts auf gesellschaftliche Konventionen geben?

Eines ist sicher: Das nächste Mal, wenn mein Sohn mit den Hausaufgaben nicht zurechtkommt, werde ich etwas mehr Geduld mit ihm haben. Denn ob einverstanden oder nicht, in einem haben die «Radical Unschoolers» Recht, Kinder sollten Wissen aufsaugen und nicht damit gemästet werden. Die Umsetzung dieser Erkenntnis hingegen erweist sich in 25-köpfigen Klassen wohl als schwieriger als zu Hause. Leider.

Wie geht es euch dabei, wenn ihr von solchen Bewegungen hören? Haben die am Ende Recht? Oder ist es Unsinn?

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