Dienstag, 12. Oktober 2010

Mütter und andere Polizisten

Die Mütterpolizei macht vor nichts halt. Schon gar nicht vor gesunder Ernährung.

Der Post im Blog von wir eltern von Ralf Martin letzten Donnerstag hat einen Kommentar provoziert, der mich ehrlich gesagt, etwas genervt hat. Ralf fragt sich, wieso Mütter sich so unter Druck setzen lassen und der Kommentar lieferte ihm sozusagen die Antwort. Im Post beschrieb der Autor die Situation, wie er auf dem Spielplatz die ungesunde Ernährung eines bereits etwas dicklichen Mädchens beobachtete. Worauf die Kommentatorin sich fragte, wieso er nur beobachte und nicht einschreite? Der fehlbaren Mutter zu verstehen gäbe, dass sie ihrer Tochter mit Chips und Süssgetränken schade, anstatt wegzuschauen? Solche Damen wurden von Ayelet Waldman in ihrem vielbeachteten Buch «Böse Mütter» als «Mütterpolizei» bezeichnet. Frauen, die sich um Angelegenheiten kümmerten, die sie nichts angingen. Das Ganze meist unter dem Mantel der «Gesundheit für's Kind».

Wir Mütter werden täglich mit diesem unsäglichen Thema «Gesundheit» konfrontiert. Unsäglich, weil wir es doch ehrlich gesagt alle nicht mehr hören können. Wir wissen – nicht zuletzt, weil uns die Medien und die Schule dauernd daran erinnern – dass zuviel Zucker, Fett und Salz ungesund sind. Unsere Kinder nehmen Broschüren nach Hause, die den einzigen wahren Z’Nüni beschreiben und das Fernsehen kämpft mittels diverser Gesundheitssendungen gegen das jugendliche Übergewicht, das in der westlichen Welt grassiert. Studien gibt es zu diesem Thema so viele wie Sand am Meer, Interpretationen davon gar noch mehr.

So kamen beispielsweise Wissenschaftler des Institutes of Child Health zum Schluss, Kinder berufstätiger Frauen seien ungesünder als die von Hausfrauen. Sie seien weniger aktiv und würden ungesundes Essen zu sich nehmen, weil ihre Mütter weniger Zeit hätten, sie zum Fussballtraining zu fahren oder bio für sie zu kochen.

Keine Studie, aber eine abstruse Theorie zum Thema liefert auch Rose Prince in der englischen Daily Mail: Schuld an der ungesunden Ernährungs-Misere seien die Feministinnen, die Kochen als Arbeit unter Leibeigenschaft degradiert hätten, weshalb diese Tätigkeit zu unterlassen sei. Also servieren diese Feministinnen der Familie Convenience-Food, der bekanntlich ungesund ist und fett macht. (Wieso in dem Fall nicht alle Feministinnen übergewichtig sind, erklärt sie jedoch nicht.) Weiter erklärt sie, Kochen zu können sei ein Muss für jeden unabhängigen Menschen, der ein selbstbestimmtes Leben führen wolle. Sie übersieht in ihrer Argumentation grosszügig, dass sie das Kochen auch 2010 noch als Frauen-Attribut sieht, schliesslich ist sie davon überzeugt, dass Frauen den grösseren Ernährer-Instinkt als Männer hätten. Und sie schliesst mit den Worten: «Seien sie erfinderisch – dann ist Kochen keine lästige Pflicht.»

Was schliessen wir aus diesen Beispielen? Eine Mami, die kocht, ist eine richtige Mami. Wenn sie sogar gerne kocht, ist sie eine richtig gute Mami. Vielleicht ahnen Sie es schon. Ich koche nicht. Und schon gar nicht gerne. Ja, bei uns zu hause gibt es mittags öfter Convenience-Food. Nicht zuletzt, weil meine Kinder Fisch am liebsten in Stäbchen und Hackfleisch gerne im Brot essen. Ernährungs-Instinkt? Klar habe ich den, aber die Nahrung darf gerne auch einmal von Findus kommen! Von wegen Frauen hätten mehr von diesem Instinkt! Wenn bei uns fein gegessen wird, sei es in der Familie oder mit Gästen, hat mit Bestimmtheit mein Mann gekocht.

Kochen ist für mich stressig und nervig, ich habe es nie richtig gelernt und das Scheitern in der Küche bringt mich auf die Palme. Verkohlter Risotto, angebrannte Rüebli und fade Saucen gehören bei mir zur Tagesordnung. Also greife ich gerne zwischendurch – o.k. vielleicht die Hälfte der Zeit – auf Fertig-Schinkengipfeli, Ofen-Pommes oder Spinat aus der Tiefkühltruhe zurück. Meine Kinder sind trotzdem weder kränklich noch übergewichtig.

Natürlich ist auch mir klar, dass wir uns nicht nur von Junkfood ernähren können und dass das frische Rüebli allemal besser ist als der Schokoriegel. Mir geht es um den gesellschaftlichen Druck, der auf uns Müttern – und eben nur auf uns Müttern – lastet. Wildfremde Menschen haben heute das Recht, die Ernährung meiner Kinder anzuzweifeln. Nebst der Still- und Krippendebatte also auch die Ernährungspolizei!

Doch meine Haltung eckt überall an. Die meisten anderen Mütter wetteifern um die neuste Biokost, die sie ihren Kindern vorsetzen und klopfen sich gegenseitig auf die Schulter, wenn sie wieder mal zwei Stunden in der Küche gestanden haben, um dem Jüngsten den Kichererbsenbrei zu zaubern, den dieser danach unter den Tisch pappt. Denn Kinder sind so: undankbar. All die Mühe, die sich Mütter machen, um ihre Kinder gesund und möglich selbstgemacht zu ernähren, endet doch meist damit, dass sich der Nachwuchs zum Geburtstag eine McDonalds-Party wünscht. Da nützen auch keine Ernährungs- und Kochgurus wie Jamie Oilver, so sehr er in den letzten Jahren für urbane Birkenstockträger zum Gott mit Olivenölflasche und Knoblauchpresse mutiert ist. Bei den Kids in England ist er mit seinem Versuch, ihnen gesunde Ernährung näherzubringen, kläglich gescheitert.

Doch genau die Mütter sind es eben auch, die mir auf dem Spielplatz – auf dem ich sowieso schon selten zu finden bin – böse Blicke zuwerfen, wenn meine Kinder keine geschnittenen Apfelstückchen, sondern mal ein Kägifret zum Zvieri bekommen. Mein Bedürfnis, sie darüber aufzuklären, dass sie das nicht jeden Tag kriegen, doch heute einfach nichts mehr in der Früchteschale zu finden war, weil ich arbeite und keine Zeit hatte einkaufen zu gehen, hat sich seit dem zweiten Kind in Nichts aufgelöst. Sollen sie doch denken, was sie wollen, den Stempel habe ich ja schon, egal wie sehr ich mich rechtfertige.

Und wie das immer bei «Experten-Meinungen», Studien und besserwisserischen Spielplatzmüttern ist: Man sucht sich am Schluss einfach das, was einem am meisten entspricht. Bei mir sind es die Thesen von Udo Pollmer, Autor und Leiter des Europäischen Institutes für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. Er predigt lustvolles Essen und ist überzeugt, dass ein gewisser Körperbau angeboren ist, der auch mittels gesunder Ernährung nicht geändert werden kann. Alles, was man über gesunde Ernährung zu wissen glaubte, wird von seinen Thesen in der Luft zerrissen. Entsprechend unbeliebt ist Pollmer bei vielen Ärzten und Gesundheitsexperten. Umso beliebter bei Frau Sassine. Die Ernährungspolizei muss ohne mich ihre Runden ziehen.

Ist gesund kochen heute ein Muss oder darf man sich auch mal gehen lassen?

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Jetzt wirds schwierig. Natürlich sind blöde Kommentare auf dem Spielplatz extrem nervig (und meiner Meinung/Hoffnung nach seltener, als immer wieder behauptet). Und sicher ist das, was wir unter gesund verstehen, weder für die Kinder noch die Eltern häufig geschmacklich erste Wahl. Dennoch finde auch ich es wichtig, sich für das Essen Zeit zu nehmen. Und wer gerne isst, kocht häufig auch gerne (wenn auch vielleicht nicht jeden Tag - typisch Vater halt).

Anonym hat gesagt…

Ich esse für mein Leben gern, mag es überhaupt nicht zu kochen und habe einen BMI von 19
Konform gehe ich ja damit, dass man sich für`s essen Zeit nehmen sollte, nichts schnell in wenigen Minuten hinterschlingen. Nicht konform gehe ich hingegen damit, dass man selbst viel Zeit für die Zubereitung erbracht haben muss...

mammal hat gesagt…

lass doch deinen mann oder deine kinder kochen, wenn du es nicht kannst oder geht ins restaurant.

rabenmutter.ch abonnieren