Sonntag, 26. Oktober 2008

Trsch!

Heute werden hier Ohrfeigen verteilt. Etwa an alle, die «Ungeduld» als ihren grössten Makel angeben.

Von Michele Rothen "Miss Universum": Ich fragte neulich ganz naiv einen jungen Menschen, was er denn mal machen wolle, so beruflich. Der junge Mensch meinte, er wisse es noch nicht so genau, aber auf jeden Fall etwas, wo er viel mit Menschen zu tun habe. In dem Moment wollte ich ihm ganz körperlich viel mit einem Menschen zu tun geben und ihn nach allen Regeln der Kunst verprügeln. TRSCH! Allein für die Tatsache, dass er einen Satz braucht, der schon so verdammt oft gesagt wurde. Ich möchte einmal im Leben den Satz hören: «Ich möchte einen Beruf ausüben, bei dem ich so wenig wie möglich mit Menschen zu tun habe. Ich möchte in einem dunklen Kellerloch sitzen und ganz allein für mich irgendeine Arbeit erledigen.»
Es gibt viele solcher Sätze, die mich mit ihrer gesellschaftlich abgenickten Leere anstelle von Ehrlichkeit in den Wahnsinn treiben. Zum Beispiel die Antwort auf die Frage an Missen, Models, Moderatorinnen, welchen ihrer Körperteile sie am wenigsten mögen: «Die Füsse.» TRSCH! Es sind immer die Füsse. Ich wills nie mehr hören. Ich will nur noch ehrliche Antworten, sei das: «Nichts, ich find alles wahnsinnig geil an mir» oder: «Meine Hängebrüste, ich hab nämlich Hängebrüste, man siehts nicht, weil ich immer Push-ups trage, aber ich hab wirklich schlimme Hängebrüste», aber nie mehr: «Meine Füsse».
Und auch nicht: «Früher in der Schule wurde ich immer gehänselt, weil ich so dünn war, sie nannten mich Bohnenstange.» TRSCH! Herrje, du armes, schönes Model. Wurdest gepiesackt, weil damals niemand deine ungewöhnliche Schönheit erkannte? Aber ehrlich, danke für die Info. Wir Normalhässlichen sind SO froh zu hören, dass dein Leben auch nicht immer eitel Sonnenschein war. Genugtuung ist ja das Einzige, was uns bleibt.
Ich will auch auf die Frage nach der schlechtesten Eigenschaft nie wieder hören: «Ungeduld.» TRSCH! Ist natürlich eigentlich eine Tugend, ist natürlich eigentlich Tatendrang und Energie. Oder: «Zu ehrlich.» TRSCH! Ich will mal von irgendjemandem hören, er sei missgünstig. Oder schwer von Begriff. Langweilig, eine enorme Spassbremse, eingebildet.
Man fordert solche Reflex-Floskeln allerdings auch selber oft heraus. Neulich sagte ich zu jemandem, der mir vorgestellt wurde, dass ich schon viel von ihm gehört hätte. Beim «von» etwa wurde mir klar, was ich da tat, dieser Satz ist ja ein Trigger, die Flamme an der Zündschnur, das Schütteln der Champagnerflasche, aber es war schon zu spät, und ich überlegte noch, den Satz an dieser Stelle einfach abzubrechen, «Ich hab schon viel von», aber das ging nicht, oder «Thomas Mann gelesen», «meiner Mutter, die Nase zum Beispiel», «-due gegessen» anzuhängen. Aber das hätte keinen Sinn gemacht, also beendete ich den Satz ordentlich, und natürlich sagte der Mensch dann: «Ich hoffe, nur Gutes.» TRSCH! Aber das war ja wirklich meine Schuld.
Nächstes Mal, wenn mir jemand vorgestellt wird, sage ich: Ach, ja, hallo, ich habe noch nie irgendwas von dir gehört, wahrscheinlich völlig zu Recht, du blöder Langweiler.

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