Montag, 2. Dezember 2013

Nein, wir sind nicht alle gleich



Wenn wir mit Kindern über Rassismus reden, lügen wir sie an. Weshalb wir damit aufhören sollten.
«Mami, ist Rebekka eigentlich mit Schokolade überzogen?» fragte mich mein damals Dreijähriger, als ich ihn in seiner Multi-Kulti-Krippe abholte. Hin- und hergerissen zwischen Empörung und Schmunzeln, habe ich ihm erklärt, was es mit der Hautpigmentierung von Menschen afrikanischer Abstammung auf sich hat. «Aber sonst ist sie genauso wie du.» Natürlich konnte ich mir diese li(e)berale Allerwelts-Antirassismus-Floskel nicht verkneifen. Schliesslich bin ich mit links-denkenden Eltern aufgewachsen, die jede Art von Xenophobie auf's Höchste verurteilten. Und immer noch tun. 

Damit Sie mich richtig verstehen: Meine Familie ist auch Multi-Kulti: Italien, Deutschland, Frankreich, Libanon, Schweiz, Japan, Indien, China.... Das sind ein paar der Nationalitäten, von der meine Grossfamilie abstammt. Ich kann getrost behaupten, dass Rassismus mir fremd ist und ich die Ansichten meiner Eltern bis heute lebe. 

Doch tun wir unseren Kindern wirklich einen Gefallen, wenn wir ihnen weismachen wollen, dass wir alle gleich sind? Kann ein Dreijähriger wirklich etwas damit anfangen, wenn wir ihm sagen, Mahmoud sei genauso wir wir? Obwohl er einen anderen Znüni isst, anders spricht und anders lebt als wir? Ich glaube nicht. 

Im Gegenteil, ich glaube, es ist schlicht kontraproduktiv, wenn wir unseren Kindern erzählen, wir seien alle gleich und die Welt sei heil. Spätestens seit dem Minarettverbot, der Ausschaffungsinitiative, den News letzten Sommer über Oprah Winfrey und Asylanten in der Schweiz – die leider auch um die Welt gingen – zeigen uns, dass dem nicht so ist. Jede zweite Initiative der SVP beweist uns, dass es nicht der Realität entspricht, zu behaupten, wir seien alle gleich. Und schon gar nicht, wir seien alle willkommen...

Wir sind nicht alle gleich, angefangen bei Äusserlichkeiten. Das wäre abstrakt, wie in einem Science Fiction Film. Doch Kinder verstehen keine Abstraktion. Und farbenblind sind auch die wenigsten unter ihnen. Anders als wir, wissen Afroamerikanische Eltern das offenbar und handeln danach. So fand man in einer Studie heraus, dass sie ihre Kinder bereits als Dreijährige über die Rassismus-Problematik auf dieser Welt aufklären. Nach und nach wird ihnen bereits im Kleinkindalter verständlich gemacht, dass es unterschiedliche Menschen gibt. Weisse Eltern reden offenbar erst mit ihren bereits pubertierenden Kindern darüber. Noch Fragen? 


Doch was sage ich meinem weissen Schweizer Kind über die Nachbarn, deren Haut nach Schokolade schmecken könnte, wenn nicht, dass sie selbstverständlich genauso sind wie wir? Dass sie nur anders aussehen, zum Beispiel, aber deswegen genauso wie wir, manchmal nett und manchmal doof sein können. Manchmal beste Freunde und manchmal Nervensägen. Dass sie – in diesem speziellen Fall – von einem wunderschönen Kontinent abstammen, der leider viele Leute vertrieben (oder verkauft) hat, sei es aus Hungersnot oder wegen diverser Kriege, weshalb ein paar nun bei uns ein Zuhause gefunden haben.

Es reicht nämlich nicht, wenn man nur gewisse abwertende Wörter nicht mehr sagen darf. Oder Kinderbücher entsprechend neu aufgelegt werden (was ich durchaus richtig finde, wie hier schon mal erklärt). Das ist das eine. Was mir fast noch wichtiger ist – und da werde ich mit dem Alter immer untoleranter – ist, dass sie sich wehren sollen, wenn jemand in ihrem Umfeld rassistische Sprüche macht. Nicht wie viele von uns – mich eingeschlossen – höflich schweigen und hoffen, dass das Thema bald gewechselt wird. Nein! Auf den Tisch hauen und der Person sagen, wie dumm sie ist, wenn sie wirklich glaubt, sie dürfe von ihrem hohen weissen Pferd herunter predigen, Asylanten sollen nach Hause, statt bei uns Drogen zu dealen! Das wünsche ich mir am allermeisten von meinen Kindern: Nicht nur, dass sie keine Rassisten werden, sondern auch, dass sie den üblichen Rassisten über ihr fieses Maul fahren. 
 
Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Unser Dorf muss in Zukunft 4 ½ Asylanten aufnehmen (was immer der Halbe bedeuten mag). Die Diskussion ist meines Erachtens also noch lange nicht beendet. 

Wie gehen Sie mit dem Thema Rassismus bei Ihren Kinder um?

1 Kommentar:

Lorelai hat gesagt…

Meine Kinder sind noch zu klein, wachsen aber ganz automatisch mit verschiedenen Ethnien auf: Indien, Afrika, Ukraine, Argentinien, Italien, Türkei - alles ist vertreten. Sie hören verschiedene Sprachen, erleben verschiedene Kulturen. Es wäre mir aber nie in den Sinn gekommen, zu sagen, dass "alle gleich" sind. Wer sagt denn sowas!? :D Auch in den Kinderbüchern, die ich habe, gibt es zum Teil dunkelhäutige Kinder.

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